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Hier ahnt man aber doch, dass Juana Molina vor ihrer Musikkarriere ein Comedystar war.

Juana Molina

"Ich lasse es einfach passieren"

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"Halo" heißt das wunderbare neue Album der Argentinierin Juana Molina.

Dass Juana Molina in ihrer argentinischen Heimat eine Karriere als in ganz Lateinamerika fernsehbekannter Comedystar hinter sich hat, würde man angesichts ihrer Musik heute nicht mehr vermuten. Es handelt sich um einen ausgebufften Popentwurf eigener Art. Als Mittdreißigerin erst hat Molina 1996 ihr Debütalbum „Rara“ herausgebracht, das aus dem Stand heraus brillante Debüt offenbarte bereits ein spezielles Wechselspiel aus Leichtigkeit und Tiefe.

Nun hat die 1961 in Buenos Aires geborene Musikerin ihr siebtes Album veröffentlicht. Die zwölf Songs von „Halo“ bieten eine Musik der Musik der Schichtungen. Prägend sind perkussive Beats in mannigfaltigen Formen. Sublim schwingt südamerikanische Folklore mit, bisweilen lässt ein Synthiesample Anklänge an die endlos kreiselnden Gitarren im Afrobeat erkennen. Ungeachtet aller Komplexität sind die Texturen kristallklar und niemals überfrachtet.

Aufgenommen worden ist das Album in Molinas Heimstudio in der Nähe von Buenos Aires sowie in Studios in der Hauptstadt und in Texas. Die Multiinstrumentalistin selbst übernahm Gitarren, Bass, Synthesizer, Samples und elektronische Programmierung; die drei übrigen Musikern sind zum Teil Mitglieder ihrer Liveband.

Die zwölf Songs bieten eine Musik der Schichtungen

Seit dem noch relativ konventionell songhaften Debüt hat sich Molina immer weiter vom klassischen Singer/Songwritertum wegbewegt. Namentlich „Un Día“ von 2008, ihr fünftes Album, markierte einen großen Schritt in Richtung einer Musik zwischen Song und Track. Auf dem neuen Meisterwurf „Halo“ spielen wiederum Synthesizer eine prägendere Rolle als die Gitarren. Der spröde Gesang ist nicht unmittelbar am Ausdruck, an der „Authentizität“ orientiert. Auch die – im Umfang begrenzte, dabei reizvolle und in ihrer Art warme, mit Hauch belegte – Stimme wird vielfach geloopt und geschichtet.

Wer der spanischen Sprache – in diesem Falle des Rio-de-la-Plata-Spanischen – nicht mächtig ist, sieht sich auf die mediale Kolportage angewiesen, derzufolge die Texte von Juana Molina deutlich und vielsinnig zugleich sein sollen. Das kann man sich angesichts der prätentionslos-fahlen Magie dieser Musik gut vorstellen.

Der Knochen ist das Leitmotiv der äußeren Gestaltung des Albums. Er gilt als ein Merkzeichen der Vergänglichkeit; ein poppig spielerischer Umgang mit puppenspielhaften Verkleidungen auf der vierblättrigen Textbeilage konterkariert das allerdings; auf der Vorderseite lassen zwei Augen in einem Knochen an eine venezianische Maske denken. Sie besitze, so hat Molina es in Interviews gesagt, eine Sammlung von durch Sonne und Meer gebleichten und mit der Zeit verwitterten Knochen, die sie am Strand aufgelesen hat. Schauer, Abneigung, Überraschung – in diesem schillernden Spektrum hätten sich die ersten Reaktionen auf ihre Gestaltungsidee bewegt.

Etliche Nummern auch auf diesem Album wieder sind ausgesprochen leichtgewichtig, bis hin zum Flirt mit der Tanzbarkeit. „Wenn ich singe, lasse ich es einfach passieren“, so wiederum Juana Molina in einem Interview, „da denke ich nicht drüber nach“. Dieses Maß an intuitiver Unwillkürlichkeit und ungehindertem Fluss macht viel vom Wesen dieses äußerst reizvollen Wagnisses aus.

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