Sänger Alvaro Soler.

Music Discovery

Und hier und da ein malvenfarbiger Seufzer

  • schließen

Das hr-Sinfonieorchester und Alvarao Soler schaffen in der Jahrhunderthalle schon mal Sommerstimmung.

Alle in der vollen Jahrhunderthalle und alle im hr-Sinfonieorchester auf der Bühne sollen auf eins, zwei, drei ihren Vornamen sagen, dann wünscht Moderator Johannes Sassenroth viel Spaß, man sei jetzt per Du. So beginnt die 2019er Ausgabe des Music Discovery Projects, das alljährlich vor allem junge Menschen in die Unterliederbacher Konzertkuppel locken und mit einer Mischung aus Pop und Klassik dem öffentlich-rechtlichen Bildungs- und Unterhaltungsauftrag nachkommen soll.

„FarbTöne“ steht diesmal über dem Programm, ein hinreichend flexibler Titel, der an diesem Abend vor allem mediterran und südamerikanisch gefüllt wird. Das Orchester dirigiert Jean-Christophe Spinosi, ein Korse, Gäste sind der in Barcelona geborene Berliner Alvaro Soler und seine Band. Auf Edvard Griegs aufgehende Sonne in der Morgenstimmung folgen unter anderem der Argentinier Alberto Ginastera, der Spanier Manuel de Falla, die Südfranzosen Olivier Messiaen und Maurice Ravel sowie Felix Mendelssohn-Bartholdy mit dem „Saltarello“ aus der „Italienischen Sinfonie“. Bühnenbildnerin Natalie Friedmann und ihre Motion- und Licht-Designer lassen dazu auf dezenten LED-Flächen und -Stäben meist warme Farben aufleuchten, manchmal Regenbögen explodieren.

Das hr-Sinfonieorchester hat am farbstarken Abend viel Gelegenheit, Feuer und Energie zu zeigen. Die gewohnte Präzision kommt vor allem bei Messiaens „Offrandes Oubliées“ zur Geltung: Aus eng geschichteten Streicher- und Bläserklängen erheben sich Schwebungen, Reibungen und ungewohnte Klangfarben, die der Komponist selbst als graue und malvenfarbige Seufzer, als „rot-, gold-, blaugetönt (gleich einem fernen Kirchenfenster)“ beschrieb.

Es ist der nachdenklichste Moment in dieser gut gelaunten Ausgabe des Music Discovery Projects, das dem hr-Sinfonieorchester in der Vergangenheit auch mal unbequeme Elektronik- oder Indie-Musiker beigesellte. Alvaro Soler, zeitgemäß mithilfe von Castingshow und YouTube bekannt geworden, singt vor allem Sonne-Strandspaß-und-Sommerstimmung-Salsa. Dass der Abend mit so disparaten Polen wie Messiaens „Offrandes“ und Solers tanzbaren Hits wie „El Mismo“ oder „La Cintura“ organisch und rund wirkt, ist Arrangeur Gunter Papperitz zu verdanken.

Idealtypisch ist die erste Zugabe: der Torero-Marsch aus „Carmen“ und mitten hinein gesetzt Alvaro Solers „Sofia“, die Papperitz im Finale zu einer Sofia-Carmen-Bizet-Soler zusammenführt. Ähnlich eng verschränkt mit Ravels „Alborada del Grazioso“ ist Solers klagendes „Nino Perdido“. Einige Lieder spielt die Band – Gitarre, Percussion, Bass und Trompete – ohne Orchester: eine sympathische Combo unprätentiöser junger Männer mit viel Freude an der Musik.

Dem Publikum gefallen die Reißer: de Fallas „Feuertanz“, Ginasteras „Malambo“ und vor allem ein – leicht ins Klamaukige changierendes – Kabinettstückchen von Dirigent Jean-Christophe Spinosi. Der berichtet, er habe als Knabe den Geigenunterricht gelangweilt unterbrochen, um im Radio einen gewissen Eddie Van Halen und damit eine neue Welt zu entdecken. Also greift er zur verzerrten E-Geige und schrubbt Vivaldis „Sommer“ zu Schlagzeug- und E-Gitarren-verstärktem Orchester. Der Spaß ist vollkommen.

Info:www.hr-sinfonieorchester.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion