1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Hot Chip: „Freakout/Release“ – Immer anders flauschig sein

Erstellt:

Von: Christina Mohr

Kommentare

Fünf heiße Chips. Foto: Domino
Fünf heiße Chips. Foto: Domino © Domino

„Freakout/Release“: Die Londoner Band Hot Chip experimentiert und macht damit Freude.

Drei Jahre nach ihrem zwar hedonistisch-verwegen betitelten, musikalisch aber recht ziellos dümpelnden Album „A Bath Full Of Ecstasy“ finden die Elektronikfrickler Hot Chip mit „Freakout/Release“ ihr Mojo wieder – interessanterweise durch Infragestellen ihrer elementaren Triebkraft. „Music used to be escape / Now I can’t escape it / I feel trapped in the world / But life’s what you make it“, klagt Alexis Taylor im Titelstück, das das Ringen mit der Produktion mittels für Hot Chip ungewöhnlich heftig verzerrter E-Gitarren, Vocodersounds und stampfender Beats spürbar macht.

Unsanfter? Nein, doch nicht

In diesem Song klingt die seit mehr als zwanzig Jahren in unveränderter Besetzung agierende Londoner Band wie eine Mischung aus Daft Punk und Beastie Boys, ganz so, als wollten Taylor, Joe Goddard und Kollegen – mit Unterstützung der belgischen Rockband Soulwax übrigens – ihren sanften Trademark-Sound gewaltsam abschütteln.

Dass davon keine Rede sein kann, zeigen die übrigen zehn Stücke, aber offensichtlich machte der einmalige Versuch, fremde Producer einzusetzen („A Bath...“ war die letzte Arbeit des kurz vor Veröffentlichung des Albums verstorbenen französischen Dance-Produzenten Philippe Zdar) eine Neujustierung notwendig. Die nicht ohne Kämpfe verlief, siehe/höre „Wild Beast/Freakout/Release“.

Das Album

Hot Chip: Freakout/Release. Domino.

Wie geschmeidig und euphorisierend Hot Chips Indiepop und Dancemusic verschmelzendes Konzept noch immer wirken kann, unterstrich die zweite Vorabsingle „Eleanor“, ein quasi prototypisches Stück: Elegant, mit unverhohlen eingängiger Melodie, während die Lyrics zu nerdig und komplex sind, um sie wirklich mitsingen zu können. Das Gerüst des Hot-Chip-Sounds – man sollte es der Flauschigkeit wegen eher ein Bett nennen – (ver-)trägt die unterschiedlichsten Experimente, die die Band wieder in Eigenregie und Selbstverantwortung durchführt. Jeder Track hat andere Schwer- bzw. Bezugspunkte: So beginnt der Opener „Down“ krachig und basslos, um sich nach einer halben Minute in einen unwiderstehlichen Funk-Track zu verwandeln, der auf einem Sample der Universal Togetherness Band basiert und gleichzeitig Prince und Shakatak channelt. R’n’B jüngerer Ausprägung findet sich in Spurenelementen der von Taylor in glockenhellem Falsett gesungenen Ballade. „Guilty“ zitiert genüsslich Prog- und Synthierock à la Yes oder Emerson, Lake und Palmer, während für „Broken“ der Achtzigerjahre-Elektropop von Erasure Pate gestanden haben könnte.

Und politisch wird es auch

Und auch wenn Hot Chip die Produktion lieber in ihren eigenen Händen behalten, laden sie in ihr neugegründetes eigenes Studio mit dem bedeutungsvollen Namen Relax & Enjoy gern Gäste ein: Zum Beispiel die ehemalige New-Young-Pony-Club-Keyboarderin und heutige Solo-Elektromusikerin Lou Hayter, die im selbstironisch-melancholischen „It’s Hard To Be Funky“ zu hören ist, oder den kanadischen Rapper Cadence Weapon, der seinen Auftritt in dem in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Stück „The Evil That Men Do“ hat: Gospel, HipHop, Psychedelic- und Classic-Rock vereinend werden Hot Chip für ihre Verhältnisse ziemlich politisch, rufen zu Demut und Richtungswechsel auf.

Die Arbeit an „Freakout/Release“ mag für seine Urheber ein echter Kraftakt gewesen sein, aber auch ein heilsamer Prozess, der letztlich den Hörern und Hörerinnen zugute kommt.

Auch interessant

Kommentare