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Prächtig aufgeräumt: Brian Blade vom Trio Children of the Light.

Deutsches Jazzfestival

Hier pulst und brodelt es

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Das 48. Deutsche Jazzfestival in Frankfurt forscht mit respektablem Ergebnis nach der Zukunft dieser Musik.

Wo sind sie zu finden, die Musiker, die auch nach dem Ende einer Geschichte der sich ablösenden Stile weiter am Projekt des Zeitgenössischen im Jazz arbeiten? Das ist die Frage, die über jedem Jazzfestival von Anspruch schwebt. Daran gemessen hat das 48. Deutsche Jazzfestival in Frankfurt an seinen drei Kerntagen im Sendesaal des Hessischen Rundfunks Respektables geleistet.

In einem Fall allerdings ist das entschieden nicht aufgegangen. Ein brillantes Jazzquintett trifft auf zwei Rapper aus Senegal: „Séléyone“ – Schnittpunkt – nennt der New Yorker Altsaxofonist Steve Lehman seine Band, mit der er an den afrozentrischen M-Base-Avantgardismus der achtziger Jahre anknüpft. Der Rap allerdings wirkt aufgepfropft – zwei Welten kommen nicht zusammen. Im sprichwörtlich nordisch-elegischen ECM-Skandinavien bewegt sich der norwegische Bassist Mats Eilertsen mit seinem Septett Rubicon. Da wird ansprechend und inspiriert musiziert, auf rundum abgesichertem Terrain.

In Roger Hanschels siebensätzigem Zyklus „Niederschlagsmengen“ für Altsaxofon und die grandiosen Streicher des Auryn Quartetts bewegt sich Hanschels Altsaxofonstimme im Jazzidiom, die Tonsprache der Streicher tonal zeitgenössisch, mit Rückgriffen auf die Spätromantik – das Ergebnis ist eine Kammermusik von enormer Dichte. Straff geschnürt ist der Ensembleklang bei der Altsaxofonistin Silke Eberhard, die mit ihrer zum Septett erweiterten Bläsergruppe Potsa Lotsa die dreisätzige, als Skizze hinterlassene „Love Suite“ von Eric Dolphy stilsicher ergänzt hat. In Eberhards eigenen Stücken gesellt sich zur konstruktiven Strenge ein Einschlag von Humor. Mit einer komplizenhaften Emphase besinnt sich der Schweizer Bassist Bänz Oester mit seinem Quartett The Rainmakers um den Tenorsaxofonisten Ganesh Geymeier und die südafrikanischen Musiker Afrika Mkhize (Klavier) und Ayanda Sikade (Schlagzeug) auf das Erbe des legendären John Coltrane Quartets der frühen 60er Jahre. Das pulst und brodelt – ein Höhepunkt.

In einer bruchlos vitalen Beständigkeit ist das mit dem Gründungsjahr 1958 auf die goldene Ära des Jazz in Frankfurt zurückgehende hr-Jazzensemble ein immerwährendes All-Star-Studioensemble, hier nun besetzt mit zehn Instrumentalisten, von den Veteranen Heinz Sauer (Tenorsaxofon) und Günter Lenz (Bass) bis zum frühgrandiosen Jungspund Ole Heiland (Tuba). Ein Hort eines spezifisch europäischen Jazzverständnisses, mit einer auskomponierten Musik auf allweil bestechendem Niveau.

In einer eigenschöpferischen Art historisch bewandert bewegt sich der armenische Pianist Tigran Hamasyan solo zwischen einer beinahe satie-haften Simplizität und einem massierten Tastenfuror. Volksmusikalische Melodien aus seiner Heimat überträgt er in eine Spannung wie bei Morricone und von frappierender Tiefe. Brillant. Der New Yorker Pianist und Analogsynthiespieler Graig Taborn spielt mit einer bezwingenden melancholischen Spannung, dann aber auch mal mit Pranke; sein Quartett Daylight Ghosts zeichnet sich aus durch ein Gruppenspiel, in dem jedes einzelne Instrument fern eines eitlen solistischen Brillierens klar hervortritt.

Denkwürdig schließlich der finale Auftritt im Sendesaal mit dem Trio Children of the Light um den Pianisten Danilo Pérez, John Patitucci am akustischen und mal auch am elektrifizierten Bass und Brian Blade am Schlagzeug. Die langjährigen Begleiter von Wayne Shorter präsentieren sich prächtig aufgeräumt, selten erlebt man ein Musizieren von solch unangestrengt gespannter Intensität.

Standards haben der Düsseldorfer Tenorsaxofonist Matthias Nadolny und der seit Jahrzehnten in Frankfurt heimische amerikanische Pianist Bob Degen am Mittag des Nachschlagstags im Mousonturm gespielt. Nadolnys lyrischer Ton ist mit viel Hauch belegt, Degen ist ein Begleiter von einer aus der Zurückhaltung heraus starken Präsenz. Eine vertraulich intime Zwiesprache auf lichtem Niveau. Der wirkungsmächtigen Musik des afrokaribisch-britischen Tenorsaxofonisten Shabaka Hutchings mit seiner Band Shabaka and The Ancestors ist ein wiedergängerischer Zug eigen: sie ist voller Spannung und ruhender Kraft, in Wiederbelebung eines spirituellen Geistes, der im Jazz der sechziger Jahre seine Ursprünge hat. Stichworte: John Coltrane, Sun Ra Arkestra.

Das Zeitgenössische im Jazz? Da werden immer wieder Fäden aus der Jazzgeschichte aufgenommen, besonders die neu erschlossene Freiheit in den sechziger Jahren spielt unvermindert eine inspirierende Rolle, in ganz unterschiedlichen Ausformungen. Die Retro-Keule braucht man gewiss nicht zu schwingen, solange der Geist ein vorwärts denkender ist.

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