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„Fast Machines“ beim Schreddern.

Konzert

Ran an den Hörer!

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Die beiden letzten Abende der Musikbiennale „cresc...“ boten Buntscheckiges.

Auf das Überschreiten von Einfriedungen einer akademisch konnotierten „Neuen Musik“ ist das vom Ensemble Modern und dem hr-Sinfonieorchester biennal ausgerichtete Festival cresc... angelegt. Das ist bei dem mit „Metal vs. Ambient“ überschriebenen Konzert mit dem Ensemble Modern in der Frankfurter Batschkapp schon mal insoweit gelungen, als sich Gesichter aus der Gemeinde der zeitgenössischen Musik mit einem popaffinen Publikum mischten.

Jede konventionelle Idee von einem postseriellen Komponieren lässt der österreichische Komponist Bernhard Gander mit seinem gewaltigen ökoapokalyptischen Lamento Oozing for voice, extreme metal drummer and ensemble in der Tat hinter sich. Die Streicher des von Brad Lubman durch die forciert repetitiven, mal auch dräuend elegischen Riffs geleiteten Ensembles sind elektrifiziert. Dramatische Paukenschläge, tausendfältige Eruptionen vom Schlagzeuger Flo Mounier – im Zentrum freilich steht die comicstripartige Radikalperformance des mit einer Mensch-Maschine-Maske angetanen Vokalisten Attila Csihar.

Die polymotorisch lärmenden Tutti erinnern von fern an Charles Ives. Ähnlich lose Assoziationsmöglichkeiten gehen in die Richtung Edgard Varèse; Phasen des perkussiven Stakkatos auf zwei Klavieren beziehungsweise zwei Celestas scheinen auf den musikalischen Minimalismus zu verweisen. Eine knallige Lustbarkeit von herausfordernder Komplexität, die einen immensen Spaß gemacht hat. Musikalisch hatte es, von der Bearbeitung der Stimme abgesehen, mit dem Oberthema des Festivals, „Human_Machine“, wenig zu tun.

Durchaus eine gewisse Nähe zu Ansätzen der Nachkriegsavantgarde ließ am gleichen Abend Helge Sten erkennen. In einem bis an die Grenze des Stillstands gedrosselten Zeitfluss dringt der norwegische Elektronikmusiker mit seiner Klangkomposition „Utopias“ in die Tiefe eines Tons ein, der einem steten polychromen Wandel unterzogen ist, den er auf dem historischen Gerät des sensorgesteuerten und damit quasi grenzenlose Freiheiten erschließenden Buchla-Synthesizersystems generiert. Eine Séance von erheblicher Faszinationskraft.

Überdeutlich sind die Verweise auf Mahler, Debussy und Sibelius in John Adams’ Orchesterstück „Harmonielehre“ aus dem Jahr 1985 (so benannt nach Schönbergs Buch zum Thema) anderntags beim finalen Abend mit dem hr-Sinfonieorchester unter der profunden Leitung von Baldur Brönnimann im Sendesaal. Der 1947 geborene Amerikaner ist bekennender Zwölftonverächter, was sich in spätromantischen Inseln inmitten seiner minimalistischen Strudel manifestiert – in gewisser Weise ein idealer Prophet für diese „Biennale für aktuelle Musik“.

„Fast Machines“ lautete die Überschrift zu der zivilisationskritischen Programmfolge, mit Adams’ Rasanz-Petitesse „Short Ride“ in Fast Machine (1986) zu Beginn und dem ewigen Titanic-Motiv in Gestalt des szenisch-atmosphärischen Ensemblestücks „The Sinking of the Titanic“ (1969-72) von Gavin Bryars am Ende. Im Auftragswerk „black and white für Orchester, Drucker und Schredder“ demonstriert der im Popzusammenhang famose britische Elektromusiker Matthew Herbert szenisch den Ressourcenverbrauch im Kulturbetrieb – was man sich angesichts einer bemerkenswert dürftigen Musik in unfreiwilliger Ironie tatsächlich hätte sparen können.

Über alle Tage hinweg ein buntscheckig-vitales Festival, überwiegend mit Musik, die dem Hörer sehr weit entgegenkommt – dabei gewiss kein Querschnitt durch das „aktuelle“ Komponieren.

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