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Orchester und Publikum mit Zwischenräumen: Das hr-Sinfonieorchester mit Andrés Orozco-Estrada in der Alten Oper.

hr-Sinfoniekonzert

Aus dem Tritt, aber dennoch voran

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Das hr-Sinfonieorchester startet empfindsam in der stillen Alten Oper Frankfurt.

Auch hier große Momente in einem kleinen, aber echten Konzert. Andrés Orozco-Estrada, womöglich doch der lustigste uns bekannte Dirigent, schaffte es, zwischen dem Adagio-Allegro und dem Andante von Mozarts Sinfonie Nr. 39 darüber zu staunen, dass es sonst zwischen den Sätzen nie so ruhig sei. Der Bariton Matthias Goerne sang die „Ernsten Gesänge“ von Hanns Eisler so inniglich, dringlich und präzise, dass einem nicht nur melancholisch, sondern schauerlich ums Herz werden konnte.

Am Anfang stand jedoch die Uraufführung eines hr-Auftragswerks. Das „Scherzo oscuro“ mit dem Titel „Zug der Schatten“ des 1983 in Moskau geborenen Komponist Michael Langemann ist ein bis ins Filmmusikalische hinein effektvolles Werk, alert und durchaus eine Dampflok – wobei der Komponist sich auf Arthur Schnitzlers gleichnamiges Dramenfragment bezieht. Dazu gesellten sich sinnig Elemente, die einem aus dem Tritt geratenen Walzer entnommen schienen, um zwischen Trommelwirbeln wieder verloren zu gehen.

Das sehr leere Pausenfoyer

Überhaupt passte sich die nervös-süffige, anschmiegsame und dann doch widerborstige Gespensterstimmung trefflich in die Situation ein: In die vergangenen Monate, die möglicherweise kommenden Monate aber auch den aktuell locker besetzten Saal, das locker besetzte Podium. Das stille, leere Pausenfoyer, wo einem selbst als Pausenhasser die Tränen kamen.

Eislers „Gesänge“, Anfang der sechziger Jahre entstanden, sind recht selten zu hören. Das wird kaum an der Musik liegen, deren nicht herumposaunender Ernst jeweils perfekt auf die sehr unterschiedlichen Texten eingeht. Diese allerdings bewegen sich mit einer heute nicht mehr denkbaren Unverdrossenheit und Ideologie zwischen Hölderlin und sozialistischem Optimismus angesichts des XX. (Nachstalin- und Tauwetter-)Parteitags. Ihm widmet sich der 5. Gesang ausdrücklich: „das kaum erträumte Glück: Leben, ohne Angst zu haben“ heißt es in Zeilen von Helmut Richter (dem Autor von „Über sieben Brücken musst du gehn“). Eisler selbst baut Fragezeichen ein, wenn etwa im „Epilog“ auf Stephan Hermlin die Gewissheit des „künftigen Glückes“ doch von einer scheuen Abwärtsbewegung begleitet wird. Die deklamatorische Intensität von Goernes Gesang war so mitreißend wie unpathetisch.

Mozarts 39. Sinfonie zeigte sich federleicht und ganz und gar als früher Beethoven. Und es war wirklich ruhig im Publikum, aber applaudiert wurde so viel wie eben möglich. Eine Zugabe auf die knappe Stunde kam dennoch sicher auch deshalb nicht in Frage, weil später am Abend gleich noch ein Konzert folgte.

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