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Eminem 2014 in Los Angeles auf der Bühne.

Eminem

Er holzt und beschwert sich

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Eminems neuem Album „Revival“ fehlt es an Groove und Punch.

Ich habe Eminem das erste Mal seit Jahren wieder gehört, also ein ganzes Album am Stück. Die „Marshall Mathers LP“ von 2000, ich war damals achtzehn Jahre alt, ich mochte Marilyn Manson, Fred Durst von Limp Bizkit, Rage Against The Machine. Damals zogen mal wieder ein paar Jungs mit den Waffen ihrer Väter durch ihre Schulen, die Orte des Grauens und nahmen zig Leben. Am Schluss ihre eigenen.

Damals war Musik Schuld an etwas, das ist doch etwas, zumindest in den Köpfen der Alten, die ihre Entfremdung auch dadurch auszudrücken vermochten, dass sie die Reihenfolge einfach umdrehten: Die Musik machte die Leute kaputt. Anstatt das völlig Naheliegende zu denken: dass die Kaputten sich Musik suchten, die sie etwas besser zu verstehen schien, eine Musik, die nicht mit dem Finger zeigte auf die draußen.

Die „Marshall Mathers LP“ also hat mich nach diesen vielen Jahren mehr beeindruckt denn je. Vor allem, wie Eminem über den Fame rappte, in dem Storytelling-Klassiker „Stan“, in dem ein Fan sich ihm so nahe glaubt, dass er die Nichtbeachtung durch sein Idol nicht mehr erträgt, in „The Way I Am“, in dem er sich ein letztes Stück privaten Raum erkeifen will. Dazu der absurde Wahnsinn des Alter Egos Slim Shady.

Dass Hip-Hop zwanzig Jahre später zur wichtigsten Musik zumindest der westlichen Welt geworden ist, hängt maßgeblich mit Eminem zusammen und den zwei Alben seiner Karriere um die Jahrtausendwende. Dass erst ein weißer Rapper so groß verkaufte und der Mainstream allzu oft das Schwarze in der „Black Music“ durchzustreichen vermag, macht das Ganze kompliziert. Aber Eminem kann dafür nichts.

Nun ist das neunte Album „Revival“ erschienen, es ist wegen des etwas unfairen Vergleichs mit dem oben schnell im Hintertreffen. Aber es ist auch aus einer anderen Perspektive höchstens mittelmäßig. Der sehr geschätzte Daniel Gerhardt warf „Untouchable“ kürzlich vor, es klinge wie Limp Bizkit. Das war natürlich als Tiefschlag gedacht, es ist aber viel schlimmer, denn es klingt viel eher wie ein läppisch produzierter Track Classic Rock aus den 70ern. Null Punch, null Groove. „Remind me“ sampelt dann auch allen Ernstes „I Love Rock’n’Roll“. Das zeigt, wohin Eminems Blick andauernd geht: zurück.

Dass sich Eminem auf diesem Album so deutlich gegen Trump und seine sehr weiße und sehr reaktionäre Wählerschaft richtet, könnte theoretisch reizvoll und politisch wirkungsvoll sein, weil sich das auch als Appell ans eigene Publikum verstehen lässt. Aber es ist erstens ganz schön wohlbekannt und zweitens sampelt sich Eminem eins zu eins durch genau den Juke-Box-Jack-Daniels-Classic-Rock-Terror, der seit Jahrzehnten die Südstaaten beschallt. Würde Eminem nicht immer noch besser rappen als eigentlich alle (außer Kendrick Lamar), wäre das so, als würde der Papa Jethro Tull auflegen, um den Kindern zu zeigen, was noch richtige Musik war.

Wer sich auch nur ein bisschen für den virtuos-technischen Aspekt des Rappens interessiert, der wird wieder beeindruckt sein, wie wunderschön Eminem über seine Beats rollt. Nur ist der Witz verlorengegangen, den damals das Spiel mit dem Alter Ego Slim Shady noch bereithielt. Jetzt ist alles ernst und dunkel und apokalyptisch, das kann Wucht haben („Nowhere Fast“), aber hört man dieses Album, ist es eher wie eine selbsterfüllende Prophezeiung:

Eminem holzt sich jene Welt des Schrotts eigenhändig zusammen, um sich dann über die schlechten Aussichten zu beschweren.

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