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Robert Defcon mit Guy-Fawkes-Maske: „Die Bilder und die Sounds im Kopf führen zunehmend ein Eigenleben.“

Oscillator 1

„Ich habe die Hölle gesehen“

Das Berliner Duo Oscillator 1 belebt mit seinem Techno-Track „We Are Anonymous – An American Suite“ den Protestsong neu.

Von Max Dax

Der Präsident“, das schreibt Alexander Kluge in seiner Erzählung „Der Teufel im Weißen Haus“, „soll fuchsteufelswild gewesen sein. Täglich sucht er nach dem Bösen. Hier stand es, fünf Meter neben ihm.“ Der Teufel war im Oval Office gewesen, über einen längeren Zeitraum, als Berater von George W. Bush – oder zumindest ist man sich fast sicher, dass es so gewesen sein muss. „Wie kann man, theologisch gesprochen, überhaupt feststellen, ob jemand der Teufel ist, wenn dem jede Maskierung gelingt?“ – „Man müsste ihn foltern. Hält der Betreffende die Folter aus, so ist es der Teufel, hält er sie nicht aus, haben wir den Falschen bezichtigt.“

Nicht überliefert ist, ob der Teufel noch zum inneren Kreis George W. Bushs gehörte, als dieser den US-Kongress in seiner Ansprache vom 20. September 2001 auf einen langen, asymmetrischen, totalen „Krieg gegen den Terrorismus“ einstimmt. Die Rede ist martialisch, sie umreißt einen „noch nie dagewesenen“ Kreuzzug gegen die Terroristen „und alle Regierungen die sie unterstützen“, sie wird live von CNN übertragen und verspricht nicht zuletzt „dramatic strikes – visible on TV“.

Die lange, mehrfach vom Jubel und Klatschen der Kongressabgeordneten unterbrochene Ansprache kulminiert in der Aussage: „Once again we join together in  a great cause. Justice will be done.“ Die Welt wird wie zuletzt im Kalten Krieg in Gut und Böse getrennt, und das Zentrum des Guten verkörpert selbstverständlich Amerika. Die Rede gilt zu Recht als eine der einflussreichen Reden des just angebrochenen Jahrtausends, sie trennt gewissermaßen das 21. vom 20. Jahrhundert. Irritierend bleibt, dass Bush unentwegt lächelt, während er spricht.

Die TV-Bilder von Bushs Presidential Address sind wesentlicher Bestandteil der audiovisuellen Performance „We Are Anonymous – An American Suite“ von Oscillator 1, die in den vergangenen drei Monaten drei Aufführungen im Labor Defcon, einem von dem Musiker, Journalisten und Künstler Robert Defcon gegründeten Raum für Gegenwartsdiagnostik in Berlin-Mitte, erlebte – und seitdem als Video auf Youtube abrufbar ist.   www.youtube.com/watch?v=VRlAGaPEXZU

Unterteilt in sieben Kapitel, fordert der 23-minütige, mit verstörenden Bildern unterlegte, hypnotische Techno-Track ein, als Wiederbelebung der Protestkultur wahrgenommen zu werden.

Erinnern wir uns: Es gab auf der Welt, in Amerika, aber auch in der Bundesrepublik eine Tradition der Protestmusik gegen die Regierung, gegen den Krieg, gegen die Segregation und gegen soziale Ungerechtigkeit. Als Mutter der Protestsongs gilt „Strange Fruit“ aus dem Jahr 1939, live gesungen von Billie Holiday im New Yorker Café Society, ein beklemmender, halbdokumentarischer Blues über gelynchte schwarze Sklaven, deren an Pappelbäume gehängte Leichen in der warmen Sommerbrise baumeln.

„Pastoral scenes of the gallant south / The bulging eyes and the twisted mouth / Scent of magnolias, sweet and fresh / The the sudden smell of burning flesh.“

Die Hochphase des Protestsongs lag in den 50er und 60er Jahren, sich langsam aufbauend zum Soundtrack zu Martin Luther Kings Marsch auf Washington, gegen den Vietnamkrieg und für die Bürgerrechte — mit Protagonisten wie Woody Guthrie, Joan Baez, Bob Dylan, Nina Simone und Harry Belafonte. Nie wieder war Musik seitdem so umfassend politisiert. Gleichzeitig schreien die heutigen Zeiten nach Protest, aber der Protest findet weitab der Musik statt.

Umso überraschender also, wenn Oscillator 1 heute mit aus dem Unterbewusstsein befreiten Bildern und distanzierten Beats eine Gegenwart des Protests formulieren – ein knappes Vierteljahrhundert übrigens nach Alec Empires berühmtem Techno-Track „Hetzjagd gegen Nazis“ aus dem Jahr 1992.

„Ich habe die Hölle gesehen“, sagt Robert Defcon in einer neapolitanischen Pizzeria in Berlin-Kreuzberg, gefragt danach, wie er die Bilder und die Musik zusammenführte: „Die Herangehensweise ist eher journalistisch-dokumentarisch, auch wenn es um stark aufgeladene Bilder geht. Ich habe während meiner Recherchen gesehen, wie der IS Menschen enthauptet, und ich sah die Video-Beichten von US-Veteranen, die die asymmetrische Kriegsführung und die Folterpraxis der USA im Irak mit Kriegsvideos und Diashows erklären. Da heißt es dann: ‚Dieser Mann war unschuldig‘, während der eigene Blick auf das aus dem Schädel quellende Hirn des Ermordeten fällt. Diese Bilder wollte ich nicht zeigen.“

Aber auch ohne Schockbilder prozessieren und emulieren wir das Nicht-Gezeigte von selbst — als Phantombilder im Kopf. Auch wenn Dokumentation ein Antrieb von Oscillator 1 ist, so ist „We Are Anonymous“ doch im Kern vor allem eine poetische Arbeit voller Empathie. Sie beginnt mit einer irritierenderweise hochästhetischen Amateur-Handyaufnahme von Menschen, die sich vom brennenden WTC in den Tod stürzen, um sich vor den Flammen zu retten. Durch die Schnittmontage wird ihr Sturz ad infinitum geführt, zum ewigen Fall gedeutet. Eine starke, an den späten Godard erinnernde Metapher ist das, dazu hören wir auf der Audiospur Klavierakkorde in Moll-Trauer und das leise Gekreische von Seemöwen. „Das sind aber keine Vögel“, korrigiert Defcon, „das sind Polizei- und Feuerwehrsirenen. Wir konstruieren uns die Idee des lebhaften, unschuldigen Vogelgekreisches im Kopf.“

Die Bilder und die Sounds im Kopf führen zunehmend ein Eigenleben. Wir sehen Bushs heiteres Grinsen und denken an den Teufel. Und wir erinnern uns an die positive, sympathische Unterstützung, die Barack Obama entgegenbrandete, als er 2009 für das Amt des US-Präsidenten kandidierte. Defcon: „Obama war ein unglaublicher Visionär. In seinen Wahlkampf-Reden war das Paradies der Machbarkeit, der Lösbarkeit aller Probleme zum Greifen nah. Er stand für die ungeheure Sehnsucht des Westens nach moralischer Läuterung.“ Doch während die Begriffe „HOPE“, „PROGRESS“ und „CHANGE“ bildschirmfüllend positive Botschaften senden, sehen wir zugleich US-Soldaten in Richtung Atompilz laufen, gen Ground Zero, angezogen vom, wie Andy Warhol einst sagte: „wunderschönen Blitz“ — wie Motten vom Licht. Defcon montierte Footage aus Desert Rock, dem Atomtestgelände der USA, mit Obamas berühmter Wahlkampfrede von 2008. „Mich zog die ungeheure Wucht und Schönheit dieser Bilder an, die merkwürdig zu Obamas wundervoller Rede passen.“

Faszinierenderweise verkneift sich Defcon plumpe politische Festlegungen. Er triggert kein Wir-Gefühl an und liefert keine nachgrölbaren Slogans. In diesem Sinne ist auch der Titel des Stücks „We Are Anonymous“ as performed by Oscillator 1 zu verstehen: Nicht als Identifikation mit der Hacker-Bewegung, sondern als Band, die einen dokumentarischen Protestsong performt, der ein Spannungsfeld zwischen Anonymous, NSA, Whistleblowern und dem Krieg gegen den Terror aufmacht. Das Duo Oscillator 1 – neben Defcon spielt und komponiert der deutsch-spanische Fotograf und Musiker Jan Garrido unter seinem Künstlernamen Rock Strongo – begreift sich nicht als Autorenduo, sondern als Instrument einer Aussage, die ganz ausdrücklich Trauer und Empathie mit einer aus den Fugen geratenen Welt als Elemente der Balance innehat.

Die „American Suite“ ist somit einerseits Post-Protest, als der Topoi Protestsong hier auch als Quellensammlung begriffen wird, die uns im Internetzeitalter vor allem anbietet, weiterzubrowsen, etwa die Presidential Address George W. Bushs noch einmal in voller Länge zu sichten, oder sich auf die Protokolle der Irak-Veteranen einzulassen – auf die Gefahr hin, selbst Schaden an Seele und Geist zu nehmen. Oder die Ergebnisse von Obamas heutiger Realpolitik ernüchtert mit seinen Wahlversprechen von damals zu kalibrieren. „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“, kommentiert Defcon seine Bilanz mit Horkheimer/Adornos berühmtem Einleitungssatz zur „Dialektik der Aufklärung“ und fügt hinzu: „Unsere Arbeit beschreibt ein Gefühl vollständiger politischer Ohnmacht.“

Ein Kreis schließt sich, wenn man Alexander Kluges Interview in der FR vom 15. Januar hinzuzieht, in welchem Kluge bedauert, dass die elektronische Musik es bisher kaum geschafft habe, requiemfähig zu sein, als Trauermusik funktionieren zu können: „Die Moderne muss reagieren können. Wir müssen aber auf ein Requiem von Mozart oder von Brahms zurückgreifen, weil der meisten modernen Musik die Fähigkeit zur Trauer abgeht.“

Nicht auszuschließen, dass Defcon, der seinen Kluge gelesen hat, mit diesem Statement schwanger gegangen ist. Denn Oscillator 1 ist die Requiemfähigkeit und somit eine mögliche Antwort auf Kluge wundersamerweise aus dem Stand gelungen. „We Are Anonymous“ enthält Zeilen einer aktuellen Anonymous-Rede: „Love brings love. Understanding brings Understanding. Truth brings truth. What do you bring?“

Mit ihrem Projekt Oscillator 1 haben Robert Defcon und Rock Strongo in der aktuellen Debatte um das Verschwinden des Protestsongs in Richtung Bildender und Videokunst ein großes Ausrufezeichen gesetzt. Die Arbeit selbst gibt es vorerst allerdings nur im Netz zu sehen, da Defcon, der in der Vergangenheit als politischer Musiker selten ein größeres Publikum fand, sein neues Musikprojekt im Kontext eines Galerie-Labors aufführte, statt sich an das Berliner Musikpublikum zu wenden. Als Nächstes plant er im Labor Defcon eine Musik-, Ausstellungs- und Gesprächsreihe zum Thema „Vertrauen“ – abermals ein universales Kluge-Thema.

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