Alte Oper

HR-Sinfoniekonzert: Wie einen seine Mutter tröstet

  • schließen

Johannes Brahms’ „Ein deutsches Requiem“ mit dem MDR-Rundfunkchor beim HR-Sinfoniekonzert in der Alten Oper.

Die Balance zwischen existenziellen Fragen – also der einzigen wirklich existenziellen Frage: wie der Mensch das unausweichliche Näherrücken des Todes, seines eigenen und absolut aller anderen, verkraften soll – und einem gepflegten, sozusagen diskreten Konzertereignis ist in Johannes Brahms’ „Ein deutsches Requiem“ perfekt. Das fällt nicht immer auf, dieser Balanceakt, weil es nicht um eine Rarität geht. Das Publikum befindet sich auf vertrautem, fast allzu vertrautem Terrain, und in einem Kirchenraum ist dazu noch der Text nicht gut zu verstehen, diese geniale Zusammenstellung aus Bibelstellen. Der Balanceakt verschwindet dann womöglich in einer ansprechenden allgemeinen Klangwolke, aber nicht, wenn es zugeht, wie jetzt in der Alten Oper Frankfurt. Hier hatte David Zinman beim HR-Sinfoniekonzert auch den MDR-Rundfunkchor zur Verfügung, dazu die Sopranistin Christiane Karg und den Bariton Michael Nagy.

Das Werk, das zeigte sich als allererstes, ist im Konzertsaal natürlich besser aufgehoben. Akustische Verschwiemelungen wirken sich im „Deutschen Requiem“ ganz unselig aus, die Innerlichkeit will in diesem Fall gläserne Klarheit. Und bekam sie vom ersten Ton an, ein weiches, organisches, aber trotzdem präzises Hineinrutschen in die Musik durch die HR-Sinfoniker war quasi Note um Note nachzuverfolgen und transparent und legte die Grundstimmung des Abends fest: von meditativer Ruhe, ziviler Zartheit, einer Wucht aus dem Geiste der Kunst, nicht aus dem Geiste religiösen Überschwangs (dieser blieb klug dem einzelnen Zuhörenden überlassen). „Denn alles Fleisch es ist wie Gras“ war in Frankfurt nicht die Drohung eines strengen Gottes – eines auf sympathische Weise abwesenden oder nur im übertragenen Sinne anwesenden Gottes, der einen vielleicht wirklich trösten wollte, „wie einen seine Mutter tröstet“. Die letzten Posaunen befanden sich auch nicht in der Hand brutaler Engel, sondern vorzüglicher Musiker, die sich und ihr Instrument stets im Zaum hielten. Dazu der Bariton Nagy, der die Vergänglichkeit („dass ein Ende mit mir haben muss“) mit der Fülle des Wohllauts seiner Stimme – an diesem Abend von einer bezaubernden Empfindlichkeit – eben doch für diese Momente festhielt. Während das Orchester sanft und unerbittlich fortschritt, von Zinman milde angetrieben.

Ein großartiges Pendant war Christiane Kargs besonders natürlich wirkender, jugendlicher Sopran. Beide Partien wurden nämlich ganz unopernhaft gestaltet, individuell statt repräsentativ. Mustergültig homogen der MDR-Rundfunkchor, ausgewogen, geschmeidig und diszipliniert. Der tiefe, unsentimentale Ernst übertrug sich in den stillen Saal.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion