+
"Beim Verarbeiten des Todes hilft mir die Musik nicht", sagt Igor Levit.

Igor Levit

"Ich setze mich für meine Heimat ein, so wie ich kann"

  • schließen

Der Pianist Igor Levit über Musik und Trauer und warum er sich als Künstler politisch engagiert.

Nachdem Igor Levit das Stück „A Mensch“ von Frederic Rzewski gespielt hat, spricht er das erste Mal zum Publikum in der Berliner Galerie König. Dann setzt er sich wieder an den Flügel, legt die Brille ab und wischt sich Tränen weg. Es ist die Premiere seines neuen, dritten Albums. Es heißt „Life“ – und ist seinem verunglückten Freund, dem Hannoveraner Künstler Hannes Malte Mahler gewidmet. „A Mensch“, stand am Anfang der Zusammenstellung des Albums, erklärte Levit dem Publikum in der ehemaligen katholischen Kirche, die heute ein Ausstellungsraum ist. „Es feiert den Menschen, einen guten Menschen“. Und das gesamte Programm „feiert das Leben, in all seinen Gefühlen“. Vier Stücke präsentiert Levit insgesamt, seine Musik breitet sich zwischen den hohen grauen Spritzbetonwänden aus. Vor dem Interview am nächsten Morgen atmet er tief durch. „Es war sehr, sehr schön“, sagt er über den Abend, „aber auch …“ Er spricht es nicht aus.

Herr Levit, das Stück „A Mensch“ und alle anderen Musikstücke auf Ihrer neuen Doppel-CD sind sehr, sehr emotional. Sie lassen Melancholie aufkommen, Verwirrung, es gibt freundliche Momente, aber auch Wut, sehr viel Wut …
Ein Grundgefühl zurzeit …

Dann entlassen Sie aber mit Bill Evans’ „Peace Piece“ sehr versöhnlich, ruhig, friedlich, belebt. Woher so viel Wut und wie kam die gesamte Auswahl der Stücke zustande?
Es ist einfach die Einsicht, dass nichts besser wird, nur der Zeitabstand zum Tod von Hannes wird größer. Das letzte Stück auf der CD, „Peace Piece“ – davon hatte mir vor Jahren schon mein sehr, sehr wichtiger Freund Gerrit Glaner erzählt. Er berichtete, dass Roger Willemsen das Stück für seine Trauerfeier ausgewählt hatte. Man muss wissen, dass es davon nur eine einzige Aufnahme gibt, auf einer einzigen Platte. Ich hatte es mir angehört und es hat sich bei mir abgespeichert. Und es kam dann im Zusammenhang mit dem Tod von Hannes wieder in Erinnerung. Aber im Grunde kann ich zu jedem der Stücke auf der CD einen Menschen aus dem engsten Umkreis festmachen, also warum und wie es dazu kam, dass ein Stück ausgewählt wurde.

Dieser enge Freundeskreis und diese Musik, ist das ein Versuch, mit dem Verlust umzugehen?
Ich habe für mich festgestellt, dass mir – und das ist jetzt ein blödes Wort – beim Verarbeiten des Todes die Musik überhaupt nicht hilft. Die Musik hat manche Dinge sogar verschlimmert. Geholfen haben Menschen. Ich kann mit Musik nicht reden. Ich bin ein Mensch, ich brauche Worte, nur mit Menschen kann ich reden. Diese groteske Situation hat mir Freundschaften geschenkt, die ich vorher nicht hatte, sie hat die Freundschaften, die da waren, intensiviert. In den Gesprächen kam so etwas wie Verständnis auf, so etwas wie … nein, akzeptieren kann ich das nicht. Aber es fanden dann diese Werke zueinander, durch die Gespräche, durch den Austausch.

Es fällt auf, dass die meisten Werke keine klassischen Klavierstücke sind …
Ja, es sind Nachdichtungen, aber es war keine Absicht. Das fiel mir erst später auf. In meinen Augen rückt jedes dieser Stücke den Menschen, also den Menschen an sich, ins Zentrum. Sie sind emotional, teils bombastisch, sie feiern den Menschen in all seinen Gefühlen, in dem Sinne, ‚Alle Menschen werden Brüder‘.

Die CD widmen Sie Ihrem verstorbenen Freund, aber die Botschaft der Brüderlichkeit ist für Sie ja nicht nur auf Ihren engsten Freundeskreis begrenzt. Sie äußern sich immer wieder und manchmal sehr vehement politisch in diesem Sinne. Mir fallen wenige andere Künstler ein, die das auch so offensiv nach draußen zeigen, viele vermeiden Reibung, sind auf Harmonie bedacht – was treibt Sie an?
Ich glaube, dass wir uns dieses Harmonie-Gefühl nach dem Motto „Wir sind alle Merkel“ nicht mehr leisten können. Es ist vorbei. Es war schon längst vorbei. Und in einem Gespräch mit einem Freund bekannte ich, dass mich dieser ganze Rassismus, der sich jetzt zeigt, überrascht hat, dass ich nicht vorbereitet war. Und er sagte diesen fantastischen Satz „James Baldwin hätte dich jetzt ausgelacht, was heißt hier nicht vorbereitet? Die Welt zeigt sich.“ Er hat recht. Rassismus ist real, für viele Menschen ist das ihr Leben lang real. Und wenn man bestimmte Wahrheiten ausspricht, dann schließen sie das Harmoniegefühl aus. Wenn wir jetzt eine Situation haben, dass eine immer weiter erstarkende Partei mit einem offen ausgesprochenen Systemsturzziel agiert, dann kann man über Mittel streiten, und auch ich überdenke bestimmte Mittel, aber ich glaube, insgesamt ist es grad schwierig auf übertriebene Harmonie zu setzen.

Sie schrieben vor wenigen Tagen in einem Brief an einen anonymen Freund „Dieses Land ist meine Heimat. Dieses Land ist unsere Heimat. Und für diese Heimat werde ich mit allem, was ich habe, kämpfen.“ Mir fällt auf, dass viele Linke den Begriff Heimat meiden, ihn umschiffen oder gar ablehnen. Ist dieser Brief und die Thematik einem konkreten Anlass geschuldet?
Es ist eine Kombination aus vielerlei Gründen, Zuschriften, persönliche Gespräche, dann die politische Realität. Ein Verfassungsschutzpräsident, der Fake News verbreitet, ein Heimatminister, der sagt, wäre er nicht Minister, wäre er in Chemnitz mitgelaufen und im gleichen Zug diesen wahnsinnig dummen hohlen Satz über Migration sagt … so etwas regt mich auf. Und an einem Tag, als ich arbeiten wollte, aber wegen dieser politischen Realität nicht konnte, habe ich mich hingesetzt und diesen Brief geschrieben. Mir ging es nicht gut, ich musste das runterschreiben.

Erwarten Sie solche Leidenschaft, solchen Einsatz für Demokratie auch von anderen Künstlern, vermissen Sie etwas?
Mittlerweile kann ich gut sagen, was ich vermisse. Das Agieren von Künstlern ist es nicht, ich glaube auch, dass die Stimmung sich dreht, dass die Zurückhaltung im linken Spektrum endet, dass Ignoranz kein Mittel mehr ist. Vor drei Jahren wurde ich gefragt, warum machst du das, warum legst du dich mit denen an, inzwischen werden die, die selbst ruhig sind, gefragt, warum sie sich nicht einmischen. Gott sei Dank ist es so! Gleichzeitig würde ein Freund von mir sagen: Die große Sch … ist, dass sich viele in schönen Runden treffen und am Ende enden die dann mit den Aussagen „Alles ist schrecklich. Wir müssen was tun. Aufstehen gegen rechts.“ Aber keine dieser Aussagen hat politischen Inhalt, es sind leere Floskeln. Gutes-Gefühl-Bekenntnisse. Aber mehr nicht. Mir fehlt konkretes politisches Handeln.

Auf dem Abend Ihrer CD-Premiere war auch eine sehr prominente Grünen-Politikerin – was fehlt Ihnen denn aus deren Partei?
Dass sie konkrete Forderungen aufstellen, dass sie bestimmte Diskussionen anstoßen wie zum Beispiel über – ein schreckliches deutsches Wort – Migrantenquoten, das ist doch nichts anderes als affirmative action. Dass aus solchen Aussagen wie „Ich trete für Europa ein“ auch so etwas wie Demokratisierung Europas stattfindet. Auch ich trete für Europa ein, aber wenn ich sehe, wie von Brüssel aus die Regierungen in Portugal, Griechenland, Italien quasi gestürzt wurden, dann haben wir ein Problem. Wenn man den Leuten ihre Politik nimmt, dann muss man sich über bestimmte Tendenzen nicht wundern. Und ich verteidige hiermit ganz sicher keine Neofaschisten.

Manchmal twittern Sie „So eine linke Partei – das wär’s jetzt“ – was fehlt Ihnen im linken Spektrum?
Es reicht nicht zu sagen, man sei gegen rechts. Ich erwarte konkrete politische Arbeit, dass die Politik transparenter wird, dass die gemeinsame Linke anfängt, konkret Politik zu machen, dass wir Politik machen. Und ich sage das nicht als Künstler, sondern als Staatsbürger, der dieses Land echt gern hat.

Trennen Sie zwischen Ihrer Kunst und Politik?
Nein, aber ich verbinde das auch nicht kausal. Ich bin so, ich bin nicht das eine oder das andere, ich bin Mensch, ich setze mich für meine Heimat ein, so wie ich kann … und übrigens diese Panik vor dem Begriff, die verstehe ich nicht.

Sie treten auch immer wieder öffentlich mit politischen Plädoyers auf, Ihr Publikum repräsentiert die eher gebildeten Schichten, aber auch da gibt es viel Zustimmung für die Partei, die Sie nicht namentlich erwähnen mögen – erleben Sie manchmal Ablehnung und wie gehen Sie damit um?
Es kommt darauf an. Wenn jemand sagt, mein politisches Engagement gehört nicht auf die Konzertbühne, darüber können wir diskutieren. Auch inhaltlich, wenn jemand den Kapitalismus hochlobt, auch darüber kann ich gern diskutieren. Aber wenn jemand die zwölf Jahre Nationalsozialismus als Vogelschiss bezeichnet, die Geflüchteten lieber tot sieht oder manche Menschen nach sonst wohin entsorgen will – dann ist Schluss. Dann diskutiere ich nicht. Es gibt Grenzen.

Sind Veranstalter manchmal reserviert gegenüber den politischen Einlagen?
Nein. Da gibt es große Unterstützung. Aber ich führe auch niemanden vor, ich kündige so etwas meistens an.

Wären Sie auch bereit, für eine bestehende politische Partei zu werben?
Sie glauben gar nicht, wie aktuell gerade diese Frage ist. Und ich glaube, den Luxus, sich politisch nicht mehr zu engagieren, den kann ich mir nicht mehr leisten.

Wir werden Sie also auch politisch erleben …
Ja. Aber mehr sage ich nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion