HR-Sinfonieorchester

Von Bär, Schlange und Mensch

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Andrés Orozco-Estrada und das HR-Sinfonieorchester glänzen in Frankfurts Alter Oper. Vor allem in Haydns Sinfonik stellt der Dirigent sein Können unter Beweis. 

Werke mit animalischem Bezug standen am Beginn des HR-Sinfoniekonzerts in der Alten Oper Frankfurt. Joseph Haydns Sinfonie Nr. 82 mit dem Namen „Der Bär“ und ein Cellokonzert Thomas Larchers mit dem Titel „Ouroboros“.

Dirigent war Andrés Orozco-Estrada, der nicht zum ersten Mal in Haydns Sinfonik ein dankbares Betätigungsfeld seines Könnens im Balancieren von struktureller, plastischer und farblicher Griffigkeit fand: der Meister von Schloss Esterházy in einleuchtendster Vorstellung. Nicht behäbig humorig, hart durchgepaukt oder grell überschminkt, sondern als lebhafter, bis in die Details vibrierender Organismus. So wie Orozco-Estrada diese Sinfonie auffasste, hätte es des Hinweises auf den Vierbeiner gar nicht bedurft. Die Aufmerksamkeit fesselte vielmehr, dass hier etwas musikalisch reichlich Beschränktes in die kontrapunktische Zwickmühle genommen wurde. Und dass ein Orchester von einem Dompteur perfekt zu den schönsten Klangkunststücken animiert wurde.

Wie bei Haydn war auch bei dem folgenden Werk der Titel eine hübsche Äußerlichkeit, wenngleich jetzt eine mit Bildungs- und Assoziationsfracht beladene. Der 57-jährige Österreicher Larcher hatte seine 2015 geschaffene Kreation „für Violoncello und Kammerorchester“ mit „Ouroboros“ benannt, was, wie zu erfahren war, aus dem Griechischen komme und den „Schwanzverzehrenden“ meine: das antike Bildsymbol der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Sein Kompositionsprinzip habe damit etwas zu tun und auch dasjenige von Johannes Brahms mit seiner zirkulären Dauervarianz.

Zu hören war davon eigentlich nichts, wohl aber viel von dem Reiz zwischen flächiger und eher sachter Geräuschhaftigkeit und einer sich hineinschleichenden Wehmutsgetragenheit. Vor allem dezente punktuelle Schlagzeug- und Klavierimpulse fielen auf, die das Streicherensemble im klanglichen Umfeld der Solostimme raffiniert belebten. Alisa Weilerstein, ehemals Artist in Residence des HR-Sinfonieorchesters, war die Solistin als prima inter pares, was eine weitergehende Virtuosen-Exposition vermied und sich eher als verdichtende Funktion des Gesamtverlaufs erwies.

Nach der Pause traten Größen des erotischen Bestiariums von Richard Strauss auf den Plan: in Gestalt von „Don Juan“ und dem Personal des „Rosenkavalier“ in Form der Orchestersuite von 1944 aus der Feder Artur Rodzinskys. Eine treffliche Zusammenstellung, ist doch das „Don Juan“-Material der sinfonischen Dichtung in Abwandlung für den Westentaschen-Don-Juan der Marschallin relevant geworden – und wieder anders für den Kniebundhosen-Casanova, der in seinem „Lerchenauisch’ Glück“ auf den Namen Ochs hört.

Das walzte und balzte, dass es eine tierische Freude war. Aber auch eine komplette Entfesselung der Triebkräfte des grandiosen Orchesters unter dem hingebungsvollen Körpereinsatz eines Klang-Erotomanen von Gnaden.

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