Anja Kampe

„Ich bin keine doppelte Persönlichkeit“

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Für den Kinderchor war sie schon bald zu laut: Anja Kampe, von Sonntag an Frankfurts „Lady Macbeth von Mzensk“, über das Leben als dramatischer Sopran, über zu konstruierte Inszenierungen, zu fade Rollen und übergroße Emotionen.

Frau Kampe, sind Sie nach so einem Probenvormittag erschöpft?
Müde auf jeden Fall. Man muss sich sehr konzentrieren, dazu kommt in diesem Fall, dass die Musik von Schostakowitsch sehr anspruchsvoll ist, man muss viel zählen und höllisch aufpassen.

Als Sängerin haben Sie Ihr Instrument in sich. Was bedeutet das für Ihren Umgang mit Ihrem Körper? Viele leiden unter den Rücksichten, die sie nehmen müssen.
Jeder muss auf seinen Körper aufpassen, aber wir ein bisschen mehr. Wir spüren sofort, wenn das Geringste nicht in Ordnung ist. Man muss sich fithalten, gut ernähren, viel schlafen, viel ausruhen, öfter mal auf Alkohol in Zeiten von Proben und Aufführungen verzichten.

Wie verbringen Sie einen Premierentag?
Möglichst ruhig und nach einen gewissen Schema: so lange wie möglich schlafen, dann ein Spaziergang, zu einer bestimmten Zeit essen, duschen und dann geht’s ins Theater.

Haben Sie auf der Bühne Zeit, die Musik zu genießen?
Nein. Ich stehe ja nicht auf die Bühne, um Musik zu genießen. Ich will, dass die Leute im Zuschauerraum die Musik genießen können. Für mich ist absolute Konzentration das A und O. Wenn man aus irgendwelchen Gründen ein bisschen durch den Wind ist, hat man sofort ein Problem. Man darf sich durch nichts ablenken, auch nicht von den eigenen Emotionen mitreißen lassen. Es gibt Momente, in denen das naheliegt, aber da muss man aufpassen, sonst verliert man die Kontrolle über sein Instrument.

Kennen Sie das aus Proben, dass die Emotionen mit Ihnen durchgehen?
Natürlich. Auch auf der Bühne lasse ich das vielleicht mal zu, wenn ich selbst nicht singen muss. Im „Parsifal“ beim Karfreitagszauber, da passiert es manchmal.

Da hat Kundry auch schon alles hinter sich.
Eben!

Man stellt sich oft vor, dass der Klang für die Mitwirkenden irgendwie noch mitreißender sein müsste als im Saal.
Keineswegs! Wir haben am allerwenigsten davon, würde ich sagen. Die Klangmischung auf der Bühne ist sehr oft äußerst seltsam.

Wann genießen Sie die Musik?
In meiner Freizeit, wenn ich Kammermusik oder Orchestermusik höre.

Zum Gesang sind Sie ganz zufällig gekommen.
Ich habe immer gerne gesungen, schon im Kindergarten. Dann gab es keinen Platz in der Gitarrengruppe an der Musikschule, in die ich gerne wollte, und ich wurde gefragt, ob ich es nicht einmal mit Gesang probieren wollte. Ich war dann ein halbes Jahr im Kinderchor, bevor ich rausflog.

Zu frech?
Zu laut. Das passte einfach nicht. Aber meine Liebe zur Musik war geweckt und Gesang war mein Mittel, das wurde mir schnell klar. Zu meiner ersten Gesangslehrerin von damals habe ich heute immer noch Kontakt.

Nehmen Sie gelegentlich noch eine Gesangsstunde?
Seit über zehn Jahren nicht mehr. Stimmlich geht es mir sehr gut, und ich kontrolliere mich sehr und mache regelmäßig Aufnahmen von Proben und Aufführungen. Manchmal kann das dann auch schmerzhaft sein, sich das anzuhören.

Weil Sie mit sich unzufrieden sind?
Man muss sich sehr streng zuhören. Vieles klingt von außen eben ganz anders, als man sich das vorgestellt hat. Aber wenn man sich dazu entscheidet, es allein zu machen, hilft das sehr. Mit Lehrern ist das so eine Sache. Wenn sie ausschließlich Technik unterrichten, dann geht es noch , aber viele identifizieren sich mit ihren Schülern und wollen auch Interpretationen an sie weitergeben. Das interessiert mich herzlich wenig, denn das ist das, was ich wirklich selbst machen muss. Darum arbeite ich lieber mit einem guten Korrepetitor, der mir sagt: pass auf, die Note hier ist so nicht in Ordnung, achte mal auf die Tonhöhe u.s.w.

Arbeitet nicht auch der Dirigent an der Interpretation Ihrer Rollen mit?
Das kommt drauf an. Hier in Frankfurt mit Sebastian Weigle ist das eine sehr, sehr angenehme Probenarbeit. Er sitzt ganz oft einfach dabei und gibt einem in kurzen Pausen den einen oder anderen Hinweis. Er arbeitet an sehr kleinen Details.

Aber wenn ein Dirigent das nicht macht, singen Sie eine vertraute Partie problemlos so weg.
Wenn da nichts kommt, singe ich, wie ich es gewohnt bin.

Erschwert es die Erweiterung des Repertoires, wenn man Sieglinde oder Leonore auf diesem Niveau singen kann und vermutlich immer wieder dafür angefragt wird?
Es geht schon, aber man muss sich gut überlegen, was man wann dazunimmt. Außerdem gibt es Rollen, in denen sich immer wieder etwas entdecken lässt, andere hingegen werden nach einiger Zeit langweilig.

Anja Kampe, in Zella-Mehlis in Thüringen geboren, studierte Musik in Dresden.


Nämlich zum Beispiel?
Senta. Die habe ich bisher bestimmt mehr als hundertmal gesungen ...

Und Sie haben sich schon wieder für den „Fliegenden Holländer“ buchen lassen, für Ihr Met-Debüt 2020.
Stimmt, das ist aber eben auch ein Kriterium: Für so ein besonderes Debüt nehme ich lieber etwas, was ich wirklich sehr gut kann. Grundsätzlich würde ich aber keine Senta mehr annehmen. Das ist früher Wagner; man merkt, dass er noch nicht alles umsetzen konnte, was ihm vorgeschwebt hat. Kein Vergleich zu einer Isolde oder einer Kundry, aus der man immer etwas Neues herausholen kann.

Wie entwickelt sich bei Ihnen die Erweiterung des Repertoires?
Oft wird man auf etwas angesprochen, dazu kommen aber auch die eigenen Vorstellungen. Ich hätte ursprünglich viel mehr italienisches Fach singen wollen – „Maskenball“ oder „Don Carlos“ etwa. Die Elisabetta wäre wirklich eine Rolle für mich gewesen, denke ich. Das ist eben das Schubladendenken im heutigen Opernbetrieb: als würde das deutsche Fach alles andere ausschließen. Ich habe zwanzig Jahre in Italien gelebt und fühle mich in dieser Sprache sehr, sehr wohl. Für die Rollenwahl ist natürlich immer zuerst die Stimme entscheidend, aber dann kommt sofort der Charakter einer Rolle. Eine Figur muss mich schon herausfordern. Ich hatte Angebote für Butterfly, aber in dieser Rolle sehe ich mich einfach nicht. Lulu ist fantastisch, passt aber leider nicht für meine Stimme. Ich kann natürlich auch keine Zerbinetta singen, obwohl ich es unheimlich gerne getan hätte. Ariadne wiederum kann ich, aber die hat mich immer gelangweilt; eine fade Rolle und eine Frau, die keinen wirklichen Charakter hat. Ich habe übrigens noch nie die Marschallin im „Rosenkavalier“ gesungen, dabei sagen viele, dass meine Stimme dafür perfekt wäre, und die hat Charakter. Das würde mich sehr interessieren.

Und es würde zweifellos passen.
Aber ich habe dafür eben noch nie eine Neuproduktion angeboten bekommen, und in solchen großen Rollen möchte ich nur in Neuproduktionen debütieren. Ich hatte ein „Rosenkavalier“-Angebot von der Wiener Staatsoper, aber das kann ich einfach nicht: drei Tage Proben, und alle übrigen im Saal können das hundertmal besser als ich, weil sie -zig Vorstellungen gesehen haben. Man muss sich so eine neue Rolle in den Hals singen und dafür sind für mich die Proben notwendig. Ich brauche diesen Stress nicht. Ich hasse es auch einzuspringen.

Machen Sie es denn?
Kaum mehr. Das war eher am Anfang der Karriere

Dann kann es eine Chance sein.
Kommt drauf an. Heute bin ich da nicht mehr so sicher. Jedenfalls muss man der Typ dafür sein, glaube ich. Das muss man mögen, diesen Nervenkitzel, das Ungewisse.

Wie kam es nun zur Titelrolle in Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, in der Sie vor drei Jahren an der Bayerischen Staatsoper triumphal debütiert haben? War das so eine Anfrage, ein Wunsch?
Im Visier hatte ich die Rolle schon lange. Eine Rolle, die auf der Wunschliste stand, so kann man das schon sagen.

In Harry Kupfers Inszenierung stand Katerina Ismailowa völlig im Vordergrund, Sie waren praktisch ununterbrochen in exponierter Position auf der Bühne ...
... selbst in den Zwischenspielen.

Was bedeutet es dann, das noch mal vorzubereiten, unter Anselm Weber in einer vermutlich sehr anders gearteten Inszenierung?
Natürlich ist man geprägt, gerade wenn es eine gute Erfahrung war. Hier ist nun alles ein wenig moderner, nüchterner. Ich bin sehr gespannt, wie es am Ende wirkt, ich kann es mir noch nicht richtig vorstellen. Man entwickelt erst im Laufe der Probenzeit ein Gefühl dafür.

Wie offen gehen Sie in die ersten Proben für eine neue Produktion?
Wenn man nicht aufgeschlossen an eine neue Inszenierung geht, kann man es sein lassen. Manchmal kommt man an seine Grenzen, weil man sich eben doch schon Dinge zurechtgelegt hat, aber wenn die dann nicht in das neue Konzept passen, muss man eben über seinen eigenen Schatten springen.

Sind Sie der Typ, der dann mitredet?
Unbedingt, aber das war mit Anselm auch von vornherein so geplant. Wir haben uns beide die Zeit genommen, in Ruhe ins Gespräch zu kommen. Er hat mir erklärt, was er vorhat und ich habe meine Meinung dazu gesagt. Das war und ist sehr auf Austausch bedacht, das macht dann auch wieder Freude. Es geht nicht, dass man etwas fertig aufgetischt bekommt. Mit mir funktioniert das jedenfalls nicht.

Katerina Ismailova ist eine krasse Figur, eine Mörderin, gegen die man trotzdem nichts haben kann. Wie kommen Sie mit dieser Frau zurande?
Ich kann verstehen, was mit ihr passiert. Vom Verstand her ist mir selbst ihr Morden nachvollziehbar, das sich ja immer aus der Situation ergibt, auch wenn ich natürlich nicht weiß, ob ich selbst privat in einer Extremsituation so weit gehen könnte. Die Figur ist übrigens völlig anders als in der Erzählung von Nikolai Leskow, die dem Libretto zugrundeliegt.

Daher kommt der Titel, der jetzt etwas merkwürdig wirkt.
Ein Titel, den ich auch so nicht wirklich mag. Katerina ist ein Mensch, der mit seiner Situation nicht zufrieden ist, es geht ihr nie um Macht oder Ehrgeiz, sondern um persönliches Glück – ganz im Gegensatz zu Shakespeares Figur. Sie ist todunglücklich, sie hat einen Schwiegervater, der sie belauert, sie hat einen Mann, der keine Eier in der Hose hat – im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr fehlt alles: menschliche Wärme, eine echte Aufgabe im Leben. Sie hätte gerne Kinder gehabt und wäre dann vielleicht auch zufriedener gewesen, aber tatsächlich hat sie jetzt gar nichts. In dieser Trostlosigkeit stürzt sie sich in eine Liebesaffäre mit diesem Sergei, dem man schon bald anmerkt, was für ein Charakter er ist. Aber in dem Moment stört sie das nicht oder sie will es einfach nicht wissen.

Sind Sie insgesamt eigentlich eher für Produktionen, in denen es konventioneller zugeht, oder probieren Sie lieber etwas Neues aus?
Wenn sich mir das Konzept erschließt, wenn ich es verstehen kann, bin ich gerne auch bereit, mal was Verrückteres zu machen. Aber ich bin gegen Dinge, die dem Text entgegengesetzt sind. Ich bin keine doppelte Persönlichkeit. Ich singe und lege etwas in meine Stimme und benutze bestimmte Worte dafür und da will und kann ich nicht etwas völlig anderes spielen. Dagegen wehre ich mich auch. Auch bei nur stilisierten Produktionen habe ich immer gesagt: kommt für mich nicht in Frage.

Weil es zu statuarisch ist?
Ja, dieses Vorgefertigte spricht mich weder ästhetisch noch künstlerisch an. Das bin ich nicht und daran glaube ich auch künstlerisch nicht. Ich benutze gerne meinen Körper so, wie er ist. Und ich will die menschlichen Emotionen rüberbringen, aber Emotionen sind etwas Spontanes, nichts Konstruiertes.

Wobei die Oper an sich zugleich ein riesiges Konstrukt ist.
Aber sie kann Emotionen auslösen, die andere Theaterformen nicht herstellen können. Es ist natürlich ein Konstrukt, aber daran soll man beim Zuschauen nicht denken müssen.

Interview: Judith von Sternburg

Zur Person

Anja Kampe, in Zella-Mehlis in Thüringen geboren, studierte Musik in Dresden und heiratete kurz vor dem Mauerfall einen Italiener, mit dem sie die DDR verließ. In Turin schloss sie ihr Musikstudium ab und startete in Italien auch ihre Karriere, die bald internationales Format bekam.

Zu Kampes Paraderollen gehören die großen Wagner-Partien, Senta, Isolde, Sieglinde, Brünnhilde oder Kundry, ebenso Beethovens Leonore („Fidelio“). Im italienischen Fach hat sie etwa Tosca oder Minnie gesungen. Diese Hauptpartie in Puccinis „La fanciulla del West“ gehörte zu den wichtigen Rollendebüts, die Kampe in München absolvierte (im vergangenen März). Ein anderes war die Katerina Ismailowa in Dmitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, 2016 unter der Regie von Harry Kupfer und dirigiert von Kirill Petrenko. 2018 wurde Anja Kampe zur Kammersängerin der Bayerischen Staatsoper ernannt.

Als „Lady Macbeth von Mzensk“ ist Kampe jetzt erneut zu sehen, diesmal an der Oper Frankfurt, wo Schauspielintendant Anselm Weber inszeniert und GMD Sebastian Weigle dirigiert. Dmitry Golovnin singt den schäbigen Liebhaber Sergei, Dmitry Belosselskiy den Schwiegervater, Evgeny Akimov den schwachen Sohn, der seine Frau Katerina nicht im mindesten glücklich machen kann.

Premiere ist am Sonntag, 3. November, 18 Uhr, Frankfurter Opernhaus. www.oper-frankfurt.de

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