Max Goldt

Höhere Drehzahl

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Max Goldts Lesung im Frankfurter Mousonturm funktioniert auch diesmal wieder.

Die Position des Autors in den Texten von Max Goldt befindet sich über den Dingen, ungeachtet aller Gelassenheit aber ist er emotional nicht unbeteiligt. Es ist eine gewisse Abscheu, die er gegenüber den Unsitten und Marotten der Zeit empfindet. Marotten der Sprache beispielsweise. An diesem ersten von zwei Abenden im beinahe ausverkauften Frankfurter Mousonturm, wo Goldt (von wenigen Ausnahmen an anderen Orten in der Stadt abgesehen) immer um Weihnachten herum gastiert, nimmt er den verbreitet unpassenden Gebrauch des Wortes „absurd“ in den Blick – sinnwidrig für alles verwendet, was unlogisch erscheint. Im Zuge von fünfzig Jahren Popkultur, so Goldt, sei die Fertigkeit zum Gebrauch der zutreffenden Wörter verlorengegangen.

Verlorenzugehen droht auch das schöne Wort Kohlensäure, weil im Zuge der sprachlichen Globalisierung bei den Kellnern die Frage „Mit oder ohne Gas?“ gebräuchlich geworden ist. Erst recht das Wort Ätzgravur dürfte zusammen mit der alten Handwerkskunst dem Vergessen anheimfallen. Und weshalb müssen junge Männer ein Wetter, in diesem Fall ein Gewitter, als „geil“ begrüßen? Woher die Gedankenlosigkeit von Designern, die Wartehäuschen für Bushaltestellen entwerfen, die ob ihres Glasdaches keinen Schatten spenden?

Es geht bei Max Goldt zumeist um ein Empfinden für Stil und Takt – und dessen schon in jungen Jahren ein wenig onkelhaft süffisant kommentiertes Ausbleiben. In „Alter und Aussehen egal“ (1994) entspinnt sich aus der Beschäftigung mit Wippen auf Kinderspielplätzen, die (nicht allein) Goldt Unbehagen bereitet haben, die Fantasie, die nach dem Mauerfall verdoppelte Drehgeschwindigkeit des Restaurants an der Spitze des Berliner Fernsehturms weiter zu steigern – bis auf die 1400 Umdrehungen des Schleudergangs einer Waschmaschine. Thema Spielplatz: Anstelle von Weihnachten solle man die regelmäßige Abholung des Sperrmülls überall wieder einführen – wo man in Goldts Kindheit noch Trouvaillen habe auftreiben können, und nicht bloß Ikeaschrott. So etwas klingt bei Goldt nicht nostalgisch, sondern wie ein Vorschlag zur Verbesserung der Welt.

Die Schreibblockade, mit der Goldt längere Zeit zu tun hatte, scheint sich zumindest gelockert zu haben; einzelne Texte stammen aus den letzten Jahren. Gleich ob es um neuere geht oder um eine Wiederbegegnung mit älteren – ein Gefühl des Überdrusses ist über all die Jahre niemals aufgekommen.

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