+
Fatoumata Diawara auf der Seebühne von Schloss Vollrads.

Rheingau Musik Festival

Highlife unter Reben – Fatoumata Diawara in Vollrads

  • schließen

Die Musikerin Fatoumata Diawara mit ihrem Mali Blues im Rheingau.

Mali Blues“ hieß ein Film, der 2016 vier malische Musikerinnen und Musiker porträtierte, darunter Fatoumata Diawara. Regisseur Lutz Gregor holte sie damals für den Film aus Paris nach Bamako zurück. Mit 19 hatte sie Mali verlassen, um der Zwangsheirat mit einem Cousin zu entgehen. Jetzt war sie in Schloss Vollrads zu Gast. Mali-Blues zwischen Riesling-Sekt und Rheingau-Romantik – geht das?

„Courage“ heißt in diesem Jahr der Leitgedanke des Rheingau Musik Festivals. Und Fatoumata Diawara hat ihr jüngstes Album und ihr Programm mit „Fenfo“ oder „Something To Say“ überschrieben. Sie setzt sich seit Jahren für die Rechte von Frauen in der patriarchalen Gesellschaft Malis und gegen Genitalverstümmelung ein. Gegen die Islamisten, die Mali 2011 in einen Krieg stürzten und im Norden ein Musik-Verbot verhängten, hat sie mit rund 40 Musikerinnen und Musikern den Song „Maliko“ aufgenommen für die friedliche Einheit ihres Landes mit seinen vielen Ethnien und rund 20 Sprachen.

Diawara schreibt ihre Lieder auf Bambara; wenige im Publikum dürften die Texte verstehen. Aber sie erklärt in englischen Ansagen, wovon sie singt: von den positi-ven Kräften Afrikas, von Freiheit und Frieden. Das mag für abgestumpfte Europäerohren banal klingen. Aber solange Menschen mit schlecht gefärbten Haaren glauben, sich mitten in der Sitzreihe einen stinkenden Zigarillo anzünden zu müssen, sind Appelle an Rücksichtnahme, Love & Peace wohl noch nicht überholt.

Die Songwriterin bedient sich eines breiten Spektrums stimmlicher Ausdrucksformen, aus all den Musikstilen zusammengesammelt, mit denen sie in ihren 37 Lebensjahren zu tun hatte. Neben ihrer warmen Gesangsstimme in der Mittellage nutzt sie tiefe, kehlige, kratzige Register und schrille Höhen als Highlights.

Einen Song widmet sie dem Afrobeat-Ahnen Fela Kuti aus Nigeria, einen anderen der Blues-Rebellin Nina Simone: zentrale Koordinaten. Seit ihre ältere Landsfrau Oumou Sangaré sie mit auf Tour nahm, war Diawara mit Herbie Hancock und Bobby Womack im Studio, mit Roberto Fonseca auf Tour und beim „Africa Express“ des Blur-Sängers Damon Albarn dabei. Und nebenbei ist sie Filmschauspielerin.

Während auf dem Album „Fenfo“ traditionelle afrikanische Instrumente wie Kora und Ngoni zu hören sind, verzichtet Diawara im Rheingau darauf. Trotzdem wurzelt ihre Musik tief in afrikanischem Boden. Die Gitarre von Yacouba Kone webt aus Melodiefetzen hypnotische Muster, Jean-Baptiste Gbadoe an den Drums und Sekou Bah am Bass ziehen sie auf ein rhythmisches Stützgeflecht, und Arecio Smith an den Keyboards ergänzt zwischen Jazzpiano und Popsynthesizer.

Am Ende steht das Publikum, klatscht mit und lässt sich von der überaus vitalen Sängerin und Gitarristin sogar zum Singen verführen. Die im achten Monat schwangere Diawara hat da längst den Turban abgelegt und tobt über die Bühne, dass die Zöpfe fliegen: weniger Mali Blues als Highlife für das 21. Jahrhundert. Und das geht richtig gut in den Rebhängen am Rhein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion