Ute Lemper

Hoffnung, aber nur im Traum

  • Thomas Stillbauer
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Ute Lemper singt in Frankfurt Lieder aus den Konzentrationslagern. Ein Triumph der Kunst und des Lebens.

Wenn etwas kaum auszuhalten ist, nein, wenn das Leben ganz und gar unerträglich geworden ist – dann hilft am Ende doch das Singen und das Fröhlichsein dort, wo sich auch nur der geringste Anlass dazu bietet. Das führt Ute Lemper vor mit ihren „Liedern für die Ewigkeit“, geschrieben in Ghettos und Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs. Mit den Liedern bereist sie seit 2015 die Welt; am Donnerstag gastierte sie damit zum zweiten Mal in Deutschland, nach Berlin nun in der Frankfurter jüdischen Gemeinde. 

„Wir liebten doch das Leben“, wird sie im „Auschwitz-Tango“ singen, auch „Sklaventango“ genannt. „Ach, Freiheit, komm!“ heißt es darin. Von Müttern wird zu hören sein, die ihren Kindern Abschiedslieder singen, von letzten Worten für die Liebe. Wie kann so ein Abend werden? Heiter soll er werden, heiter wird er werden, daran lässt niemand im ausverkauften Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum einen Zweifel zu. „Genießen Sie den Abend!“, sagt die Platzanweiserin strahlend.

Und so lässt sich gemeinsam ertragen, was Ute Lemper, gefeierter deutscher Chanson- und Musical-Star aus New York, teils singt, teils in langen Passagen beschreibt. Der Sommertag 1942 etwa, an dem es im Herzen Winter ist. An dem es heißt: „Würdest du diese Geschichte einem Stein erzählen, würde der Stein weinen.“

„A Yiddische Kind“, komponiert von Hanah Haytin im litauischen Ghetto, erzählt von der verzweifelten Mutter, die ihr Kind bei fremden Leuten zurücklässt. Lemper singt es mit Tiefe und Schmerz, wahre Kunst, zu sparsamer, aber wirkungsvoller Gestik, begleitet von ihrer grandiosen Band mit Klavier, Bandoneon, Violine, Klarinette und Kontrabass. Die zwölf Lieder, die sie an diesem Abend vorträgt, singt sie größtenteils auf Jiddisch und erklärt zuvor den Inhalt. 

Eine schwere Reise in die Vergangenheit sei das, sagt sie in die Stille, aber notwendig. Lieder, die in den langen Schlangen gesungen wurden, den Schlangen vor den Kesseln mit wässriger Suppe, den Schlangen vor den Duschräumen, den Schlangen zur Gaskammer. Gewidmet den Millionen Ermordeten im Nationalsozialismus, adressiert aber auch an jene, die heute wieder zu Rassismus und Greueltaten aufrufen. Sie sagt es, und das ist erleichternd, mit weniger Pathos, als es denkbar wäre. Das Publikum ergreift jede Möglichkeit zu langem Applaus, besonders an den Stellen, an denen die „Lieder für die Ewigkeit“ spürbar Hoffnung machen sollen, mit flotten tanzbaren Rhythmen, wenn die Sängerin sogar bisweilen stimmakrobatisch über sich hinauswächst – Hoffnung, wo keine Hoffnung mehr ist. Rebellion, sagt Ute Lemper, aber nur in den Köpfen. Nur in den Träumen, die für die allermeisten nicht in Erfüllung gingen. 

„Ich möcht so gern nach Haus“, heißt es in „Theresienstadt“ von Ilse Weber, ermordet 1944. Weber schrieb eigens Lieder für die Kinder, die sie laut singen sollten und dabei tief Luft holen. Das verkürzt, wusste sie, die Leidenszeit im Gas. Wilhelm Julius Rosenbaum entwarf für die sogenannten bunten Abende, donnerstags in Theresienstadt, schmissige Schlager mit Zeilen wie „Du hast ja schon längst eine andere im Sinn“. Es war eine Klangfarbe des von Gott und der Welt Verlassenseins. Davon gab es viele, wie Ute Lemper und ihre Band eindringlich vor Augen und Ohren führen. „Glück, komm doch, hast du mich vergessen?“, heißt es in „Mazel“, gesungen von den Zusammengetriebenen auf dem Marktplatz von Auschwitz. 

Das ganze Konzert durchweinen bis zur Partisanenhymne von Hirsch Glik wäre die eine Möglichkeit. Die große Kunst feiern, die im Grauen entstand und die bis heute weiterlebt, von Unermüdlichen überliefert und gesammelt und gewürdigt – das ist die bessere Möglichkeit. 

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