„Bach zur Nacht“

Hommage an sich selbst

  • vonBernhard Uske
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Das Aris-Quartett spielt in der Reihe „Bach zur Nacht“ einen furiosen Schostakowitsch.

Bach zur Nacht“ lautet die Reihe, die in der Frankfurter Katharinenkirche in Zeiten des kollektiven Mund-Nase-Schutzes für die unmaskierten Ohren von Zeitgenossen, die an reizvollen Kontrasten, Erkundungen, Instrumentationen und Improvisationen im Kontext des Thomas-Kantors interessiert sind, samstäglich zu jeweils zwei Zeitpunkten angeboten wird.

Jetzt war Johann Sebastian Bach ein wenig das Feigenblatt für die Aufführung eines der bekanntesten Streichquartette Dmitri Schostakowitschs, das der Komponist 1960 in Ansehung des bombardierten Dresdens und „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“ geschrieben haben soll. Engagiert war Schostakowitsch für einen russischen Propagandafilm („Fünf Tage – Fünf Nächte“ von Leo Arnstam und Heinz Thiel als Gemeinschaftswerk von DEFA und Mosfilm), dessen musikalische Untermalung ihm offensichtlich nicht so leicht von der Hand ging wie das Quartett.

Die befreiende Kraft

Die Widmung von „Streichquartett Nr. 8 in c-Moll op. 110“ war nach Aussage seines Schöpfers ihm von der KPdSU aufs Auge gedrückt worden. In Zeiten des Kalten Krieges ein wiederkehrendes Muster, dem faschistisch-kapitalistisch gesonnenen Westen die Zerstörung der Stadt durch die Briten in die Schuhe zu schieben und sich selbst die befreiende Kraft der (im Film obendrein kunstsinnigen) Roten Armee als Bruderbund zwischen Okkupanten und besetztem Arbeiter- und Bauernstaat zuzuschreiben.

Tatsächlich – und das machte die furiose und expressive Darbietung durch das brillante und seit elf Jahren zusammenspielende Aris-Quartett deutlich –, ist das Werk eine fast narzisstisch zu nennende Hommage Dmitri Schostakowitschs an sich selbst. Der zu sardonischem Humor neigende Spötter, der im betroffenheits-empfänglichen deutschen Kulturleben die Rolle des ewigen Opferlamms spielt, formuliert hier als eine Art klingender Ego-Shooter seine eigene Gedenk-Revue, in der die musikalisierungsfähigen Buchstaben seines Namens, D-Es-C-H, in typischer Konfektion von Repetitions-Motorik samt Trauerflor- und Lyrikgestus öfters ermüdend allgegenwärtig sind.

Dies garniert mit Signets aus älteren eigenen Werken, Setzungen aus Tschaikowskys Durchführungsmechanik der 6. Sinfonie und ein wenig Folklore. Eine reizvolle Gemengelage zwischen ausagierter kompositorischer Frustration und geballter Faust, die in der Tasche verbleibt. Phänomenal war die klangliche Wirkung im hohen und weiten Kirchenschiff von St. Katharinen, wo wieder die geschmackvolle und konzentrierende Beleuchtung durch Parviz Mir-Ali und Andreas Schwarz die Atmosphäre der halben Konzertstunde bestimmte. Hätte man nicht Anna Katharina Wildermuth, Noémi Zipperling sowie Caspar Vinzenz und Lukas Sieber in der Altarzone gesehen – man wäre glatt der Illusion erlegen, einer starken und perfekt eingespielten Streichorchesterfassung des Werks beizuwohnen.

Auch Bach hat das B-A-C-H seines vollständig musikalisierungsfähigen Namens genutzt: in der „Kunst der Fuge“ in der letzten und unvollendet gebliebenen Quadrupelfuge des gigantischen Werks – aber lediglich als finale Signatur einer Meisterarbeit. Die fünf Minuten des zweiten Satzes dieser 18-teiligen Gestaltung nutzten die Aris-Musiker für eine beschwingt rhythmisierte Warmlaufphase.

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