HR-Sendesaal

Die HR-Bigband mit „Zenón y Klein“ in Frankfurt: Meisterschaft, aber keine Akrobatik

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Der Altsaxofonist Miguel Zenón und der Komponist Guillermo Klein bei der HR-Bigband.

Miguel Zenón und Guillermo Klein haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten als Erneuerer des Latin Jazz hervorgetan, besonders mit dem in New York gegründeten Großensemble Los Guachos. Nachdem bereits jeder für sich als Gastsolist bei der HR-Bigband in Erscheinung getreten ist, sind der herausragende puertoricanische Altsaxofonist und der brillante argentinische Komponist, Arrangeur und Orchesterleiter für zwei Abende im Sendesaal des Hessischen Rundfunks nun erstmals beide eingeladen gewesen.

„Noticias de Zenón y Klein“ – mitnichten ist es ein Zufall, dass sich das Motto des Programms derart zurückhaltend gibt. Schon der „Kracher“, mit dem in einer klassischen Manier zu Beginn aufgewartet worden ist, „Tiemblas“, eine aus dem „puertoricanischen Songbook“ stammende Salsanummer des Komponisten Tite Curet Alonso, stellt sich in Guillermo Kleins Arrangement mit einem eher verhaltenen Druck dar, der Klischeebilder von Salsa & Co. unterläuft. Gleich im zweiten Stück gar, Kleins anfänglich als Ballade angelegtem „Riqueza Abandonada (Infinita)“, fühlt man sich am Ende für geraume Zeit in die schillernd-irisierenden anti-expressiven Klanggespinste eines György Ligeti versetzt.

Es ist eine an die fundamentalen Errungenschaften von Duke Ellington anknüpfende Form der Fusion im Jazz, mit der Guillermo Klein Barrieren und Grenzen zwischen nordamerikanischem Jazz, südamerikanischer volksmusikalischer Tradition und europäischer Konzertsaalmusik in großer Selbstverständlichkeit hinter sich lässt, mit Bartók als seinem zweiten musikhistorischen Propheten. Soweit Klein sich immer wieder davon entfernen mag, gerade auch im unorthodoxen Umgang mit dem Orchesterklang, vernachlässigt er nicht die Schlagader des Jazz und lässt der Improvisation Raum – nicht zuletzt auch für grandiose Solisten der Bigband wie Hans Glawischnig, Bass, Stefan Karl Schmid, Tenorsaxofon, Axel Schlosser, Trompete, Christian Jaksjö, Euphonium und Jean Paul Hochstädter am Schlagzeug.

Miguel Zenón tritt mit einer Meisterschaft hervor, die bei aller Eigenheit des Personalstils akrobatische Extravaganzen ausschließt. Zenón ist keiner, der in waghalsige Extreme geht, momentweise gar lässt er sich auf eine beinahe schon kuscheljazzige Expressivität ein. Allvermögend ist er auch für ein bilderbuchklassisches Kräftespiel von funkensprühendem Überbietungselan mit dem Tenorsaxofonisten Steffen Weber.

Am anderen Ende des Abendspektrums steht der Umgang mit einigen Klassikern des Tangogranden Carlos Gardel. Da ist in Kleins rasterbetonten Überschreibungen die insistierende Kraft des Minimalismus nicht weit. Und gar so fern auch nicht die Fugen eines Johann Sebastian Bach, deren eine Klein in „Con Brasil Adentro/Fugue X“ verarbeitet. Klein behauptet einen musikalischen Kosmos eigenen Rechts. Einer Avantgarde nicht zuzurechnen, über den Zeiten stehend eher.

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