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Ibaaku im Mousonturm Frankfurt: Erinnerungen der Zukunft

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Von: Stefan Michalzik

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Der Soundpoet Ibaaku aus dem Senegal. Foto: Ibaaku
Der Soundpoet Ibaaku aus dem Senegal. © Ibaaku

Das Festival „Bodies, un-protected“ im Mousonturm Frankfurt startet prächtig mit Ibaaku

Er nennt sich „Soundpoet“ – darunter mag man sich etwas anderes vorstellen als dieses Ding mit Wumms, das er macht. Und doch ist das Wort nicht unpassend. Ibaaku ist ein senegalesischer Elektronikpultmusiker aus Dakar, mit seinem nicht im klassischen Sinne als Rap zu bezeichnenden Sprechgesang ist er zugleich sein eigener MC. Am Eröffnungstag des Schwerpunkts „Bodies, un-protected“ in Frankfurter Mousonturm machte er den Theatersaal zur Tanzfläche. Eine Feier des Hedonismus, auf einem, sagen wir: zwanglos-avancierten Terrain.

Die Tanzfläche ist ein Raum des Körpers in Gemeinschaft, was allein schon einmal ein Thema darstellt für „Bodies, unprotected“ – dem Projekt eines interdisziplinären Forums, das die Mouson-Ko-Intendantin Anna Wagner gemeinsam mit Sandra Noeth kuratiert hat.

Über zehn Monate hinweg haben internationale Künstlerinnen und Künstler sowie Expertinnen und Experten aus Politikwissenschaft, Migrationsforschung, Psychoanalyse und Philosophie sich mit dem Zusammenhang von Körpern, Ästhetik und gesellschaftspolitischem Handeln beschäftigt. Mit einem Fokus auf die Verhältnisse um „den physischen und symbolischen Schutz, rechtlichen Status und die ethische Anerkennung von Körpern“, mit Perspektive auf Möglichkeiten künstlerischer Form. „Die Wunden offen halten“ steht als Leitstern über dem Schwerpunkt, mit Blick auf „die Geschichte struktureller Ungleichheit und damit zusammenhängender Kämpfe und Debatten um Sexismus, Kolonialismus, Ableismus und Rassismus“.

In seiner „NEO Dakar Experience“ schließt Ibaaku die reichen musikalischen Traditionen Afrikas mit der Gegenwart kurz. Er greift auf alte Aufnahmen zurück, (gerade am Anfang ist auch mal die Klangästhetik von Field Recordings herauszuhören) und überführt sie in den zeitgenössischen afrourbanen Zusammenhang Dakars. Die Quellen für letzteres wiederum liegen im Techno, dem Genre, das in den achtziger Jahren in Detroit von afroamerikanischen Pionieren wie Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson kreiert wurde. Ibaaku schließt also die musikalischen Traditionen des afrikanischen Kontinents mit den Errungenschaften der afroamerikanischen Diaspora kurz.

Seine Tracks machen vom ersten Augenblick an eine überschäumende Stimmung auf der (nicht besonders dicht besetzten) Tanzfläche. „Afro-hypnotique experimental“ lautet eine treffende Genrezuordnung für die Musik von Ibaaku, die brillant die vergangenen beinahe vierzig Jahre der dancefloor-orientierten elektronische Popgeschichte plündert. Dazu Videos, die teils tanztheateraffin sind oder sich in einem irisierenden grafischen Augenkaugummi um Ibaakus Namensschriftzug ergehen – eine Lust rundum. „Alien Cartoon“ und „Memories of the Future“ lauten Parolen in den Videos. Das lässt sich als eine zeitgenössische Anverwandlung des Afrofuturismus deuten.

Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt: „Bodies, un-protected“ bis 10. Juli. www.mousonturm.de

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