Oper

Herkules, der Sonnenkönig

David Alden und Ivor Bolton graben für Amsterdam Francesco Cavallis "Ercole amante" aus.

Von JOACHIM LANGE

Verzagt war der Amsterdamer Opernchef Pierre Audi noch nie. auch nicht, wenn er sich auf Spezialisten-Terrain wie das der Barockoper vorwagte. Einem respektablen "Castor et Pollux" von Rameau vor einem Jahr folgte jetzt "Ercole amante" von Francesco Cavalli. Kardinal Mazarin hatte den Monteverdi-Schüler Cavalli (1602-1676) zur Hochzeit Ludwigs XIV. mit der spanischen Infantin nach Paris verpflichtet. Weil diese Verbindung 1760 den Friedensschluss zwischen Frankreich und Spanien besiegelte, sollte die Oper den Rahmen einer Haupt- und Staatsaktion von europäischem Rang liefern.

Das klappte nicht ganz, die Uraufführung verzögerte sich um zwei Jahre. Doch der Ruhm dieses Auftrages und sein Ergebnis bleiben. Es ist unüberhörbar von Monteverdi geprägt, aber mit klarem, eigenständigem Kurs in Richtung Zukunft der Oper, die damals opera seria hieß, unterwegs. Geboten werden Chöre und Duette, ariose Süffigkeit und ein etwas vertrackter, dramatischer Drive. Wobei es nicht ohne Pikanterie war, mit Herkules einen Helden zu wählen, der nicht gerade als Sympathieträger taugt. In dem Fünfakter nach Francesco Butis Libretto ist er vor allem scharf auf die Braut seines Sohnes, deren Vater er umgebracht hatte. Um die Jüngere zu heiraten, verbannt er seine Ehefrau, dafür wird er von einer Allianz seiner Opfer mit dem vergifteten Nessushemd als Hochzeitsgeschenk bedacht und nur durch den göttlichen Eingriff Junos davor bewahrt, in der Unterwelt zu schmoren. Für ihn gibt es eine Strafe erster Klasse: Im Himmel kriegt er die Schönheit zur Frau.

Dass sich der traditionell allegorische Rahmen für diese Handlung auf den politischen Entstehungsgrund der Oper bezieht, ist für David Alden eine Steilvorlage, um seiner Lust an der ironisch gebrochenen Opulenz freien Lauf zu lassen. Da mischt sich der Kardinal im Prolog unter eine rockende Hofgesellschaft, da wird das Hochzeitsbett des Königs zum Event zwischen üppigen Wänden. Da steigt der Herrscher aus dem Hochzeitsbett und vertauscht die Prachtperücke mit den Muskelpaketen eines comicreifen Herkules. Am Ende dann sieht sein himmlisches Nachleben nach spiegelndem Versailles aus, aus dem sich der goldumstrahlte Sonnenkönig, in halber Herkules-Kostümierung, wegzustehlen versucht.

David Alden, Ausstatter Paul Steinberg und Kostümbildnerin Constance Hoffman haben witzig, geschmackvoll und mit ironisch gebrochenem Barockinterieur "der König ist auch nur ein Mann" inszeniert, mit szenischem Witz ohne trashige Überforderung.

Auch musikalisch ist diese Produktion ein Fest. Einst auf eine kleine Besetzung ausgelegt, füllen das Concerto Köln und das Monteverdi Continuo Ensemble mit ihren insgesamt über vierzig Musikern den offenen Graben im Muziektheater gut aus. Verwendet wird die Fassung der bei Bärenreiter gerade begonnene Werkausgabe von zunächst 14 der überlieferten 28 Cavalli-Opern. Der barockerfahrene Bolton wahrt dabei stets die vokale Dominanz, hat zwar das Heft in der Hand, umschmeichelt aber die Melodik, lässt sie aufblühen, kitzelt den szenischen Witz auch musikalisch und lässt sich den Höllendonner aus der Unterwelt nicht entgehen. Sensibel und sinnlich, souverän gelassen und pointiert entfaltet er einen Klangstrom, der süchtig macht.

Dazu kommt ein handverlesenes Protagonisten-Ensemble. Vom spielfreudig markigen Titelhelden Luca Pisaroni und Anna Bonitatibus Juno über Anna Maria Panzarellas Deianira und Veronica Cangemis Iole bis hin zum fabelhaften Counter Tim Mead als Page ist die Besetzung vorzüglich. Amsterdam widerlegt mit dieser Neuproduktion zum Jahresauftakt überzeugend die These, in der Operngeschichte gebe es eine Lücke zwischen Monteverdi und Händel.

De Nederlandse Opera: 15., 18., 22., 24., 26., 28., 30. Januar www.dno.nl

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