"Ich bin ein einfacher Handwerker", sagt Charles Aznavour über seine Kunst.
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"Ich bin ein einfacher Handwerker", sagt Charles Aznavour über seine Kunst.

Charles Aznavour

"Ich höre den Leuten zu"

  • vonChristian Bos
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Der Chansonnier Charles Aznavour über Vorurteile und mühsame Anfänge, über das Songschreiben und das Weitermachen.

Herr Aznavour, Sie waren früher für Ihre ausgiebigen Touren bekannt. Am 22. Mai sind Sie 94 Jahre alt geworden. Kürzlich haben Sie sich den Oberarm gebrochen und mussten Konzerte absagen. Im Prinzip aber stehen Sie noch immer auf der Bühne. Wie entscheiden Sie eigentlich, wann und wo Sie singen möchten? 
Das tue ich gar nicht. Ich entscheide das nicht. Ich reise an und singe, so einfach ist das. Wenn ich mich noch um alles andere kümmern müsste, wäre das viel zu viel Arbeit für mich.

Sie sind bereits vor zwölf Jahren auf Abschiedstournee gegangen…
Nein, das haben Journalisten erfunden. Ich habe nie gesagt, dass ich mich von der Bühne verabschiede. Das haben Ihre Kollegen geschrieben.

Und wenn es Ihnen doch mal zu viel wird? 
Ich beschwere mich nie. Ich war versessen darauf, erfolgreich zu sein, ich habe meinen Tribut entrichtet. Es war viel zu schwierig für mich, zu dem zu werden, was ich heute bin, als dass ich auf meine alten Tage jetzt snobistisch werde und sage: Nein, das will ich nicht.

Nun sind Sie aber schon so lange der große Charles Aznavour…
Moment mal: Ich bin nicht der große Charles Aznavour! Ich bin Charles Aznavour, das genügt. Ich mag auch das Wort „Star“ nicht. Ich bin ein einfacher Handwerker und immer noch derselbe Mensch, der ich war, als ich gerade erst mit dem Singen anfing. Ich hasse Leute, die sich etwas darauf einbilden, einen berühmten Namen zu tragen. Warten wir mal ab, wie lange der Ruhm hält.

Sie erwähnten es ja gerade: Ihr Durchbruch ließ lange auf sich warten. Haben Sie damals auch daran gedacht aufzugeben?
Ich habe nie aufgehört, Lieder zu schreiben. Auch wenn ich nicht oft auftrat, konnte ich ja wenigstens für andere Sänger schreiben. Die haben quasi für mich gearbeitet, durch sie wurden meine Lieder populär. Damals hat man noch den Namen des Autors miterwähnt, wenn ein Lied gespielt wurde. Da hieß es dann immer mal wieder: von Charles Aznavour. Und irgendwann hat sich das Publikum dann endlich gefragt. Wer ist nur dieser Charles Aznavour?

Am Anfang Ihrer Karriere haben die Kritiker Sie oft verrissen. Lag das auch an den Dingen, über die Sie gesungen haben? 
Nein, das lag daran, dass ich nur ein kleiner Armenier war. Der spricht doch kaum Französisch, hieß es. Dabei waren meine Texte besser als ihre!

Ihre Eltern waren armenische Immigranten, die vor dem Völkermord 1915 nach Paris geflohen sind. Ihr Vater sang Operette, Ihre Mutter war Schauspielerin. Aber die Sprachbarriere muss Ihren Eltern zu schaffen gemacht haben? 
Ja, aber mein Vater sang trotzdem, wo immer er konnte. Alle zwei Wochen haben sie ein Theater gemietet, sangen und spielten für die anderen Emigranten. Es war immer ausverkauft. In jedem Land der Welt gibt es großartige Sänger, Schauspieler und Schriftsteller. Dass man die nicht kennt, liegt eben an der Sprachbarriere. Aber ich kenne sie. Wenn ich im Ausland aufgetreten bin, ging ich an meinen freien Abenden immer ins Theater, selbst wenn ich die Sprache nicht verstand. Aber das Spiel, das versteht man. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Musical in Deutschland, in dem Marika Rökk gespielt hat. Die kannte ich vorher nur aus dem Kino. Dann habe ich erfahren, dass sie als junge Tänzerin am Broadway aufgetreten war. Wenn ich mich für jemanden interessiere, versuche ich herauszubekommen, wo er herkommt.

Sie standen schon mit neun Jahren auf der Bühne. War das der Traum Ihrer Eltern oder Ihr eigener? 
Beides, meine Eltern waren so wie ich.

Ihre erste Rolle spielten Sie in einer Bühnenversion von „Emil und die Detektive“? 
Ja, ich spielte einen kleinen, schwarzen Jungen, mit dem entsprechenden Make-up. Meine Rolle hieß „Sickie“, fällt mir gerade wieder ein. Ich besuchte damals eine spezielle Schule für Künstlerkinder, der Regisseur des Stückes schaut dort eines Tages auf der Suche nach jungen Akteuren vorbei. „Kannst du mit Akzent sprechen?“, hatte er mich gefragt. „Jeden, den Sie wollen“, habe ich geantwortet. Damit hatte ich die Rolle.

Sie wollten auch erst Schauspieler werden und nicht Sänger.
Genau, und dann bin ich über Umwege ja doch noch zum Schauspieler geworden.

Ihren Durchbruch als Schauspieler hatten Sie in „Schießen Sie auf den Pianisten“. Warum hat Truffaut Sie in der Rolle besetzt?
Er hat mich in dem einen Film gesehen, den ich davor gemacht habe, „Mit dem Kopf gegen die Wände“.

Da spielten Sie einen Epileptiker, der aus der Psychiatrie ausbricht und tragisch endet.
Truffaut wollte ursprünglich einen Film über mich und mein Leben drehen. Nach ein paar Tagen kam er mit einem Buch zurück: Ich habe meine Meinung geändert, diesen Roman sollten wir verfilmen! Das war „Schießen Sie auf den Pianisten“. Der Film hat mich vor allem in Amerika bekannt gemacht. Einmal kam ein Zuschauer dort nach einem Konzert zu mir und fragte mich, warum ich denn gar nicht Klavier gespielt habe? Inzwischen habe ich mit der Schauspielerei aufgehört. Das Singen ist mir jetzt viel wichtiger geworden.

Wann haben sich die Gewichtungen verschoben? 
Eigentlich schon, als ich meine ersten Erfolge als Liedautor feierte, und jeder mich gefragt hat, ob ich einen Song für ihn schreiben könnte. Dalida, Chevalier, Piaf, alle die großen Namen. Das war fantastisch. Da hatte ich keine Zeit mehr, Filme zu drehen. Heute kann ich mir die Texte nicht mehr merken. Wenn ich beim Singen mal eine Zeile vergesse, schaue ich einfach auf den Teleprompter. Das erzähle ich übrigens auch meinem Publikum, dass ich einen Teleprompter benutze. Ich habe nichts zu verbergen.

Wieso haben Sie eigentlich angefangen, Chansons zu schreiben? 
In den 40er Jahren trat ich mit Pierre Roche als Gesangsduett auf. Der war ein guter Komponist. Ständig fragte er seine Freunde nach guten Geschichten, die er zu Liedern verarbeiten könnte. Ich sagte zu ihm: Das kann doch nicht so schwer sein, zwei Strophen und einen Refrain zu schreiben. Er lachte mich aus: Von wegen, das ist gar nicht so leicht. Bei unserem nächsten Treffen hatte ich ein Chanson geschrieben und Georges Ulmer ...

... selbst ein bekannter Songschreiber, unter anderem stammt das Lied „Pigalle“ von ihm…
…der sang mein Lied! Und Pierre Roche fragte mich: Wo hast du das gestohlen? Ich habe es geschrieben, antwortete ich ihm. Dann, sagte Roche, machst du damit besser weiter. So habe ich angefangen, Chansons zu schreiben. Nur, um meinen Gesangspartner zu beeindrucken!

Woher nehmen Sie die Ideen für ein Chanson? Machen Sie es so, wie Ihr Freund Pierre Roche?
Aus einem Film, aus einem Buch oder nur vom Titel eines Buches, das ich im Schaufenster gesehen habe, von einer Redewendung, die ich zufällig gehört habe, von einem Artikel in einer Zeitung. Geschichten finden Sie überall, Sie müssen sie sich nur nehmen.

Eines der Bücher, die Sie als Songschreiber geprägt haben, war Célines „Reise ans Ende der Nacht“.
Ja, das habe ich auch in der Auslage einer Buchhandlung gesehen und mit zuerst nur gedacht: Das ist ein guter Titel für ein Lied! Dann habe ich es gelesen und es war so viel mehr. Es zeigte mir, wie man mit absoluter Freiheit schreiben kann.

Und die Freiheit haben Sie sich genommen.
Ja, und dadurch fällt es mir leicht zu schreiben.

Immer noch?
Ja, ich schreibe täglich. Aber das meiste werfe ich weg. Was einem im ersten Moment wunderschön vorkommt, erscheint am nächsten Tag in einem ganz anderen Licht. Da muss man streng urteilen.

Aber manches bleibt? 
Ich muss schon sehr zufrieden sein mit dem, was ich da geschrieben habe. Da dürfen keine Zweifel bleiben. Ich arbeite so lange, bis die Zweifel schweigen.

Wem zeigen Sie Ihre Lieder noch?
Niemandem. Ich nehme keine Ratschläge an.

Nicht einmal am Anfang Ihrer Karriere, als Sie sich eine Wohnung mit Edith Piaf teilten? Die muss Ihnen doch jede Menge guter Ratschläge erteilt haben?
Nein. Sie war nur sehr von meinen Fähigkeiten überrascht. Sie hat mal ein oder zwei meiner Lieder abgelehnt. Die hat sie dann gesungen, als ich sie anderen Sängern überlassen hatte und die damit erfolgreich waren. Sie war ja auch selbst eine gute Autorin, sie hatte einen tollen Sinn für Humor. Für „La vie en rose“ hat sie übrigens sowohl die Musik als auch den Text verfasst. Aber damals wurde man nur als Komponist genannt, wenn man auch die Noten schreiben konnte. Also musste sie die Rechte an jemand anderen abgeben. Der ist damit reich geworden!

Wenn Sie Ihre Lieder singen, spielen Sie Rollen. Wie haben Sie sich in Ihre Protagonisten eingefühlt, zum Beispiel in den Homosexuellen in „Comme ils disent“?
Ach, „Comme ils disent“! Das Lied ist zur weltweiten Nationalhymne der Schwulen geworden. Egal, in welchem Land Sie fragen, „Comme ils disent“ gehört immer zu den beliebtesten Liedern von mir, oft ist es sogar das erfolgreichste. Denn es spricht auch die Mutter, die Schwester, die Freunde an. Wie ich mich in andere Rollen einfühle? Ich halte einfach meine Augen und Ohren offen. Ich lese jeden Tag die Zeitung. Ich höre den Leuten zu, ihren traurigen oder lustigen Geschichten. Ich bin ein guter Zuhörer. Über mich selbst singe ich nie. Na gut, einmal doch.

Welches Lied meinen Sie? 
Das heißt einfach „Autobiographie“.

Und stammt aus dem Jahr 1980. Vor drei Jahren haben Sie noch einmal ein neues Album veröffentlicht, „Encores“. War das Ihr Abschied vom Aufnahmestudio? 
Nein, inzwischen habe ich schon wieder genug Lieder für zwei Alben. Jetzt geht es nur noch um die Auswahl.

Interview: Christian Bos

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