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Beth Ditto von Gossip

Beth Ditto und Gossip in Offenbach

Die ideale Droge für Angestellte

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Gossip haben die typischen Konzert-Marotten verinnerlicht. Sängerin Beth Ditto preist Deutschland beim Konzert in der Offenbacher Stadthalle in deutscher Sprache als ihr "Lieblingsliebslingsland" Von Stefan Michalzik

Gossip haben die typischen Konzert-Marotten im Zuge ihres Erfolges gleich verinnerlicht. Sängerin Beth Ditto preist Deutschland beim Konzert in der Offenbacher Stadthalle in deutscher Sprache als ihr "Lieblingslieblingsliebslingsland", und die Behauptung "Ich liebe Offenbach!" geht ihr mit beiläufiger Nonchalance über die Lippen. Und morgen dann eben München. Oder Kaiserslautern. Beth Ditto meint es inzwischen sehr ernst mit dem Unernst hinter solchen Bekundungen - es geht schließlich um die ganz große Popshow.

Doch deshalb muss man Gossip nicht einen Mangel an Integrität vorwerfen. Die Wurzeln der aus Portland in Oregon kommenden Band liegen im Untergrund, wo es eher "queer" und sexuell abweichlerisch zugeht. Und Ditto, sich selbst längst mitten im Gossip, dem Klatsch der Prominenten à la Karl Lagerfeld, Stella McCartney und Kate Moss tummelnd, schlendert zu Konzertbeginn herein, das Weinglas lässig in der Hand, als käme sie gerade von der Party, wie immer im hautengen schwarzen Glitzerfummel, aber nun mit karottengelbem Topfhaarschnitt: Eine "Celebrity" feiert sich selbst.

Erst die letzte Zugabe des Abends erinnert, quasi als Relikt, an den lärmenden Postpunk des Debütalbums "That´s Not What I Heard", mit dem die Gruppe zur Jahrtausendwende an die Riot-Grrrl-Bewegung anknüpfte. Im Nachhinein mag es scheinen, als habe sich alles verändert für die Band nach dem Titelfoto der britischen Pop-Leitpostille New Musical Express vor drei Jahren: Da hatte sich Beth Ditto mit ihrem Zwei-Zentner-Körper nackt präsentiert.

In Wahrheit aber hatten sich Gossip schon zuvor dem leichter verdaulichen Popsong zugewandt. Und so musste der famose Produzent Rick Rubin nur noch den Feinschliff besorgen bei Gossips jüngstem Werk: "Music for Men", im Sommer veröffentlicht, ist das erste Gossip-Studioalbum beim Major Label Sony. Das passt. Denn die mächtig pumpenden Discopunk-Stampfer samt der aggressiven Soulstimme von Ditto sind die so geeignete wie harmlose Droge für all die ganz normalen Halb-Dissidenten mit Arbeitsplätzen in der Werbewirtschaft oder den Bankentürmen.

Damit haben Beth Ditto und Gossip das alte Indiepop-Prinzip der Abgrenzung vom Massengeschmack auf den Kopf gestellt. In der Zugabe stilisiert Ditto denn auch mit "What´s Love Got To Do With It" Tina Turner als Ahnin eines sich im Mainstream bewegenden Pop-Feminismus. Wer auftrumpft wie sie, der will irgendwann auch auf Augenhöhe mit Madonna sein. Und das ist Beth Ditto durchaus zuzutrauen.

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