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Michael Gielen dirigiere so, wie einer, der an der verschlossenen Klotür rüttelt, beschreibt ein HR-Kollege seinen Stil.

Nachruf

Die Idee einer „ästhetischen Linken“

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Furor der Genauigkeit: Zum Tode des Dirigenten Michael Gielen.

Die Formel von der „ästhetischen Linken“ kam in den 1960er Jahren, beeinflusst von französischen Filmtheoretikern, in der maßgeblichen deutschen Filmkritik auf. Lange vor 1968 verabschiedete sie die künstlerische Stagnation der Adenauerära und flankierte das Wunder des deutschen Autorenfilms, das sich mit Namen wie Jean-Marie Straub, Alexander Kluge, Vlado Kristl, später Edgar Reitz, Wim Wenders, Werner Schroeter, Werner Herzog verband.

In der aktuellen Musik war die Idee einer „ästhetischen Linken“ noch viel naheliegender. Zwar wurde der Begriff von der Darmstädter Avantgarde nicht lanciert, aber die Sache lag in der Luft. Theodor W. Adorno, der bedeutendste Kopf der „Kritischen Theorie“, schaute den „Darmstädtern“ gerne über die Schulter und verproviantierte sie mit Diskussionsstoff. Heinz-Klaus Metzger, sein Schüler, profilierte sich in diesen Kreisen als rührig-anarchischer Linksradikaler. Und Michael Gielen, bald schon eine wichtige Figur in der neuen Musik, schien exakt dem Typus eines gegen den Normalbetrieb widerständigen Künstlers zu entsprechen, der die Leidenschaft fürs Unglatte, Unerhörte jeder auf Musikmarktmacht pochenden Karrierestrategie vorzog.

Solche Haltung konnte für sich schon das Prädikat „links“ beanspruchen. Doch im Gespräch (und auch in aller Öffentlichkeit) blieb Michael Gielen nicht dabei, für sich eine lediglich künstlerisch grundierte Linksposition zu reklamieren. Ohne vorsichtige Zurückhaltung konnte er schnell ins Schimpfen kommen über vermeintlich liberal-demokratische Zustände, die in Wahrheit durch ökonomische Zwänge in Abhängigkeit geraten waren. Politische Empfindlichkeit und Misstrauen gegenüber dem Staat waren dem Halbjuden eingeimpft, der sich vor den Nazis verstecken musste und später nach Argentinien emigrierte. In Buenos Aires hatte er frühen Umgang mit den fast gleichaltrigen späteren Musikberühmtheiten Mauricio Kagel und Carlos Kleiber. Den Sohn Erich Kleibers bezeichnete er neidlos immer als die einzige geniale Dirigentenbegabung seiner Generation.

Der „ästhetischen Linken“ war Gielen gleichsam bereits familiär verbunden (mütterlicherseits verwandt mit Eduard Steuermann, dem legendären Pianisten der Schönbergschule). Während der Berg-Schüler und Musikphilosoph Adorno in seiner profunden Kritik an Kapitalismus und kulturindustriellem „Verblendungszusammenhang“ theoretisch blieb und (auch biographisch traumatisiert) Berührungen mit praktischen emanzipatorischen Ansätzen (erst recht mit den Rezepturen des Realsozialismus) scheute, war Gielen in politischen Äußerungen unerschrocken und draufgängerisch. In Frankfurt dirigierte er, singulär wie die hiesigen Brechtaufführungen der Buckwitz-Intendanz, die bedeutende „Deutsche Sinfonie“ aus den DDR-Jahren des zum bekennenden Kommunisten gewordenen Schönbergschülers Hanns Eisler. (Nicht vergessen sei, dass Frankfurts CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann es war, der Gielen warmherzig protegierte).

Michael Gielen im Jahr 2002.

Geboren wurde Michael Gielen 1927 in Dresden als Sohn des Theaterregisseurs Josef Gielen, der übrigens zusammen mit Georg Solti an Weihnachten 1953 eine vielumjubelte Frankfurter „Arabella“-Inszenierung leitete. Geprägt haben Michael Gielen indes die ersten Jugendjahre in Wien, wo er sich auch den notorischen Sprachduktus in seiner gallig-raunzigen Variante aneignete und einen spezifischen kommunikativen Charme, der mehr mit Qualtinger als mit Hans Moser’scher Gemütlichkeit gemein hatte. Die Neigung zu Zynismen und eine gewisse Rauheit schliffen sich im Laufe der Jahre ab, ohne als ein apartes Grundmuster ganz zu verschwinden.

Das verband sich durchaus mit professioneller Sachlichkeit und Effektivität, ja, einem gewissen Maß an technokratischer Strenge und Stringenz. Der rationalistische Faktor zeigte sich im womöglich übertriebenen Vertrauen auf lange Probendauern. Zufallsminimierung durch Kontrollverstärkung. Dabei machten sich, wie immer bei großer Musikinterpretation, paradoxe Eindrücke bemerkbar. Der Anschein von Kälte konnte im Glücksfall ins Gegenteil umschlagen: Im Furor der Genauigkeit entstand schließlich das Mirakel einer neuen, aus der Sache geborenen Passioniertheit, einer unnachahmlichen expressiven Vehemenz. Im Prinzip verkörperte auch Gielens Musikalität nichts anderes als das von dem älteren Kollegen Hermann Scherchen namhaft gemacht Gebot „Alles hörbar machen“. Auslotung des Geheimnisses, ohne Geheimnislosigkeit zu produzieren. Schöner und einschlagender als alle subtilen Charakterisierungsversuche scheint mir der Satz eines HR-Kollegen über Gielen: Er dirigiert so, wie einer, der an der verschlossenen Klotür rüttelt.

Der von frühauf unkonventionelle, auch an eigenem Komponieren interessierte Gielen arbeitete in den 1950er und 1960er Jahren erst in anderen europäischen Ländern (u.a. Schweden, Holland), ehe er vor allem als Exponent neuer Musik in Deutschland namhaft wurde. Als sich Günter Wand weigerte, die Oper „Die Soldaten“ seines Freundes Bernd Alois Zimmermann uraufzuführen, war es Michael Gielen, der 1965 eines der Großwerke des 20. Jahrhunderts in Köln aus der Taufe hob. Nach dem Weggang von Christoph von Dohnányi bekam Michael Gielen 1978 die Chance zur Leitung der Oper Frankfurt. Zusammen mit Klaus Zehelein machte er sie zum Mekka einer innovativen, intellektuell aufgerüsteten Opernrezeption ganz im Sinne einer „ästhetischen Linken“. Sehr auffällig dabei der geradezu credohaft rigorose Modernitätsanspruch, der sich in eiserner Abstinenz gegenüber „gemäßigt“ avancierten Gegenwartsopern (Henze, Britten) zeigte und unter vielen Prüflingen einzig Hans Zenders „Stephen Climax“ einer Uraufführung für würdig erachtete.

Zehn Jahre währte die Frankfurter Arbeit des Gielenteams, die immense Auswirkungen auf das gesamte europäische Opernwesen hatte; dass sie nicht noch verlängert wurde, war verschuldet durch eine der wenigen Unaufmerksamkeiten des ansonsten so erfolgreichen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann. Gielen indes fand als Chefdirigent des SWF-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg den zweiten Schwerpunkt seines Lebenswerkes. Hier dirigierte er weiterhin viele zeitgenössische Werke (auch in Donaueschingen), vor allem aber die großen Zyklen der Beethoven-, Mahler- und Brucknersinfonien, deren diskographische Fixierung er als einen interpretatorischen „Nachlass zu Lebzeiten“ beharrlich betrieb.

Auch mit über 80 trat Gielen noch als Konzertdirigent auf. Gleichwohl gehört er zu den Musikern, die ihre Ernte nicht bis ganz zum Schluss einfahren konnten, weil ihm Gehörprobleme zunehmend zu schaffen machten. (Sein viel jüngerer Kollege Hans Zender, inzwischen nahezu blind, ist kaum besser dran). Das Glück ist oft nur ein kurzer Gast. Und nur wenige Biographien – die Gielen’sche ist in mancher Lebensperiode betroffen –, die nicht von Tragik sprechen können.

Zu Person und Autor

Michael Gielen, der am 8. März im Alter von 91 Jahren im österreichischen Mondsee gestorben ist, war als Generalmusikdirektor von 1977 bis 1987 auch für die Oper Frankfurt eine prägende Figur.

Hans-Klaus Jungheinrich (1938-2018) hat als Musikkritiker der FR Gielens Arbeit über Jahrzehnte begleitet und beobachtet. Die Würdigung, die wir hier abdrucken, entstand vor zwei Jahren, als Michael Gielen schwer erkrankt war. Hans-Klaus Jungheinrich starb völlig überraschend am 17. Dezember des vergangenen Jahres.

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