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Piotr Beczala als Faust bei den Salzburger Festspielen 2016.

Piotr Beczala

"Ich bin etwa fünfzig Jahre zu spät geboren"

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Der Tenor Piotr Beczala spricht vor seinem Frankfurter Liederabend über den großen Fritz Wunderlich und den Weg durch ein krisenfreies Sängerleben.

Herr Beczala, glauben Sie an die Wiedergeburt?
Nicht so ganz. Ich glaube schon, dass gewisse Energien weitergegeben werden. Aber ich bin katholisch erzogen, also ist das nicht mein Glaubenszentrum. Allerdings bin ich auch kein Orthodoxer und damit offen für verschiedenste Glaubensrichtungen. Jedenfalls möchte ich nicht abgestuft und als Ameise wiedergeboren werden, deshalb bemühe ich mich um eine gute Lebensführung, sicherheitshalber.

Weshalb ich fragte: Der Tenor Fritz Wunderlich starb am 17. September 1966, Sie wurden am 28. Dezember des gleichen Jahres geboren. Zeitlich könnte es also passen, dass Sie der zweite Fritz Wunderlich sind, eine Wunderlich-Reinkarnation.
Naja, ein paar Monate lagen schon dazwischen.

Das dauert – bis die Energien sich gesammelt haben.
Das zu denken ist, ehrlich gesagt, eine Blasphemie. Sie wissen: Ich verehre Fritz Wunderlich enorm! Dieses Gesamtpaket Fritz Wunderlich: Eine einzigartige Stimme, aber nicht nur das, auch diese Musikalität, er war ausgebildeter Hornist, er hat eigentlich jedes Instrument beherrscht, er hatte das absolute Gehör, diese Ballung von Talenten kann es kein zweites Mal gaben. Und das, wo er doch nur elf Jahre schaffender Künstler war, zwischen 1955 und 1966! Da muss jeder auf die Knie gehen. Ich bin weit von ihm entfernt.

Ihre Stimme hat nun einmal eine deutliche Ähnlichkeit. Ihr Gesangslehrer Jan Ballarin hat ja früh schon gesagt, Sie klingen, wenn Sie gesund sind, wie Wunderlich, wenn der krank sei.
Hm, ja. Was soll ich sagen. Ich habe mein musikalisches Deutsch von ihm gelernt, von seinen Schallplatten. Nicht die Sprache selbst, vielmehr die Empfindung der Sprache, wie man mit ihr umgeht. Es gab und gibt ja die endlosen Diskussionen der Fischer-Dieskau-Fraktion und der Wunderlich-Fraktion über die Frage, wie man mit Singtext umgeht, und sie können sich vorstellen, zu welcher Fraktion ich gehörte. Ja, auch ich habe irgendwann einmal festgestellt, das ein bisschen Ähnlichkeit da ist. Gleiche Stimmfarbe, gleiches Stimmfach, ich habe eine „Verkaufte Braut“ von mir gehört, bei der man wirklich Verbindungen erahnen kann. Ich habe mich auch nie davon distanziert, das wäre Blödsinn. Allerdings bin ich jetzt wesentlich älter, als Fritz Wunderlich überhaupt geworden ist. Ich denke oft: Wo wäre er hingekommen in seinen kommenden zehn, 15 Jahren. Ich glaube, viele andere Karrieren hätten nie existiert, weil er alle überragt hätte.

Kann ein Sänger seine Stimme der eines anderen bewusst angleichen?
Bis zu einem gewissen Punkt mag das gehen. Ich selbst bevorzuge das Singen mit einer natürlichen Tongebung, da ist nichts Gemachtes. Und vielleicht ist das auch etwas, das uns verbindet. Ich unterrichte ja auch ein bisschen und sehe dabei, dass viele junge Sänger andere nachmachen. Das kann aber immer nur eine kurze Weile funktionieren. Irgendwann muss dann jeder seine eigene Stimme finden. Ich kann nur jedem jungen Sänger empfehlen, den Wunderlich zu studieren. Man soll nicht das Resultat kopieren, sondern versuchen, auf den Grund zu gehen, wie diese Stimme entstanden ist. Und dann die eigenen vokalen Möglichkeiten dem anzupassen.

Hat man Ihnen auch schon gesagt, dass es da eine gewisse optische Ähnlichkeit gibt? Nase, Gesichtsform, Haare, das könnte alles passen.
Die etwas breiten Wangen gehören zum Beruf, das ist ein Sängergesicht. Aber was Sie sagen ist ein Kompliment, denn Fritz Wunderlich hatte sehr sympathische Gesichtszüge, finde ich.

Es gibt Wunderlich-Autogrammkarten und Beczala-Fotos mit der gleichen Haltung – Hände am Revers –, einer typischen 60er-Jahre-Sängerpose.
Ich bin ja eh der Meinung, dass ich um 50 Jahre zu spät geboren bin. Ich gehöre aufgrund meiner Gesangsphilosophie und meiner allgemeinen Einstellung in die 1960er, als Musik, Kultur und klassische Werte sich noch nicht in dieser schwierigen Phase von heute befanden.

Sie wurden vor ein paar Wochen 50 Jahre alt. In einem früheren FR-Interview beantworteten Sie die Frage nach dem besten Sängeralter mit „zwischen vierzig und fünfzig“. Die Frage wurde 2005 gestellt. Wie würde die Antwort 2017 ausfallen?
Ich stehe noch immer zu dieser Aussage. Das Problem ist nur: Ich bin ein Spätstarter, in jeder Hinsicht. Ich habe das Singen von Null auf wieder lernen müssen, als ich bereits in Linz am Theater engagiert war. Ich habe also sozusagen zehn Jahre Verspätung. Beniamino Gigli hat einmal gesagt, ein Tenor hat eine bestimmte Anzahl hoher „c“s zur Verfügung – wenn die aufgebraucht ist, ist es vorbei. Ich aber habe so spät damit angefangen, dass ich noch sehr viele auf Vorrat habe.

Wie hat sich Ihre Stimme verändert seit, sagen wir einmal, 2005?
Das kann eigentlich nur das Publikum hören. Was ich sagen kann: Die Stimme hat einige Spektren hinzugewonnen. Ich kann heute ein besseres Piano singen als vor zehn Jahren und auch ein besseres Forte. Ich glaube einfach an die Entwicklung der Stimme, die eintritt, wenn man sehr behutsam mit der Repertoireerweiterung umgeht. Der „Lohengrin“ letztes Jahr zum Beispiel hat mir viel gegeben, auch in Hinsicht auf italienische und französische Rollen. Die Stimme wird mehr gefestigt.

Wenn man Ihren Tenor vergleicht, dann immer mit dem des jungen Wunderlich, klar, den alten gab es ja auch nicht. Oder mit dem jungen Nicolai Gedda, Betonung stets auf „jung“. Ist Piotr Beczala der immer junge Sänger?
Dazu bin ich verdammt, singe ich doch immer diese jungen Burschen. Flexibilität, Helligkeit, das muss man allerdings kontrolliert ansteuern. Eine Stimme darf nicht festgesungen werden, so dass sie nur eine einzige Wellenlänge darstellen kann. Ob dunkel oder hell, dass muss man steuern können. Und da sind wir wieder bei Fritz Wunderlich, der in seinem letzten Jahr auch die Stimme verändert hat, der rundere, dunklere Töne gefunden hat, ohne aber für anderes Repertoire das Helle aufzugeben.

Hatten Sie nie eine Stimm-Krise? Wie andere Tenöre?
Nein! Puh! Ein Segen! Sicher war ich ein oder zwei Mal erkältet und beim Arzt gelandet. Dann hält man eben die Klappe für eine Woche und tastet sich dann langsam wieder heran. Das zu ignorieren – und noch dazu in einem falschen Fach zu singen – führt dann dazu, dass echte Krisen kommen. Aber sagen wir so: Ich habe immer ein bisschen unter meinem Fach gesungen. Viel länger Mozart als andere Kollegen. Lieber etwas später den Cavaradossi und dafür länger „Boheme“. Ich wollte meine Stimme nie mit Belastungen überraschen. Wenn man pro Jahr fünf neue Partien singt und dann zu schnell beim „Otello“ ankommt, hat man ein Problem.

Ihre große Karriere begann, als Sie vor 20 Jahren von Linz ans Opernhaus Zürich wechselten. Wenig später kam auch Jonas Kaufmann dort ins Ensemble. Bei wem war früher klar, dass er ein Star-Tenor werden würde?
Solche Fragen habe ich mir nie gestellt. Damals waren wir beide anfangs im gleichen Repertoire, ich habe etwas mehr Französisches und Italienisches gesungen, er den schwereren Mozart, „Titus“ und solche Sachen. Ich „Rigoletto“, er „Don Carlos“. Wir sind, denke ich, gleich gestrickt, was die Karrierenentwicklung betrifft, er hatte ja auch an kleinen Häusern angefangen. Ich bin immer noch mit Zürich verbunden, vor zwei Jahren wurde ich ja Schweizer. Mit Zürich bin ich noch nicht fertig.

In Frankfurt machen Sie jetzt das, was sie nicht allzu häufig machen: Sie geben einen Liederabend. Mögen Sie es, wenn plötzlich der pure Piotr Beczala auf der Bühne steht?
Ich habe es in den letzten drei Jahren, in denen ich jetzt häufiger Liederabende gebe, gelernt zu mögen. Zu genießen. Es ist eine ganz andere Aufgabe. Liederabende sind viel intimer als Opernvorstellungen, man kann sich nicht verstecken. Jeder Abend ist ein neues Abenteuer, mit mir, dem Pianisten und dem Publikum. Man sieht das Publikum, man bekommt die Reaktionen viel stärker mit. Ja, ich genieße das, obwohl es nicht einfach ist.

Sind Sie nach einem Liederabend erschöpfter als nach einer Oper?
Physisch nicht, aber psychisch schon. Weil man wesentlich ehrlicher mit den Gefühlen umgeht. Ein Liederabend ist zwar kürzer als eine Oper, aber sehr viel intensiver und konzentrierter.

Gerade im Liedfach ist man sofort wieder beim Wunderlich-Vergleich. Der konnte die „Dichterliebe“ in seiner Muttersprache singen. Ihr Deutsch ist exzellent – würden Sie sich auf Polnisch dennoch wohler fühlen?
Das ist schwer zu sagen. Ich singe ja in diesem Lieder-Programm auch Lieder eines polnischen Komponisten. Ob ich mich da wohler fühle? Nein, ich weiß es nicht. Im Gesang begreife ich polnisch gar nicht als meine Muttersprache, denn polnisches Repertoire kommt zu selten vor, wobei das eine gut singbare Sprache ist, jedenfalls besser als tschechisch. Natürlich muss ich im Deutschen oft überlegen, wie man ein Wort genau ausspricht, da sind ja kleinste Nuancen wichtig. Aber ich habe den Besten an meiner Seite, da kann nichts passieren.

Sie meinen den Pianisten Helmut Deutsch?
Ja, er ist eine Riesen-Autorität für mich. Er hilft mir, an den Nuancen zu arbeiten. Und glaubwürdig zu sein. Wenn man vom „wunderschönen Monat Mai“ singt, müssen die Leute den Flieder vor sich sehen. In der Oper bräuchte man dafür eine ganze Arie, im Lied genügt eine Zeile.

Vor großen Opernpremieren backen Sie angeblich immer einen Kuchen für die Ensemblekollegen. Wie ist das bei einem Liederabend? Zwei Nussecken, für Sie und den Pianisten?
Beim Kuchen geht es einfach darum, dass ich mich nach dieser langen Vorbereitungs- und Probenzeit für eine Opernproduktion irgendwie entspannen muss. Dann gibt’s eben einen Hefekuchen. Oft habe ich ja auch eine Wohnung vor Ort, mit einer Küche. Bei einem Liederabend geht das natürlich nicht, alleine schon, weil ich da im Hotel schlafe. Mit Herrn Deutsch gibt es eine andere Tradition: Ein Bierchen danach, das geht auch.

Interview: Stefan Schickhaus

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