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2011: Hans-Klaus Jungheinrich mit Kulturdezernent Felix Semmelroth (l.) und Goethe-Plakette.

Hans-Klaus Jungheinrich

Der Horizont des Beobachters

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Zum 80. Geburtstag des FR-Musikkritikers Hans-Klaus Jungheinrich.

Muss das wirklich sein? Vielleicht hat er das als rhetorische Frage eben in den Raum gestellt, in dem er sich gerade befindet. Aber was sollte man darauf sagen, außer: Ja, es muss! Eine seit Jahrzehnten öffentliche Figur wie Hans-Klaus Jungheinrich kann auf keinen Fall ohne öffentliche Aufmerksamkeit achtzig Jahre alt werden. Das ist nicht nur Privatsache.

Ganz leicht macht er es einem nicht. In den Klappentexten seiner zahlreichen Bücher, auf den Websites der Verlage und des Preises der Deutschen Schallplattenkritik e.V. steht, mit wenigen Varianten, stets das gleiche curriculum vitae: „Hans-Klaus Jungheinrich, geboren 1938 in Bad Schwalbach, studierte 1958-62 Komposition und Dirigieren in Darmstadt und Salzburg. Seit 1958 ist er journalistisch tätig, von 1968-2003 als Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau. 1981-90 war er Mitherausgeber der Zeitschrift Musica. Seit 2003 arbeitet er als freier Musikpublizist. Hans-Klaus Jungheinrich ist Verfasser zahlreicher musikalischer Essays und Schriften, mit Schwerpunkten in den Bereichen Dirigieren, Neue Musik und Musiktheater.“ 

Einen gewichtigen Teil seiner öffentlichen Existenz verdankt Hans-Klaus Jungheinrich sicher der Frankfurter Rundschau, und das Feuilleton der Frankfurter Rundschau seinerseits verdankt ihm sicher einen gewichtigen Teil seines nachhaltigen Rufs. Das Jahr 1968 spielt dabei eine mehrdeutige Rolle. „Ein interessantes Jahr“, kommentierte Jungheinrich selbst nonchalant zurückblickend sein 1968, als er im Jahre 2011 eine Dankesrede zum Empfang der Frankfurter Goethe-Plakette zu halten hatte. 

1968 wurde er Redakteur der Zeitung mit dem deutlich markierten linksliberalen Profil, die damals noch in der Großen Eschenheimer Straße, im stadtbekannten Rundschau-Haus mit der ebenso stadtbekannten „runden Ecke“ zu Hause war. Im Feuilleton der Rundschau fand sich in den roaring seventies eine Dreierbande ein, bestehend aus Hans-Klaus Jungheinrich, Wolfram Schütte und Peter Iden, die ihrem Ressort in kurzer Zeit eine überaus hörbare und lesbare Stimme in der bundesdeutschen Presselandschaft verschaffte. 

Es war eine Zeit, in der Teile der außerparlamentarischen Linken die Kultur zu entdecken begannen; mithin eine Zeit der politisch fundierten Neuerfindung des Zeitungs-Feuilletons und eines entsprechend erneuerten Berufsbildes für Kritiker. Nicht mehr waren lediglich ästhetische Aspekte der zu reflektierenden Artefakte Gegenstand der Argumentation, sondern auch politischen Implikationen. Mit kritischem Geist, mit geschärftem begrifflichen Werkzeug, mit Geschichtsbewusstsein und wachsendem Selbstbewusstsein mischten die drei vom FR-Feuilleton die Rezensions-Landschaft des deutschen Feuilletons auf. Ressortleiter war der grundliberale Horst Köpke, der dem Treiben zusah und seiner „Prinzengarde“ – so eine ironische redaktionsinterne Titulierung – den lästigen Alltagskram generös vom Halse hielt. 

Die große Zeit dieses Kulturjournalismus begann in den siebziger Jahren und währte fast zwei Jahrzehnte. Im Kulturbetrieb, und besonders in Frankfurt, wehte ein neuer Wind. Hilmar Hoffmann wurde Kulturstadtrat, initiierte ein innovatives Mitbestimmungsmodell am Schauspielhaus und das erste Kommunale Kino im Lande, Rainer Werner Fassbinder war für elf leuchtende Monate Chef des Theaters am Turm, der junge Heiner Goebbels wurde Musikchef am Schauspielhaus und gründete mit Rolf Riehm und Alfred Harth das Sogenannte Linksradikale Blasorchester, die Ruine der Alten Oper wurde als Konzerthaus wieder aufgebaut, das Großprojekt des Museumsufers in Angriff genommen. 

Und der Horizont des Kultur-Ressorts veränderte sich; Jungheinrich etwa sorgte für eine Ausweitung des rezensions- und reflexionsrelevanten Musikbegriffs. Der Jazz wurde ernster genommen, die Neue Musik erhielt ihren Platz, aktuelle Popmusik drängte ins Feuilleton. Bei aller politisch grundierten Umsicht steht das Politische in Jungheinrichs Texten nie allein im Zentrum der Aufmerksamkeit. Immer geht es ihm in erster Linie um Qualität der Musik, der szenischen Realisierung. Die eindrucksvollsten Lese-Erlebnisse mit seinen Texten hat man, wenn man in der gleichen Vorstellung, im gleichen Konzert gewesen ist. Dann kann man erstaunt feststellen, was alles man überhört oder übersehen hatte. Die Reichhaltigkeit seiner Beobachter-Haltung bringt einen in eine Situation zustimmenden Lesens, man wird sich letztlich im Großen und Ganzen wie auch in den meisten Details einverstanden erklären können.

So ein Lektüre-Erlebnis ist zugleich ein Lehrstück über die Wirkungen von sprachlicher Präzision, Beobachtungs- und Beurteilungsgabe. Im stets stimmigen, oft gleichwohl überraschenden Bezugssystem der Sprache entsteht, wenn man so mit ihr umzugehen vermag wie Hans-Klaus Jungheinrich, eine überzeugende, nie übertönende Qualität im Zusammenspiel von Detail und Verallgemeinerung. So sehr seine Texte vom Aufweisen übergreifender Einblicke leben, so sehr sind sie in Einzelheiten verankert. Sie scheinen eher Erzählung als Essay, eher Beobachtung als Theorie zu sein, aber die Wahrheit liegt in der Vermittlung beider Aspekte. Stets ist auch seine Bereitschaft spürbar, sich begeistern zu lassen und seine Begeisterung nachvollziehbar zu machen. Nie tritt er als hämischer Kritikaster auf. Und intensiver noch als die bündigen Kritiken in der Rundschau oder in der „Opernwelt“ zeigen seine Buchveröffentlichungen und zeigten die Organisation einer imposanten Reihe von Symposien in der Alten Oper, wie sehr er das, worüber er schreibt, auch liebt – wahrhaftig und unverbrüchlich zugewandt. 

Dass Hans-Klaus Jungheinrich schon 2003 die Feuilleton-Redaktion der FR verlassen hat und ihr seither nur mehr als hoch geschätzter freier Mitarbeiter verbunden ist, werden manche Leser kaum bemerkt haben. Und dass er von heute achtzig Jahre alt sein soll, mag man nicht glauben. Trotzdem und gerade deshalb sei ihm ein überaus herzlicher Glückwunsch zugerufen. 
Es musste sein, lieber Hans-Klaus!

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