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Der Dirigent sagt, wo es lang geht.

HR-Sinfonieorchester

HR-Sinfonieorchester: Knock, Stampf

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„Spotlight“ und Abo-Konzert mit dem HR-Sinfonieorchester und dem „Feuervogel“.

In zwei enormen Portionen bot das HR-Sinfonieorchester in der Alten Oper Frankfurt den „Feuervogel“. Zuerst der Riesenspaß. Der Ballettmusik Strawinskys widmete sich das „Spotlight-Konzert“, in dem Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada mithilfe seiner geduldigen Musikerinnen und Musiker und zur hellen Freude des Publikums plaudernd ein Werk auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Unsereinen bringt er, für den die Wendung begnadeter Alleinunterhalter gedacht gewesen sein muss, dazwischen so zum Lachen, dass man an das Wahre, Schöne und Gute glauben will.

Aber sprechen wir davon, was im Einzelnen geschah. Beim Hereinschlüpfen der Orchestermitglieder, diesmal alle einmal bei den Vornamen genannt, konnte man erleben, wie ein Chef seine Leute kennt und nicht kennt. Dazu Jubel für die Posaune, die Geburtstag hatte, und die Flöte, die am Vortag Geburtstag hatte.

Beim Zerlegen der Motive zeigte sich das fabelhafte Niveau der Solisten, wie überhaupt der Reiz der Veranstaltung ja im Aufeinandertreffen von höchster Professionalität und größtem Quatsch liegt. Das wird im Komödienfach sicher oft unterschätzt oder beiseitegelassen: dass sich den größten Quatsch nur die totalen Profis leisten können. Leisten sollten. Das Personal des Balletts vom tanzenden Feuervogel über die dreizehn Prinzessinnen bis hin zum Bösen, zum grässlich Bösen wurde also vorgespielt und von Orozco-Estrada auch vorzüglich vorgetanzt. Sodann in Mimik und Musik vorgeführt die Angst, das Mitleid, der Tod und die Freude, da die Geschichte gegen alle Wahrscheinlichkeit und nur mit Hilfe von Zauberei einen guten Ausgang nimmt.

Das Publikum war ermuntert worden, Instrumente mitzubringen, kleine Instrumente, ein relativer Begriff, aber es ging sich gut aus. Wer wollte und sich traute und Platz fand und entweder sehr klein war oder eben mit Instrument, konnte sich mit auf die Bühne setzen – mit dabei etwa ein Fagott, eine Posaune, einige Blockflöten und ein Kinderglockenspiel ohne Fis. Einen gravierenderen Part bekamen zwei mutige Frauen, die als Erzählerinnen links und rechts vom Dirigenten platziert wurden und ihre Arbeit erst tun konnten, als das Böse böse genug klang und die Prinzessinnen süß genug. Ein reines Kinderspiel war das nämlich nicht, aber es klappte dann sehr gut.

Das Tutti im Saal gab den Wind dazu und vollzog nach Belieben die in Richtung Finale dazwischen gerammten Kracher des Bösen mit – Klatsch, Knock, Stampf, Buh, aber besser punktgenau und einmal auch dreimal nacheinander, „wie Rechnen, aber einfacher“, so der Dirigent. Auch galt es, das sehr sangliche Rimski-Korsakow-Zitat mitzusummen, das noch dazu oft genug wiederholt wird, um es geruhsam zu lernen. Und sich des Lebens zu freuen, wirklich.

Einen Abend später das Sinfoniekonzert mit der seriösen Fassung und einem seriösen Orozco-Estrada, aber alle blieben ganz sie selbst. Der Witz an einem Gesprächskonzert ist, dass zwar viel gelacht und rumprobiert, aber die Musik in ihrer Schönheit und Komplexität nicht verraten wird. Ohne unser Zutun zeigte sie sich aber jetzt von der subtilen Seite, so dass man sich nun vielleicht doch für seine Laienhaftigkeit genierte. Aber die Ohren waren angespitzt. Tatsächlich war es auffällig, wie sehr das Orchester das Massierte mied und auch in den wuchtigen Momenten einen spannenden Impressionismus dagegenstellte. Aus dem Spektakel wurde ein Antispektakel. Und eine Lehrstunde darüber, wie die Haltung beim Hören das Erlebnis prägt und das Konzertleben beides braucht: den Mitmachspaß und dann wieder ein Publikum, das 45 Minuten lang die Klappe hält und zuhört.

Der spektakuläre Part gehörte im regulären HR-Sinfoniekonzert Francis Poulencs Orgelkonzert in g-Moll, in dem die Lettin Iveta Apkalna auf der nicht oft so opulent ausgenutzten großen Saalorgel zauberte (auch regelrecht zauberte, indem sie vom Platz im Orchester aus die Registerknöpfe oben bediente). Das eigentliche Wunder war, wie sich das Behäbige und Kolossale des Instruments in Leichtigkeit wandelte. Streicher und Pauke waren effektvolle, gleichberechtigte Partner, die das weite Orgelklangbild noch weiter anreicherten, aber trotz der großen Anzahl hinter der Königin automatisch zurücktraten. Und weil die Orgel noch mehr kann und Apkalna ebenfalls noch mehr kann, spielte sie als Zugabe ein Pedal-Solo des aus Beirut stammenden französischen Organisten und Komponisten Naji Hakim, eine fantastische Überleitung zum „Feuervogel“, indem es sich dabei im Wortsinn um einen Tanz auf den Pedalen handelt.

Anders geartet und doch stimmig der Anfang des Konzerts, auch hier ein Vogel im Titel, „Die Henne“, wie Joseph Haydns vor sich hin pickende und gackernde Sinfonie Nr. 83 genannt wird. Auch hier federnde Leichtigkeit. Auch hier ein Tänzchen, getanzt von Orozco-Estrada.

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