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hr-Sinfonieorchester: Mit Glocken, Pauken und Tamtam

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Von: Bernhard Uske

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Alain Altinoglu.
Alain Altinoglu. © Rolf Oeser

Das hr-Sinfonieorchester mit feinem klanglichem Konfekt in der Alten Oper.

Diesmal gab es im hr-Sinfoniekonzert Rot- und Blaulicht für Orgelprospekt und die Umrandung des Orchesterpodiums. Ein ästhetisch schwieriges Unterfangen, biss sich doch das rotbraune Tabasco-Mahagoni, das die Wände des Großen Saals der Alten Oper bekleidet, mit dem satten Rotton aus Bodenscheinwerfern.

Auch klanglich waren Bearbeitungen Gegenstand des Abends, der mit der Ouvertüre zu Modest Mussorgskys Oper „Chowanschtschina“ begann. Nikolaj Rimskij-Korsakow hatte das Werk instrumentiert. Eine der Bemühungen des Kollegen aus dem Kreis des „Mächtigen Häufleins“, dessen avanciertestes Mitglied Mussorgsky war. Und dem die Bearbeitungen seiner oft sperrigen und ungeschickten Darstellung zugute kamen. Ein Vorgang, der im Rahmen von Authentizität und Eigenwilligkeit heute nicht mehr nur goutiert werden kann. Chefdirigent Alain Altinoglu präsentierte die sechs klingenden Minuten mit dem hr-Sinfonieorchester auf leichte Art.

Mit Vierfingerakrobatik

Emmanuel Tjeknavorian, der 27-jährige Violinvirtuose aus Wien, widmete sich dem einzigen Original des Abends, dem „Poème“ op. 25 Ernest Chaussons, das in seiner 17-minütigen unendlichen Melodie in parlandohaftem Ton mit zurückhaltender Blässe in Solo und Tutti realisiert wurde. Ähnlich war der Eindruck bei der Bearbeitung einer Klavier-Etüde Camille Saint-Saëns, die der Paganini der Gründerzeit, Eugène Ysaye, für Violine und Orchester umgearbeitet hatte (Caprice de valse). Ein Zirkusstück der Vierfingerakrobatik. Musikalisch das Ganze nicht mehr als eine Tortenplatte, auf der das klangliche Konfekt umso besser präsentiert werden kann. Man hielt sich klassisch zurück: hier agierte kein Extremist am Rande des Abgrunds, kein Vabanquespiel wurde geboten. Als Zugabe erklang noch die „Méditation“ Jules Massenets aus seiner Oper „Thaïs“ als nicht saccharinhaltiges Romantik-Schmankerl.

Was die Interpretationen der Ravel-Orchestrierung von Mussorgskys Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ anbelangt, kann man immer eine mehr westliche oder östliche Lesart beobachten. In Frankfurt war man mit perfekten Orchesterresultaten westlich gestimmt. Aber das „Große Tor von Kiew“ hat Ravel selbst so stark geostet, dass das Ausbrechen des Publikumsjubels nach dem Hymnus in strahlendem Blech, mit Glocken, Pauken, Becken und Tamtam sämtliche Raffinessen und Ziselierungen der vorhergehenden Klangartistik frankophoner und sensualistischer Art nahezu völlig vergessen machte.

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