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Der Dirigent Vimbayi Kaziboni steht schon am Pult. Foto: Musikfest Berlin
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Der Dirigent Vimbayi Kaziboni steht schon am Pult.

Heiner Goebbels

„A House of Call“: Wo der Blitz einschlug

  • VonHans-Jürgen Linke
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Heiner Goebbels’ Komposition für das Ensemble Modern Orchestra „A House of Call“.

Auch ein Orchester mit beleuchteten Notenpulten will inszeniert sein. Der Dirigent Vimbayi Kaziboni steht schon am Pult, einige Musiker haben mit der Arbeit begonnen, etliche fehlen noch und kommen nach und nach herein. Später gehen einige wieder hinaus, für einige Zeit. Ein house of call ist schließlich kein Konzertsaal. Im 19. Jahrhundert in England gab es diese Institution als Ort der Begegnung zwischen Anbietern bestimmter Fähigkeiten und deren potentiellen Auftraggebern. Also eher ein Ort des Kommens und Gehens und Anknüpfens, ein Ort der Arbeit.

Das Orchester auf der Bühne – es handelt sich um das Ensemble Modern Orchestra, dessen Kern das in Frankfurt ansässige Ensemble Modern ist – repräsentiert ein Angebot, und gegenüber sitzen die Abnehmer, die einiges davon eventuell gebrauchen können, anderes vielleicht nicht.

Alles beginnt mit etwas wie einer allgemeinen Unruhe. Dann, nach einer Art Blitzschlag, hat sich das Licht konzentriert. Das Ensemble Modern Orchestra sitzt wie um 90° gedreht auf der Bühne der Philharmonie Köln.

Heiner Goebbels’ viersätzige Orchester-Komposition „House of Call“ blickt, unter anderem, zurück. Sie resümiert und reflektiert jene spezielle theatrale Ästhetik, die er als Komponist in vier Jahrzehnten entwickelt hat, eine musikbasierte Bilderwelt, vielschichtig und überreich an diachronischen, semiologischen, politischen Bezügen und mit einem starke Magnetismus für jegliche Aufmerksamkeit im Raum. Es ist eine Ästhetik der allgegenwärtigen Verfremdung und Material-Anverwandlung, zugleich auch der Aufkündigung jeglicher Eindeutigkeit.

Eigentümlich eingängig

Die mehr als anderthalbstündige Komposition ist ein monumentales Werk, dessen Gestus auf Monumentalismus gänzlich verzichtet. Statt dessen weist es eine interne Rhythmik und eigentümliche Eingängigkeit auf. Es ist eine Revision verschiedener Haltungen und Materialien, deren Kleinteiligkeit sie als wechselvolle Serie von Denk-, Seh- und Fühlvorschlägen erscheinen lässt und dem Publikum nicht die aufmerksame Wahrnehmung, aber die erdrückende Wucht intellektueller Gewichtigkeit erspart.

Als Kompendium der Deutungs- und Reflexionsangebote gibt es eine Art Programmbuch, das den Untertitel „Materialausgabe“ führt. Das war in den 80er Jahren auch Titel einer Konzertreihe im Frankfurter Club „Batschkapp“, an der Heiner Goebbels kuratorisch beteiligt war. Das Buch ist eine Art Biografie der Komposition. Selbst der komponierte Blitzschlag findet darin seinen präzisen Ort: in Donaueschingen, während der Uraufführung einer elektronischen Komposition von Pierre Boulez im Oktober 1981.

Und die Komposition? Viersätzig, mit einem Interludium. Die Satztitel: „Stein Schere Papier“ (wo das thematische Feld des Sisyphos-Mythos als zugespitzte Metapher der eigenen künstlerischen Produktion und der Autor Heiner Müller zentrale Rollen spielen), „Grain de la voix“ (wo gesprochene, gesungene, aufgezeichnete, überlieferte Sprache im Zentrum stehen), „Wax and Violence“ (wo es in einem sehr weiten Sinne um Kolonialismus, Gewalt und historische Schuld geht), „When Words Gone“ (wo Mitteilungsbereiche jenseits von Sprache betrachtet und besungen werden).

Auf andere Ebenen

Es ist ein in einem formal vergleichsweise traditionellen Sinn sinfonisches Werk, das aber in jedem Augenblick über sich hinaus weist, über die Musik, aus der es gearbeitet ist, in andere Bild- und Bedeutungs-Ebenen. Die Inszenierung ist äußerst sparsam – ein mikrophoniert spielendes Orchester, ein dirigierender Dirigent, das Ganze mit einer konzentrierten Lichtregie – viel weniger Inszenierung geht kaum. Sonst wäre es ja einfach ein Orchesterkonzert.

Der letzte Satz ist auch eine tiefe Verbeugung vor Samuel Beckett, dessen Bedeutung für Heiner Goebbels’ künstlerische Arbeit eine ähnlich wichtige Rolle spielen wie Gertrude Stein oder Heiner Müller. Eine Passage aus Becketts „Worstward Ho“ liest sich fast wie eine Regieanweisung zum Konzertbeginn: „First, the body. No: first the place. No: first both of them – now one, now the other.“

Das Finale ist ein monochromer Orchester-Gesang, sparsam begleitet von (nacheinander) Klavier, Harfe, Vibraphon, ein Gebet auf Becketts „What When Words Gone“. Es ist zugleich eine theatrale Adresse an das (oder aus dem?) Jenseits, eine retrospektive Beschwörung und ein Rückblick auf das eigene Komponieren: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

Ist es also vielleicht weniger das eindeutig strahlende Gelingen als ein ausdrucks- und absichtsvolles, unablässig experimentierendes Scheitern am Eindeutigen, das Heiner Goebbels’ Arbeiten seit je begleitet und charakterisiert? „A House of Call“ wäre, so gesehen, perfekt.

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