1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

hr-Bigband und Camille Thurman: Das Ja zu albernen Liebesliedern

Erstellt:

Von: Marcus Hladek

Kommentare

Camille Thurman, dahinter Jim McNeely.
Camille Thurman, dahinter Jim McNeely. © Foto: Sebastian Reimold

Die grandiose Camille Thurman bei der hr-Bigband.

Einem Polyeder oder Vielflächer, wie die Geometrie es nennt, gleicht Camille Thurman, Tenorsaxophonistin und Jazzsängerin, auf den ersten Blick recht wenig. Das hielt die norditalienische Zeitung „La voce“ 2015 nicht ab, die Newyorkerin, die im Sendesaal Bertramstraße inmitten der hr-Bigband jetzt ungemein fröhlich und aufbauend herüberkam, als „musicista poliedrica“ (vieleckige Musikerin) zu rühmen. Gemeint war die Vielfalt ihrer Talente: als Instrumentalistin und Sängerin, als Komponistin und Erzieherin im Rundumpaket.

Wichtig ist es der Musikerin – im schwarzen Kleid mit silbrigen Symbolapplikationen –, nicht aufs Klischee Jazzsängerin reduziert zu werden wie andere vor ihr. Dass etwa Sarah Vaughan auch eine begabte Pianistin war, ging in der männlich dominierten Jazzwelt unter, so dass sich Vaughan nie voll entfalten konnte. Was für ein Horror für Thurman, die sich in Mentorenprogrammen für junge Musikerinnen engagiert.

Thurman ragt beim Singen, Scatten und am Tenorsax gleichermaßen heraus, oft sogar im gleichen Song. Das ist selten genug, dass es einen Lehrer im Jazz-Sommercamp brauchte, um ihr klarzumachen, auf welch hohem Niveau sich ihr Gesang abspielte. Camille sang, seit sie vier war; Scatten war, was sie bis dahin „nur so“ beim Memorieren der Saxophonsoli trieb. Heute misst man sie und ihre vier Oktaven Stimmumfang an Sarah Vaughan und Ella Fitzgerald.

Mit 35 Jahren ist sie kein Wunderkind mehr und noch keine Altmeisterin: der perfekte Zeitpunkt für Jim McNeelys hr-Bigband, sie nach Frankfurt zu holen, bevor sie zu ausgebucht und teuer ist. Preise hat sie natürlich zuhauf, was ihr das Einspielen ihrer vier Alben erleichterte. Wenn ihre Songverse zu Buster Williams’ „Christina“ in Frankfurt nicht trogen, erklärt sich die Pause zwischen diesen Alben (2013-18) und heute teils dadurch, dass sie Mutter wurde. Ein fünftes Album ist in Vorbereitung.

Alle zehn Titel des Abends stammten aus der Arbeit mit ihrer New Yorker Band und wurden von Jim McNeely aufs größere hr-Bigband-Maß umarrangiert. Originalkompositionen waren „Stand Tall“, die Zugabe „New Directions“ und Thurmans „Christina“-Lyrics. Ihr Instrumentalstil und Jazz-Geschmack orientieren sich an Sax-Größen wie Gene Ammons, Stanley Turrentine und Lester Young und einem samtenen, harmonisch reichen Sound aus zugänglichem Bebop mit Echos von Swing und Blues und R’n’B: sehr melodisch und in Songdynamik. Oft klang das, als habe sich Thurman einst in jazzige Film-Soundtracks der 1960er bis 70er Jahre verliebt: ein urbaner, melancholischer Jazz, der wie warmer Regen aus Celluloidhimmeln fällt.

Und ja, und ach: die Liebe. Thurmans Ansage zu Burt Bacharach („Close to You“) bekannte sich zu, mit Paul McCartney: silly love songs – was sich durch den Abend zog. So sentimental kann man sein, wenn man zur Sicherheit einen Abschluss in Geologie und Umweltwissenschaft hat.

Auch interessant

Kommentare