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Er leitete mit Leichtigkeit und Perfektion: Andrés Orozsco-Estrada in der Alten Oper.
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Er leitete mit Leichtigkeit und Perfektion: Andrés Orozsco-Estrada in der Alten Oper.

Alte Oper

HR-Sinfoniker: Liebe! Liebe! Liebe! Liebe!

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Andrés Orozco-Estrada verabschiedet sich von Frankfurt mit einem großen Konzert in der Alten Oper.

Einen gewaltigen Strauß roter Rosen bekam der scheidende Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters, Andrés Orozco-Estrada, von Manfred Krupp überreicht, dem Intendanten des Hessischen Rundfunks. Es ging nicht bloß um Zuneigung und gute Zusammenarbeit zwischen Dirigenten und Orchester, es ging um Liebe. Das ist schön und nicht die Regel, und der Lobpreis des Orchestervorstands füllte es mit Inhalt: Das Bild einer Balance aus menschlicher Tadellosigkeit, kommunikationsfähiger Leidenschaft und höchster Professionalität entstand. Ein Orchester, begriff man, will Freude an der Arbeit haben und zugleich musikalisch ernsthaft weiterkommen, und natürlich klingt das leichter, als es ist. Aber gerade die Verbindung aus tänzerisch vergnügter Leichtigkeit und bedingungsloser Perfektionssuche zeichnet die Arbeit des Kolumbianers offensichtlich aus.

In seinen Gesprächskonzerten war der packendste Moment immer der Übergang von Spaß und Scherz zum Musizieren selbst, das nie nonchalant verlief. Ein Übergang, dem eine säkulare Heiligkeit anhaftete, die Heiligkeit des Respekts vor dem Gegenstand (der Musik, dem Orchester). Dass das Publikum daran bei der „Spotlight“-Reihe teilnehmen durfte, ist in Frankfurt auf diesem Niveau noch gar nicht so üblich, das kann und muss auch nicht jeder Dirigent. Zum Abschied nach sieben Jahren in Frankfurt gab Orozco-Estrada vor Rosen und Lob noch eine Kostprobe davon. Erst brachte er uns zum Lachen, indem er auf den dollen Kontrast zwischen Pablo de Sarasates „Carmen“-Konzertfantasie und Johannes Brahms’ 1. Sinfonie hinwies – was aber sei das Leben ohne Kontraste –, dann dirigierte er einen kompromisslos innigen, präzisen und ernsten Brahms. Das schwere Blech so licht und leichtfüßig, die langen Linien so fein ausklingend, der Schluss eine lange vermisste, unpathetisch vorgetragene Wucht. Denn Brahms live zu hören: eine Rarität, eine Unmöglichkeit in den vergangenen Monaten.

Andrés Orozco-Estradas Abschiedskonzert war in mehrfacher Hinsicht ein besonderer Termin, das erste Orchesterkonzert in der Alten Oper Frankfurt nach dem Lockdown, die erste Wiederbegegnung mit Publikum vor Ort. Ein dazu noch wegen der Abstandsregeln zweigeteilter Abend, so dass mehr Leute wenigstens ein Stück davon erleben konnten. Aber viele nutzten ihn als einen einzigen, mit einer langen Pause. Die Solistin war beide Male Hilary Hahn.

Für die von der Corona-Problematik besonders zurückgeworfenen Bläsergruppen war nicht nur die Brahms-Sinfonie ein Fest. Zum Auftakt auch Felix Mendelssohn Bartholdys „Ouvertüre für Harmoniemusik“ in C-Dur, ein übersichtliches Werk für Blasinstrumente und Schlagzeug. „Harmonie“ meinte seinerzeit ein Ensemble aus Blech- und Holzbläsern, aber der Name erschließt sich auch aus dem Klang, der in der Tat ein geruhsames, auf Unendlichkeit angelegtes – nach zehn Minuten freilich zu Ende gehendes – Harmonien-Hören und -Genießen bietet.

Auch dann ein erheblicher Kontrast, mit Alberto Ginasteras Violinkonzert op. 30 (1962/63), ein mit einer spektakulären Geigen-Kadenz beginnendes, von vertrackten Rhythmen durchzogenes, über eine halbe Stunde lang abwechslungsreiches Werk. Eingeschaltet ist ein Adagio für 22 Soloinstrumente, ein Schaufenster für die herausragenden Orchestermitglieder. Am Ende dann ein so verblüffendes „Perpetuum mobile“, dass man ganz perplex zurückblieb, Solistin Hahn war aber eine brillierende, mitreißende, technisch ohnehin durchtriebene und souveräne Führerin für langsame Ohren. Gefeiert wurde nicht nur hier das Piano und das Pianissimo, eine sagenhafte, heitere Spannung.

Pluspunkt für die, die den ersten Konzertteil gebucht haben: Als Zugabe gab es schon einmal die „Carmen“-Fantasie, die den zweiten Teil eröffnete. So bezaubernd, dass man sie aber unbedingt zweimal nacheinander hören musste. Hilary Hahn ließ vergessen, dass es eigentlich eine Stimme bräuchte, die jetzt „L’amour! L’amour!“ singt, und „L’amour! L’amour!“ Orozco-Estrada wiederum erinnerte daran, wie wichtig der Applaus für ein Orchester ist, das Publikum ließ es sich nicht zweimal sagen.

Das Video findet sich auf hr-sinfonieorchester.de, hr2-Kultur sendet den Mitschnitt am 3. Juli um 10.04 Uhr. Und Orozco-Estrada und das Orchester sind bei der Eröffnung des Rheingau Musik Festivals am 26./27. Juni zu erleben.

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