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Herwig Mitteregger von Spliff – „Und Peng! war der große Erfolg vorbei“

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Spliff im Jahr 1993: Herwig Mitteregger (v. li.), Manfred Praeker, Reinhold Heil und Bernhard Potschka. Foto: Jim Rakete
Spliff im Jahr 1993: Herwig Mitteregger (v. li.), Manfred Praeker, Reinhold Heil und Bernhard Potschka. Foto: Jim Rakete © Jim Rakete

Herwig Mitteregger und Reinhold Heil über die wilde und produktive, leider recht kurze Zeit mit Spliff.

Spliff haben zwischen 1980 und 1984 nicht nur vier zum Teil sehr erfolgreiche Platten veröffentlicht, sondern auch Künstler wie Nena oder Manfred Maurenbrecher produziert. Wie kam es zu dieser enormen Produktivität?

Herwig Mitteregger: Wir waren einfach wie im Rausch, wir waren Musiker, wir verdienten gut mit unserer Musik, wir hatten den ganzen Wahnsinn, den wir mit Nina Hagen erlebt hatten, abgeschüttelt. Wir hatten uns frei gespielt.

Reinhold Heil: Das ganze intensivierte sich noch einmal, nachdem wir ab 1982 endlich in unser eigenes Studio einzogen, das Spliff-Studio in der Huttenstraße in Moabit. Das war eine große alte Lagerhalle mit einem kleinen Kühlraum. Vormieter war ein italienischer Lebensmittelgroßhändler. Wir mieteten den Kühlraum. Wir wollten musikalisch experimentieren können, und zwar so lange und so laut, wie wir Bock darauf hatten. Ein Mietstudio war dafür viel zu teuer.

Wie haben Sie das Studio finanzieren können?

Mitteregger: Wir investierten viele unserer Tantiemen in das Studio, und als es bald durch Produktionen fast ständig ausgebucht war, fing jeder von uns an, sich zusätzlich ein kleineres Studio in seine Wohnung einzubauen. Wir waren damals besessen von geilem Equipment und konnten stundenlang darüber diskutieren. Wir nannten es den Teile-Talk.

Heil: Wir waren ja mit der Nina Hagen Band extrem erfolgreich gewesen. Von unserem Musikverlag erhielten wir einen Vorschuss von 120 000 DM, den wir in eine Otari 24-Spur-Maschine, zwei große JBL-Studiomonitore und sechs Neumann 87 Mikrofone investierten. Ich will gar nicht wissen, das Wievielfache unsere Plattenfirma mit uns verdiente. Aber sie ermöglichten uns unseren Start. Mit den verdienten Tantiemen der nächsten Jahre wurde das Studio immer weiter bestückt – am Ende haben wir bestimmt zwei Millionen DM für Technik ausgegeben, dabei blieb die restliche Ausstattung bis zuletzt wirklich primitiv. Eine Renovierung Mitte der 1980er verlieh dem Studio dann schließlich das Flair einer Kita. Aber das war so oder so für uns egal: Wir brauchten keinen Luxus, um Musik zu machen. Entscheidend war, dass wir 1982 unseren Lebensmittelpunkt ins Studio verlegen konnten. Wir waren seit der Zeit mit Nina Hagen gewohnt, jeden Tag gegen Mittag in den Proberaum, quasi zur Arbeit zu gehen und bis zum frühen Abend rund um die Uhr zu proben, auszuprobieren, zu produzieren. Nur so konnten Spliff so eng zusammenwachsen.

Spliff waren eine Westberliner Band. Zur Jahrzehntwende 1979/80 gab es die Mauer noch, die Stadt war berüchtigt für ihre Dysfunktionalität. Warum sind Sie nicht weggezogen, als Sie Geld hatten?

Mitteregger: Die Geschichte begann bereits Mitte der 1970er mit der Lok Kreuzberg, in der sich Manne Praeker, Potsch Potschka und ich als Musiker getroffen haben. Das war ein sozialistisches Rock-Kabarett, das war gar nicht denkbar, dass die aus Berlin weggezogen wären.

Heil: Ich kam dann 1977 zur Nina Hagen Band dazu. Sie war in dem Jahr von Ost- nach Westberlin übergesiedelt. Ich wohnte damals in der Rankestraße, keine 200 Meter von der Gedächtniskirche entfernt. Ich erinnere die eklige Luft der Berliner Braunkohlekraftwerke im Winter, gemischt mit allem möglichen anderen Dreck. Der Smog der Ostberliner Kraftwerke wurde nicht an der Grenze erschossen, sondern kam ungehindert in unsere westlichen Lungen. Das gibt ein paar Jahre Abzug bei der Lebenszeit. Aber ich mochte die Stadt. Weil ich hier Musik studieren konnte, in einer geilen Band spielte und nicht zum Bund musste.

Mitteregger: Die Mauer machte mir ein unheimliches Gefühl, ich vermied es, in ihre Nähe zu kommen, aber das Hansa-Studio, wo wir die ersten Platten aufgenommen hatten, war in Sichtweite der Mauer. Da ich niemanden im Osten kannte, kam mir die Distanz zwischen diesseits und jenseits vor wie ein ganzes Universum mit eingebautem Zeitsprung. Ich schaute aus dem Fenster und versuchte auf der anderen Seite jemanden zu erspähen. Vergeblich.

Heil: Mir war die Mauer eigentlich egal. Für Kim Wilde machte ich einmal eine private Stadtrundfahrt, und auf der Aussichtsplattform am Potsdamer Platz liefen ihr die Tränen die Wangen herunter. Da wurde mir klar, wie abgestumpft ich als Berliner war. Und nach der in jeder Hinsicht dramatischen Trennung von Frau Hagen im Frühjahr 1980 blieben wir einfach in Berlin, weil unser Manager, Jim Rakete, der Meinung war, dass wir uns ohne Verzug neu positionieren sollten. So entstand die Spliff Radio Show.

Mitteregger: Und zwar auf englisch. Alf Klimax und Lyma Russel waren die Sänger:innen, aber dieses Mal waren wir die Chefs. Wir hatten das Prinzip der Nina Hagen Band einfach umgedreht, die Spliff Radio Show war unser Abrechnungsprogramm mit Frontschweinen, aber auch der Musikindustrie. Wir gingen auf Tournee, spielten 1981 ein auch im Fernsehen übertragenes Konzert in der Berliner Waldbühne. Während dieser Zeit explodierte um uns herum plötzlich die Neue Deutsche Welle. Schon mit der Hagen Band hatten wir dafür gekämpft, dass im Radio mehr deutschsprachige Musik gespielt wird. Mit der NDW hatte sich die Situation tatsächlich verändert. Ich hörte mir das an und fand – oh süßer Größenwahn! – das kann ich besser! Ich schrieb erst „Déjà Vu“, dann „Notausgang“. Die Songs purzelten nur so aus mir heraus. Aber lange war nicht klar ob wir wirklich zu deutschen Texten zurückkehren wollten. Am Ende gab es das Album „85555“ zweifach, in Deutsch und in Englisch.

„85555“ enthielt die Hit-Single „Carbonara“ – haben Sie sich eigentlich als Teil der NDW verstanden?

Heil: Für mich war die NDW zunächst einmal eine Welle frischer, neuer Bands, von denen wir das Gefühl hatten, dass sie nach uns kamen und zum Teil auch von Nina Hagen inspiriert worden waren. Wir wussten, dass Alfred Hilsberg, der den Begriff der NDW ja erfunden hatte, andere Bands als NDW beschrieb – Bands wie Foyer des Arts, Der Plan oder Einstürzende Neubauten. Quasi über Nacht wurde der Begriff „NDW“ dann von Markus und anderen in den Mainstream und in die komplette Dösigkeit gezerrt. Wir standen irgendwo zwischen den Stühlen.

Aber „Carbonara“ war doch ein Spaß-Song…

Zur Band

Spliff, 1980 hervorgegangen aus der erfolgreichen, aber kurzlebigen Nina Hagen Band, bestanden aus den Instrumentalvirtuosen Reinhold Heil (Tasten), Herwig Mitteregger (Schlagzeug), Manfred „Manne“ Praeker (Bass) und Bernard „Potsch“ Potschka (Gitarre). Anfang der 1980er Jahre stand Spliff für einen eher dunkel-sarkastischen dritten Weg zwischen einer deutschsprachigen Pop-Avantgarde und einer zunehmend ins Schlagerhafte kippenden, durchkommerzialisierten Neuen Deutschen Welle.

Nach ihrem ersten und größten Hit „Carbonara“ (1982), einer heiteren, aus heutiger Sicht politisch unkorrekten Reggae-Nummer, wurden Spliff landläufig der NDW zugeordnet – ein Missverständnis, das die Band mit ihrem vierten und letzten Album „Schwarz auf Weiß“ (1984) zu korrigieren versuchte.

Obwohl „Schwarz auf Weiß“ nicht an die großen Erfolge der ersten Alben anknüpfen konnte, gilt es als Meilenstein in der deutschsprachigen Pop-Musik: In zehn komplexen, introvertierten und grandios produzierten Songs loten Spliff eine neue deutsche Singsprache aus und prägen damit ganze Generationen nachfolgender Bands.

Pünktlich zum 40-jährigen Erscheinungstermin von „Schwarz auf Weiß“ sind alle vier deutschsprachigen Alben sowie die englischsprachige Fassung von „85555“ als aufwändig produzierte Vinyl-Edition wiederveröffentlicht.

Heil: In seiner humorvollen Dusseligkeit wurde „Carbonara“ von den anderen Spliffern akzeptiert und mitgetragen. Das reichte den Pop-Journalisten der Zeit, um uns zu stigmatisieren. Erst wehrten wir uns. Dann beschlossen wir, mit musikalischen Mitteln klarzustellen, dass wir auf einer ganz anderen Welle surfen.

Kein halbes Jahr später, im November 1982 veröffentlichten Sie dann mit „Herzlichen Glückwunsch“ ein neues Album. War das die Antwort?

Mitteregger: Der Song „Herzlichen Glückwunsch“ war sarkastisch und als Reaktion auf den vergifteten Erfolg geschrieben worden, der uns erbarmungslos der spaßigen NDW zuordnete. Tatsächlich hat „Carbonara“ für mich bis heute eher die Funktion eines Tagebucheintrags, weil er mich an die Zeit in Moabit und die kleine Pizzeria, die wir unsere „italienische Kantine“ nannten, erinnert.

Wie hieß die Pizzeria?

Heil: Ich weiß nur noch, dass es von einem extrem freundlichen libanesischen Ehepaar geführt wurde. Wir saßen mittags immer am gleichen Tisch und aßen tatsächlich sehr oft Spaghetti Carbonara für 6,50 DM. Die war natürlich nicht nach dem italienischen Originalrezept zubereitet. Bei jedem Meilenstein in unserer Karriere stand sie, Khadra, einen ganzen Tag in der Küche und kochte uns ein libanesisches Festessen. Das war stets um Längen besser als ihre italienischen Gerichte.

Mit Ihrem vierten und letzten Album „Schwarz auf Weiß“ 1984 sind Spliff dann wie beim Pokerspiel all-in gegangen: Die Platte war so introvertiert und experimentell, dass sie vielleicht sogar verurteilt war zu floppen.

Heil: Vergessen wir nicht: 1984 war der Punkt erreicht, wo sich alles ins Gegenteil kehrte. Die Radiosender hörten auf, deutschsprachige Musik zu spielen, allgemein kehrte man der kommerziell ausgewrungenen NDW den Rücken zu. Und zu diesem Zeitpunkt haben wir unser letztes Album veröffentlicht.

Mitteregger: Wir haben die zehn neuen Songs als konsequente musikalische Weiterentwicklung empfunden. Wir wollten ein universales Werk schaffen, die Instrumente besser ins Bild rücken und uns auf den Klang konzentrieren. Viel Einfluss auf die Produktion hatte der Produzent Udo Arndt, der ein erklärter Bewunderer des Sounds von Steely Dan war.

Heil: Man misst sich immer selbst an dem, was man sich vorgenommen hat. Wir waren große Fans der englischen Band Scritti Politti und deren extrem transparentem Sound. Und wir haben es hinbekommen: eine sehr sauber produzierte, textlich wie musikalisch anspruchsvolle Platte. Die Songstrukturen waren komplizierter, es gab mehr Harmonien und unerwartete Akkordwechsel. Die Songs hatten vor allem mehr Geheimnisse.

Mitteregger: Und Peng! war der große Erfolg vorbei. Schmerzvoll war es dann auf Tour im Herbst 1984. Wir hatten riesige Hallen gebucht, in die aber nur noch wenige Hundert Spliff-Ultras, also unsere treuesten Fans kamen. Es war unsere beste Live-Show, und wir hatten mit Curt Cress zudem einen genialen zweiten Schlagzeuger dabei, was live eine enorme Dynamik entfesselte.

Gab es keine Ambitionen, noch einmal zurückzukommen?

Heil: Eigentlich war genau das die DNA von Spliff: nie aufgeben. Wir waren nach Nina Hagen zurückgekommen, und wir haben auf die Missverständnisse der NDW-Zeit eine stolze, musikalische Trotzreaktion gezeigt. Es gab Pläne, 1986 ein fünftes Album zu produzieren. Aber dazu kam es nicht. Wir hatten keine Power mehr. Der riesige Erfolg von Nena hatte dazu geführt, dass zwei von uns sich eigentlich nur noch um sie gekümmert haben.

Mitteregger: In diesem Vakuum schrieb ich den Song „Rudi“, der an die eher düsteren Songs von Spliff anknüpfte. Damit begann meine Solokarriere. In der Folge wurde es immer schwieriger, gemeinsam Zeit zu finden – und irgendwann war es allen auch egal.

Heil: Es gab keine Zeit der Muße mehr, keine faulen Nachmittage im Bett mit Keyboard und Drum Machine, an denen man Songskizzen produzierte, um sie den anderen vorzuspielen. Spliff haben sich dann noch nicht einmal mehr aufgelöst. Die Band implodierte einfach still und stumm.

Bernhard Potschka (v.li.), Reinhold Heil, Herwig Mitteregger und Manfred Praeker, 1984 live.
Bernhard Potschka (v.li.), Reinhold Heil, Herwig Mitteregger und Manfred Praeker, 1984 live. © imago/BRIGANI-ART

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