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hr-Sinfonieorchester in der Alten Oper: Europa ist müde, Beethoven jedoch hellwach

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Von: Bernhard Uske

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Die Alte Oper Frankfurt.
Die Alte Oper Frankfurt. © Monika Müller

Das rasende, aber nicht brüllende hr-Sinfonieorchester überzeugt mit Paavo Järvi in Frankfurt

In programmatischer Müdigkeit begann das hr-Sinfoniekonzert in der Alten Oper Frankfurt – mit hellwachem Klangsinn endete es. In Deutscher Erstaufführung erklang „Und müde vom Glück, fingen sie an zu tanzen“ des in Estland geborenen Jüri Reinvere. Das knapp 30-minütige Orchesterwerk war 2019 entstanden und verrät mit seinem Titel den Schriftsteller, der der 51-Jährige neben seiner Profession als Komponist auch ist. Ein Werk, dessen Klangbedeutung im Auge des Programmheftlesers lag, denn ohne den dortigen Kommentar wäre er beim Hören der drei Sätze auf alles mögliche gekommen, nur nicht auf die sich darin ausdrückende Müdigkeit und Erschöpfung Europas. Jenes Erdteils, der seine Errungenschaften wegwirft und Dinge riskiert, „die wir für selbstverständlich halten: Bildung, Vernunft, Gesundheit, Stabilität, eine sichere Zukunft“.

Das falsche Medium

Zugegeben, der Ton des Werks hatte einen dunklen, manchmal dräuenden und lastenden Charakter, der sich aus einer Mischung tonaler und disharmonischer Momente als mächtiger, plastischer und farblicher Vorgang ergab. Aber Ton ist ohne Wort als sprachliche Qualität unbrauchbar. Ein interessantes Thema im falschen Medium, dessen Erfahrungsreichtum eben im vordiskursiven Bereich liegt. Das machte Jean Sibelius’ 7. Sinfonie danach plausibel. Ein brüchiges Idyll: die nostalgisch anmutende Formatierung mit ihren assoziativen Motivtransformationen ist ein Wert an sich, der die Exklusivität musikalischer Geltung darstellt.

Ein Dirigent wie der ehemalige Chef des hr-Sinfonieorchesters, Paavo Järvi, ist dafür wie geschaffen. Und sein Auftritt mit seinem ehemaligen Orchester machte diese Qualität ohrenfällig. Souverän und mit Emphase hatte Järvi bereits bei Reinvere dessen Klangwert profiliert. Bei Sibelius war die ineinanderfließende Form evident geworden.

Zuletzt erschien Ludwig van Beethovens 8. Sinfonie wie die Verabreichung eines Weckamins der Klänge. Paavo Järvi mit dem unerhört präzisen und biegsamen Orchester brachte die Abfolge der Tonbildungen auf einen dermaßen scharfen Trab, dass sein Einschlag in den Publikumsohren wie eine medikamentös-ästhetische Verallgemeinerung wirken musste.

Der Neo-Klassizismus vor der Zeit, den sich Beethoven hier leistet, trat mit der Verve des knappen, lakonischen, rasenden Duktus auf, dass die Pulse rasten. Nicht brüllend oder tosend, sondern in der Freude, die eigene Pulsfrequenz an die in Höchsttempo erfolgenden Extraschläge und artistisch geformten Stolpereien des sinfonischen Wachmachers anzuschließen.

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