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„A House of Call“ von Heiner Goebbels: Die Welt im Konzertsaal

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Von: Judith von Sternburg

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Heiner Goebbels’ „A House of Call“ mit dem Ensemble Modern Orchester jetzt auch in Frankfurt

Ein gut ausgeleuchtetes Orchester – hier durch Heiner Goebbels und Hendrik Borowski – erinnert an einen gut ausgeleuchteten Bühnenraum, in dem man die Hebel, Kabel, Türen, schikanierten Wände sieht. Das klingt ökonomisch und setzt doch das Wichtigste in Szene.

Die Übergänge von einem Konzert ins Szenische spielen im Werk Heiner Goebbels’ immer eine Rolle, und auch „A House of Call“ ignoriert nicht die Tatsache, dass von Menschen gemachte Musik jenseits des Radios automatisch eine Inszenierung darstellt. Wie bei der Uraufführung in Köln vor fast genau einem Jahr (FR v. 9.9.2021) sitzt das Ensemble Modern Orchester zur Seite nach rechts gedreht auf der Bühne der Alten Oper Frankfurt, ganz rechts Dirigent Vimbayi Kaziboni, neben ihm Platz für Geiger Jag-dish Mistry, wenn er als Solist nach vorne, also zur Seite tritt. Wie insgesamt die Bewegung der Beteiligten dazu gehört, ein Kommen und Gehen.

Das etwa 100-minütige Stück schleicht sich heran, das an- und abschwellende Präludieren ist allerdings viel zu interessant, um ein Zufall zu sein, und tatsächlich fängt Kaziboni dann an zu dirigieren, und ein paar Leute im Saal plaudern noch, und erst allmählich wird es viel dunkler als sonst. Das Orchester ist der Star, und zu Recht.

„A House of Call“ ist ein viersätziges und insofern sinfonisches Werk. Seinen gedanklichen Überbau kann man in der ausführlichen „Materialausgabe“ nachvollziehen (Neofelis-Verlag, 140 Seiten, 9 Euro), die aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, wie sinnlich und selbstverständlich die Musik sich vermittelt. Das groß besetzte Orchester – die Erweiterung des Ensemble Modern, wie sie seit 1998 zur Verfügung steht – demonstriert, wie bedauerlich es ist, dass zeitgenössische Musik nicht oft in sinfonischem Format dargeboten wird. Der Farbenreichtum – gar nicht so sehr die Wucht, obwohl es auch mächtig gewittert –, die Goebbels bietet, ist im Grunde überwältigend.

Die große Durchlässigkeit

Das Wimmeln und Eingrooven vom Beginn, die Durchlässigkeit zwischen der Welt außerhalb der Bühne, des Saals, der Stadt und der Musik am Ort bestimmt dabei auch das weitere Geschehen. Die (technisch verstärkten) Instrumente werden mit Stimmen unterlegt – im eindrucksvollen Schlussteil singt das Orchester selbst –, gelegentlich auch Verkehrsgeräuschen (Klangregie: Norbert Ommer). Es bleibt immer klar, dass es mehr gibt als das Hier und Jetzt. Nicht als Kontrast, sondern als Erweiterung.

Denn in Goebbels’ „House of Call“ krachen die Welt und die Kunst nicht aufeinander, sondern kommunizieren miteinander. Einmal werden die Stimmen der Musik angepasst, einmal orientiert sich die Musik an den Stimmen. Rhythmus, Variation, Wiederholung – ohnehin wichtig in den Texten von Heiner Müller, Samuel Beckett oder Gertrude Stein – spielen Hauptrollen, jedoch nicht als stupide Vorgaben oder serielle Prinzipien, sondern stets organisch – Musik ohne Knochen, aber mit Struktur, ohne Exzentrik, aber mit Dringlichkeit. Von großer Schönheit auch, und von einem hohen Unterhaltungswert: von Kammermusiken wieder hin zu Passagen, die wie ein wahnsinnig gewordener „Bolero“ klingen, von echten oder wie echten süffigen oder zackigen Musikzitaten hin zum Klang des menschlichen Atems in einem Horn.

Gefeiert wurde nachträglich der 70. Geburtstag Heiner Goebbels, der aber tatsächlich dem Publikum ein Geschenk machte.

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