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"Viele der Songs sind autobiografisch", sagt Mimoun Alaoui.

Dú Maroc

"Ich bin nicht im Gebüsch groß geworden"

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Der Rapper Mimoun Alaoui alias Dú Maroc über Geld und Fußball, seine Vergangenheit und wie man sich Dinge von der Seele schreibt.

Herr Alaoui, auf Ihrem Album erzählen Sie knallharte Geschichten von Frankfurts Straßen, berichten von Gewalt, Drogengeschäften, Gangs und Materialismus. Wie viel Mimoun Alaoui steckt in Dú Maroc?
Gangster-Rapper müssen authentisch sein. Das bin ich auf meinem Album definitiv. Ich erzähle die Geschichten von der Straße so, wie sie sind. Wir sind Gangster, das wird niemand bestreiten können. Die Art, wie ich die Geschichten erzähle, die Begriffe, die ich verwende, sind der Beweis. Ich sage auf dem Album, was hinter den Kulissen passiert. Das Album sagt allen: Wir haben die Straße durchgezogen. 

In der Tat habe ich nicht alles verstanden, von dem Sie da erzählen. Was bedeutet zum Beispiel der Songtitel „Ketema Jinn“? 
Ketema ist ein Gebirge in Marokko, aus dem fast das ganze Hasch kommt, das hier auf den Straßen verkauft wird. Und Jinn ist in der arabischen Sprache ein Geist. Wenn ich sage, dass ich mit dem Ketema Jinn bin, dann bin ich der, der auf den Straßen das beste Angebot machen kann. Der Ketema Jinn bringt die Preise. Gute Preise. Meine Texte sollen so real wie möglich sein. 

Haben Sie keine Sorge, dass Ihnen das Schwierigkeiten mit der Polizei einbringt?
Das ist immer noch Rap. Kann ja auch sein, dass ich das alles erfunden habe. Aber ich bin der von uns beiden, der ein Hoodie für tausend Euro an hat. (lacht)

Also sind Sie immer noch im Geschäft? 
Sind Sie von der Soko? Darum geht’s hier doch gar nicht. Ich habe jetzt eine Frau und ein Kind. Das ist jetzt viel wichtiger. Trotzdem rappe ich hart auf dem Album, aber die Botschaft des Albums ist doch, dass wir alle am Ende des Tages zu unseren Familien nach Hause wollen. Dass es auch anders geht. Dass wir gar nicht so sein wollen. 

Beginnen Sie deshalb auf dem Album mit den harten Geschichten und werden im Laufe des Albums immer nachdenklicher, bis Sie am Ende sogar erschossen werden?
Ich wollte tatsächlich eine ganze Geschichte erzählen, alle Facetten der Straße zeigen. Von den harten Deals, über die Freunde und Feinde, bis zur Bedeutung der Familie.

An vielen Stellen wirkt Ihr Album wie ein Gangsterfilm. Sie beziehen sich in Ihren Texten ja auch auf Filme wie „New Jack City“ oder „Menace To Society“. Die enden immer damit, dass der Gangster verliert. Ungefähr so?
Dass die Gangster in den Filmen immer verlieren, ist doch nur Politik. Es gibt keinen Film, in dem am Ende der Boss auf Hawaii am Strand liegt und die halbe Insel gekauft hat. Das ist als Botschaft nicht gewollt. Es gibt aber ganz viele, die es geschafft, die Straße überlebt haben. Viele der Songs sind autobiografisch, manche Dinge lassen sich auch anhand von Zeitungsartikeln und im Internet nachprüfen.

Was ist eigentlich die Triebfeder in Ihnen, die Sie dazu gebracht hat, dieses Leben zu führen? 
Ich bin in Sossenheim groß geworden. Wir waren acht Geschwister, mein Vater hat im Asphalt, also als Straßenbauarbeiter, gearbeitet. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir arm waren, denn wir waren reich an Liebe, aber Geld war immer schwierig. Klassenfahrt, Turnschuhe, Fußballcamp als Kind, das war für meine Eltern alles nicht finanzierbar. Gleichzeitig habe ich die anderen Kinder gesehen, die alles hatten. Als mein Vater auch noch schwer krank und Frührentner geworden ist, wurde alles noch schwieriger für uns. Da waren mit 14 die ersten kleinen Hasch-Geschäfte schnelles Geld. Und das hat sich schnell, sehr schnell, gesteigert. 

Haben sich Ihre Eltern nicht gewundert, woher das Geld kam?
Das Geld kommt vom Fußball, habe ich gesagt. Ich war ein guter Fußballer, hatte das Zeug zum Profi. Bis ich mich so schwer verletzt habe, dass das keine Option mehr war. Aber bis dahin konnte ich das immer so erklären. Aber danach war meinen Eltern auch klar, dass ich kein Anwalt oder Zahnarzt werden würde. 

Sie rappen auf Ihrem Album die Zeile „Dú Maroc steht auf dicke Autos, President Rolex und Felgen aus Chrom…“
…will aus seinem Leben das Beste rausholen. Ja, das ist schon so. Aber was das Beste ist, verschiebt sich auch im Laufe des Lebens. 

Sie sind ja trotz des Schicksalsschlags mit der Verletzung dem Fußball verbunden geblieben. Sie haben mit Jugendlichen gearbeitet und im Zuge dessen 2013 mit der Single „One Touch“ für viel Aufsehen gesorgt. 
Die Single war der Soundtrack zu dem sozialen Projekt „Mitternachtssport e.V.“ in Berlin, das Jugendliche von der Straße holt. Das ist ja das Projekt von Jérôme Boateng. Im Video waren Jérôme, Änis Ben Hatira und Jürgen Klopp zu sehen. Zu der Zeit war ich auch Gast in einigen Talkshows und wurde zum Thema Integration befragt.

Warum haben Sie nicht in der Richtung weiter gearbeitet? 
Hab ich erst mal. Ein Freund von mir, ein Deutscher, hatte hier in Frankfurt eine Fußballschule für Ferienkinder. Da haben die Eltern, die bei der EZB arbeiten, für 50 Euro in der Stunde ihre Kids hingeschickt. Aber dann habe ich bei SadiQ auf „Fick den Richter Teil 1“ gerappt und war auch im Video zu sehen. Das haben dann andere Leute meinem Freund gezeigt und der war stocksauer. Er hat mich aus dem Projekt geworfen. Die Eltern würden uns vertrauen und dass wir auch mit diesem Vertrauen unser Geld verdienen. Der Auftritt in dem Video war damit nicht vereinbar. Sehe ich heute auch ein. 

Fußball ist Ihnen auch heute noch wichtig. Immer wieder erwähnen Sie internationale Vereine und Fußballer in Ihren Texten. Sowas wie „meine Läufer bringen Leistung…“
…wie Totti bei AS Rom. (lacht)

Oder „bleib am Ball wie David Bro Alaba“. 
Stimmt. 

Meinen Sie, diese in der Öffentlichkeit stehenden Profi-Fußballer finden es gut, auf einem Gangster-Rap-Album vorzukommen?
Ich glaube schon, dass die das gut finden. Franck Ribéry hat uns auch eine Audio-Botschaft geschickt, mit der wir für das neue Album werben können. 

(Sein Manager holt ein Handy aus der Tasche und spielt die entsprechende Botschaft ab, in der Ribéry Dú Maroc grüßt und sagt, wie sehr er sich auf das neue Album freut. Im Anschluss zeigen sie einen Instagram-Post, in dem Kevin Prince Boateng im Auto zu einem Song des neuen Albums mitwippt.) Das scheinen echte Fans von Ihnen zu sein. 
Wir kennen uns schon länger und sehen uns manchmal, wenn ich in München bin. Aber ich bin auch nicht der Typ, der mit denen im P1 Selfies macht. Man bleibt interessanter, wenn man sich bei den Promis ein bisschen rar macht. Kevin Prince kenne ich über seine Brüder. Seit er zur Eintracht gekommen ist, haben wir etwas mehr Kontakt. Das sind alles Gangster-Rap-Fans.

Wie kommt es, dass Gangster-Rap sich in den vergangenen Jahren unter dem Radar der Massenmedien raus aus der Nische entwickelt hat?
Das haben wir dem Internet und vor allem YouTube zu verdanken. Wir brauchen heute kein großes Label mehr und kein Fernsehen, um zehn Millionen Zuschauer zu kriegen. Wir haben das Geld und können uns bewegen wie ein Major Label, haben die besten Kameraleute, die besten Studios. Und das alles ohne den Support von Marketing-Maschinen wie dem Splash Festival oder den Mainstream-Medien. Da gibt es eine gute Geschichte von Farid Bang, der mal auf einem Event von einem Pro7-Moderator angesprochen wurde, ob er der Welt jetzt endlich mal was sagen will. Farid hat ihm einfach gesagt, dass seine Community größer als Pro7 ist und hat ihn weggeschickt. 

Ist das tatsächlich so, dass Gangster-Rap in Deutschland größer als Pro7 ist?
Klar. Wir werden von allen gehört. Von der Straße und den Abiturienten. Früher war Gangster-Rap nur was für die jungen Leute, aber die Kids von damals sind heute auch Mitte 30. Das ist fast eine ganze Generation. Die marketingmäßig relevante Zielgruppe ist mit Gangster-Rap groß geworden. Das sieht man nicht zuletzt auch daran, wie selbstverständlich Star-Fußballer das feiern. 

Wie sehen Sie angesichts dieser Tatsache Ihre Verantwortung als Vorbild für junge Leute? Insbesondere bei derart drastischen Texten?
Früher habe ich oft gedacht, dass ich dieses oder jenes nicht bringen kann, dass das zu krass ist. Aber jetzt, nach drei Jahren Pause und dem dritten Solo-Album, da lasse ich alles raus. Und genau das macht „Mocro“ so stark. So ehrlich. 

Das stimmt wohl. Trotzdem kann es ein schwieriges Signal transportieren. 
Ich gehe ja nicht hin und sage, Du, Stefan aus Deutschland, 16 Jahre alt, geh’ raus und verkauf’ Crack, weil es so cool ist. 

…sondern?
Wie gesagt, es geht da um mich und mein Leben. Und um das, was die Straße ausmacht, in Frankfurt und auch anderswo. Es geht um Kapitalvermehrung und um den Teufelskreis, in den man da gerät. Und natürlich auch um die Gefahren, die das alles mit sich bringt. Auf Dú Maroc kann natürlich trotzdem nicht jeder, ist mir klar. Aber für mich war es auch eine Befreiung, diese Texte zu schreiben. Ich habe mir da auch ein Leben von der Seele geschrieben. Den Tod eines guten Freundes verarbeitet, Nächte, in denen es wirklich um meinen Arsch ging. Diese Authentizität ist das, was guten Gangster-Rap von Image-Rap unterscheidet. 

Haben Sie jemals versucht, etwas Bürgerliches zu tun?
Natürlich. Ich habe auch eine Ausbildung zum Kaufmann gemacht und eine Zeit lang Versicherungen verkauft. Aber die Musik ist mir jetzt wichtiger. Uns geht es wirtschaftlich gut, wir sind nicht auf Verkaufszahlen angewiesen. Aber als wir jetzt die ersten Interviews zum neuen Album gegeben haben, waren die Interviewer manchmal ganz irritiert, dass ich auch reden kann, dass ich nicht im Gebüsch groß geworden bin. Dabei ist Rap-Business ein Business, das man ernst nehmen muss. 

Das Rap-Business hat zumindest nach außen viel mit wechselseitigem Gedisse zu tun. Sie bekommen aber viel Unterstützung aus der Musikszene. Aus der Frankfurter Szene und darüber hinaus.
Es freut mich total, dass mit Haftbefehl, Farid Bang, Hannybal und Summer Cem so gute Künstler und für mich wichtige Menschen auf dem Album vertreten sind. Haftbefehl war der erste von den damals schon Großen, der sich öffentlich zu Dú Maroc bekannt hat, gesagt hat, dass das gut ist. Umso stolzer macht es mich, dass er jetzt mit mir einen Track auf dem Album rappt. 

Nun hat es um Farid Bang und Kollegah ja einige Aufregung wegen als antisemitisch beanstandeten Texten gegeben. Wie steht Ihr mit Eurem Team dazu?
Eigentlich möchten wir uns dazu gar nicht äußern. Heute soll es ja um unsere Musik gehen, nicht um die Echo-Verleihung.
 
Sind die Gastauftritte Teil einer Marketingmaschine, die Sie angeleiert haben?
Nein, alle Gast-Acts haben sich angeboten und wollten das von sich aus machen. Wir mussten da niemanden bestechen oder so. Summer Cem zum Beispiel hatte auch gleich eine Idee, wie der Song sein soll. Es ehrt mich, wenn diese Künstler sich einbringen möchten. 

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