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Redet Sido mit seinem alten Alter Ego? 

Album „Ich und keine Maske“

„Ich und keine Maske“: Sido darf das

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Das Album „Ich und keine Maske“ ist ein Kompromiss aus neu und alt.

Manch einer lernte ihn damals als „Rüpelrapper“ kennen, als Jägermeister trinkenden Dauerkiffer oder als den aufmüpfigen Berliner Jungen mit der Maske. Sido steht (so Sido) für „super-intelligentes Drogenopfer“, er gilt bis heute als Mitbegründer des deutschsprachigen Straßen-Rap: Das Pendant zu den Fantastischen 4 oder Blumentopf, weniger angepasst und in Sprache und Darstellungsform weitaus rabiater. Heute ist Sido Juror bei einer Castingshow in Österreich, bei Universal unter Vertrag und musikalisch äußerst popaffin. In diesen Tagen veröffentlichte er sein achtes Solo-Album mit dem Titel „Ich und keine Maske“. „Eigentlich sollte das ein reines Pop-Album werden“, sagte er in einem Interview mit Hiphop.de. Tatsächlich ist der Klang aber sehr HipHop-lastig.

Der erste Song „Mein Papa“ startet mit einem Beat, der von einem nach Melancholie schreienden Piano-Sample getragen wird. Dazu warme Drums aus der MPC von DJ Desue, ein reflektierter Text über den bisherigen Werdegang und siehe da: das fesselnde Intro als Hommage an das Erstlingswerk „Mein Block“ ist im Kasten. Sido sieht sich als alter Hase im Rapgeschäft, aber die Reise soll für den 38-Jährigen noch nicht zu Ende sein. „Ich glaube nicht, dass ich eine Legende bin, weil Legende so nach Ende klingt“, sagt er im Song.

Sido: Ich und keine Maske. Universal.

Druckvoll wird es dann im zweiten Stück, wenn tiefe Bässe auf treibende Snares prallen und Sido über einen Jungen von der Straße rappt: „Immer wenn er draußen ist, dreht er Runden für die Kunden mit der Waage, denn alle sagen ihm er taugt zu nix – so ist das Leben auf der untersten Etage.“ Sido erzählt die Geschichte eines Jungen, der auf die schiefe Bahn geraten ist, mit Drogen dealt und sich irgendwie durchs Leben schlägt. In der letzten Strophe wechselt Sido in die Ich-Perspektive und richtet einen Appell an den Jungen von der Straße: „Ab und zu muss man eben riskiern und immer, wenn man fällt, wieder aufstehn – Junge von der Straße, ich rede mit dir.“ Redet Sido da mit seinem alten Alter Ego?

Der Bezug zur Vergangenheit scheint kein Ende zu nehmen. In „2002“ mit Apache 207 rappt Sido über seine Zeit im Märkischen Viertel als Jungspund. Apache 207 überzeugt durch ein eingängiges Spiel mit seiner hallenden Stimme, während der Beat mit dem keltisch angehauchten Sample auf Dauerschleife zum Mitwippen animiert. „Denk’ an die alte Zeit, aus den Boxen Royal Bunker“, singt Apache 207 im Refrain und verweist dabei auf Sidos Anfänge im Royal Bunker – dem von Markus Staiger betriebenen Rap-Label mit Sitz in Berlin-Kreuzberg, auf dem unter anderem Sido als Mitglied von Die Sekte veröffentlichte.

Die Nummer danach, „Leben vor dem Tod“, stellt dann eine Mischung aus Schlager und Rap dar. „Lass das Leben vor dem Tod so richtig übertreiben“ heißt es im Refrain, der vor lauter Volkstümlichkeit und Eingängigkeit gut in den Fernsehgarten oder Bierkönig passen würde.

„Beste Zeit“ ist dann ein Gute-Laune-Lied, eine Hymne an die schönen Momente im Leben: Rohe Schlagzeug-Sounds treffen auf eine liebevoll produzierte Abfolge von Piano-Samples, die DJ Desue mit Stimm-Einlagen und dem Knistern von Vinyl verwebt. „Ich habe 100 000 Euro in der Loui-Bag und in Tegel steht der Flieger schon bereit. Mir ist scheiß egal wohin, einfach nur hier weg – Meine Jungs und die Familie mit dabei“ rappt Sido mit Leichtigkeit.

„Pyramide“ zum gleichnamigen Video mit Johannes Oerding ist die plakative Hitsingle fürs Radio und schließt die Platte mit einer extra Portion Kitsch ab. Wie hätte das auch anders sein sollen? Oerding ist Popmusiker, er vertrat Hamburg beim Bundesvision Song Contest 2013.

Insgesamt kommen nur sechs von vierzehn Tracks ohne Gast aus. Damit büßt das Album aber nicht an Qualität ein, im Gegenteil: Die vielen Protagonisten aus der vornehmlich jüngeren Generation der HipHopper bereichern die Stücke mit ihren künstlerischen Eigenarten und bieten nette Abwechslung. Stellenweise verliert sich Sido in poppigen Phrasen und Melodien, aber das ist angesichts der steilen Karriere nach seiner Hit-Single „Bilder im Kopf“ von 2014 nicht so überraschend wie, dass es wirklich gute Stücke auf dem Album gibt.

Wie der Titel schon sagt, hat sich Sido von seiner Maske trennen können. Aber er hält den Mythos aufrecht und zollt seinem Markenzeichen von früher Tribut. „Ich und keine Maske“ ist eine gelungene Antwort eines Künstlers auf die rasante Entwicklung im deutschsprachigen HipHop-Kosmos. Sido erfindet sich nicht neu, hievt sich künstlerisch aber auf eine neue Ebene, die dem Zeitgeist entspricht. Die zwei Popsongs mit Schlagertendenzen hätten zwar nicht sein müssen, aber bei Sido drückt man gerne ein Auge zu; zumindest, wenn der Rest stimmt.

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