Volker Kriegel

HR-Bigband „Kriegel Today!“: Eine bleibende Momentaufnahme

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Die Bigband des Hessischen Rundfunks mit einer Hommage an Volker Kriegel.

Das Album „Inside: Missing Link“ mit dem markanten blauen Cover, erschienen 1972 bei MPS, war eine Momentaufnahme, die gleichermaßen zurück auf die Zeit mit dem Dave Pike Set und mit der Formationen Spectrum blickte wie auch nach vorn, etwa auf „Mild Maniac“, und auch das ein halbes Jahrzehnt später erst in Volker Kriegels Leben tretende United Jazz + Rock Ensemble war schon zu erahnen. Das Doppelalbum von 1972 war ein Meilenstein. Es enthielt eine erstaunliche Sammlung ausgefeilter, origineller Kompositionen und versammelte mehrere bemerkenswerte Musiker der aktuellen westeuropäischen Szene – etwa Albert Mangelsdorff, Heinz Sauer, Eberhard Weber.

Volker Kriegel hatte seine eloquente und originelle Gitarristen-Handschrift entwickelt, ohne einen reproduzierbaren Personalstil behaupten zu müssen. Er repräsentierte eine Synthese aus charakteristischen Momenten des Cool Jazz und des Rock-Jazz, einen immer sehr gebildet und überlegt wirkenden Umgang mit elektronischen Effektgeräten, dazu eine souveräne Handwerklichkeit und einen weitherzigen Klangsinn.

Das Album:

Jim McNeely & Frankfurt Radio Bigband: Kriegel Today! Moosicus / Indigo.

Und heute? Das blaue Album ist Quelle einer Volker-Kriegel-Hommage geworden, die die Bigband des Hessischen Rundfunks mit ihrem Chefdirigenten Jim McNeely im Jahre 2018 unternommen hat. 2018 wäre das Jahr von Kriegels 75. Geburtstag gewesen, es war auch das Jahr seines 15. Todestages.

Die Bigband-Produktion „Kriegel Today“ enthält nicht nur Arrangements von Stücken des blauen Albums, sondern auch von den LPs „Spectrum“, „Lift“ und „Mild Maniac“. Aber im Zentrum steht doch irgendwie das „Missing Link“, für dessen Bigband-Version sich drei Gitarristen zu einer gemeinsamen und damit dreifach gesteigerten Würdigung ordentlich hintereinander aufstellen. Da ist der schnellfingrige John Schröder, der von überraschenden Wendungen, schnellen Bendings und originellen rhythmischen Einfällen gar nicht genug bekommen kann und gewissermaßen nicht nur ein Kriegel-Verehrungs-, sondern auch ein John-McLaughlin-Übertrumpfungs-Solo abliefert. Da ist Martin Scales, etatmäßiger Gitarrist der hr-Bigband, mit seiner feinsinnigen Eleganz, mit schön gespannten melodischen Bögen und einem genauen Sinn für den orchestralen Klang-Kontext. Und da ist Jesse van Ruller, ein wenig zurückhaltend, bluesig, mit einer fulminanten Steigerungs-Dramaturgie und markanten elektronischen Effekt-Gestalten.

Jim McNeelys Arrangements formen einen satten, aber nicht massiven Bigband-Klang. Er bleibt transparent, hat Raum für Feinheiten und entlastet die Solisten davon, sich wie Wiedergänger der Originalbesetzungen verhalten zu müssen. Der eigenwillige Sound des späteren United Jazz + Rock Ensembles, das trotz seiner Größe nie wie eine Bigband klang und große Aufmerksamkeit auf trennscharfe und zugleich integrierte Individualitäten legte, ist hier eher eine Horizontlinie als Satzarbeit und Klangvokabular eines herkömmlichen Bigband-Sounds. Durch McNeely bekommt Kriegels Musik einen behutsamen orchestralen Kontext, in dem sie ausgezeichnet funktioniert. Und das „Schnellhörspiel“ klingt kein bisschen gealtert. Es funktioniert bei der Bigband genauso überdreht und verspielt wie damals bei „Mild Maniac“.

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