Oper

Die Hosen hochkrempeln

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Giuseppe Verdis „Simone Boccanegra“ am Staatstheater Mainz wirkt szenisch verwässert, aber das Ensemble überzeugt.

Die vor Aussichtslosigkeit schon statische Düsternis von Giuseppe Verdis „Simone Boccanegra“ schlug vor einem Jahr am Staatstheater Darmstadt voll durch. In Mainz sucht der Regisseur Frank Hilbrich jetzt einen etwas unruhigeren, auch ambitionierten, aber auch ins Leere gehenden Weg. Er setzt dabei starke Akzente zwischen konventionelle Abläufe, das Läppische steht neben dem prächtig Ausgespielten und lenkt manchmal lediglich davon ab, was für ein gutes Ensemble die Mainzer aufbieten.

Im Mittelpunkt steht das Wasserbassin auf Volker Thieles Bühne, einem grauen, geschlossenen Saal (sehr sängerfreundlich). „Simone Boccanegra“, durch eine umfassende Neubearbeitung in der zweiten Fassung von 1881 dem reifen Spätwerk zugehörig, spielt in der Hafenstadt Genua. Das Meer ist das Ah und Oh, und das Mainzer Licht (Peter Meier) erzeugt zwar eine Innenhof- und Lagunenstimmung, aber gerne lässt man sich darauf ein.

An der Decke spiegelt sich das Wasser per Video (Christoph Schödel), der also nicht immer das zeigen muss, was sich unten abspielt. Das klingt raffinierter, als es ist. Allein die opheliahaft entlangtreibende Leiche der holden Maria setzt einen erheblicheren visuellen Effekt. Ansonsten wird eher gespritzt, geplantscht und gewatet, am groteskesten in der musikalisch ergreifenden Wiedererkennungsszene von Vater und Tochter. Anstatt, wenn sich schon kein großer Einfall auftut, einander wenigstens schlankweg um den Hals zu fallen, muss Simone zuvor Schuhe und Strümpfe ausziehen und die Hosen hochkrempeln, um Amelia – die praktische Ballerinas trägt – im Knietiefen zu umarmen.

Hilbrich und sein Ausstatter Thiele lassen Welten aufeinanderprallen. Das leuchtet ein, ohne eine besondere Wucht zu erzeugen. Der Ratsversammlung in roten Gewändern – ohne Armlöcher, so dass die Mitglieder hilflose Kegel sind, wenn es hart auf hart kommt – steht ein aufgebrachtes, wankelmütiges Volk von heute gegenüber.

Bunte Anoraks sind offenbar die Kampfausrüstung, die Choristen müssen sich sehr freuen und sehr ärgern und kräftg zuschlagen, ohne dass eine der Kegelkollegen Schaden nimmt. Hilbrich will oder nimmt jedenfalls hin, dass die Atmosphäre künstlich bleibt.

Zwischen dem modernen Mob und den altmodischen Ratsherren stehen die windigen Helfer und Verschwörer als graue Apparatschiks, die ihre Aktentaschen nie loslassen. Eine prachtvolle Einzelleistung bietet Stephan Bootz als Schurke Paolo (eine Jago-Type), der sich in seiner ganzen Schlechtigkeit windet, schlingelt, lange ein Stehaufmännchen, dann ein verzweifelnder Weitermacher. Seine von Simone erzwungene Selbstverfluchung: die schaurigste Szene der Inszenierung. Dass Simones Schwiegersohn in spe nach dem Tod des Dogen und seinem eigenen Aufstieg selbst zum Technokraten werden dürfte – schon hat er Papiere in der Hand und zieht seine Amelia geschäftig hinter sich her –, ist ein später rascher Deutungsversuch.

Während szenisch das eine vor sich hinplätschert und das andere spannend genug ist, zeigt sich die Musik in Form. Daniel Montané leitet das Staatsorchester solide und quasi in Hilbrichs bloß halbdunkler Lage, der Chor (Sebastian Hernandez Laverny) singt straff und kompakt. Unter den Solisten ist die grandiose Vida Mikneviciute, deren honigsüß abgedunkelte, große, facettenreiche Amelia allein bereits den Besuch lohnen würde. Derrick Ballard ist ein mächtiger Fiesco, Abdellah Lasri ein sich immer freier und größer singender Adorno. Peter Felix Bauers darstellerisch beweglicher Titelheld wirkt stimmlich etwas beengt, zeigt aber Stehvermögen.

Gleichwohl zieht sich das Finale (eine von Verdis langen Sterbeszenen), auch weil die Regie sich hier dann doch im Übermaß zurückhält und die Bilder es nicht richten können.

Staatstheater Mainz:25. März, 7., 14., 17. April. www.staatstheater-mainz.com

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