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Herbie Hancock in Frankfurt: Eine Zeitreise per Express

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Von: Marcus Hladek

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Herbie Hancock macht auf Europa- und Sommertour Station in der Alten Oper.

Herbie Hancock & Band in der Alten Oper, die sich ebenso berstend füllte wie der Opernplatz davor in seinem Festrausch – das waren fünf Titel über gut neunzig Minuten. Terence Blanchard, gefragter Filmmusiker mit Oscar-Nominierungen und frischgebackener Opernkomponist der New York Met, erinnerte als Trompeter an die Zeiten der „Great Quintets“ von Miles Davis, deren zweites in den 1960ern von Herbie Hancock profitierte und ihm zum Sprungbrett wurde.

Lionel Loueke an der E-Gitarre und als Vokalist von kuriosen Schnalz- und Klicklauten aus der afrikanischen Heimat, James Genus (Bassgitarre) und natürlich der 82-jährige Herbert „Herbie“ Jeffrey Hancock an Flügel, Keyboards und Umhängekeyboard sorgten dafür, dass sein Quintett bestens für den funky Grundton des Abends präpariert war. Justin Tyson an Becken und Jazzfächer mit sparsamen Drums bot den lückenlosen Innensaum, der alles stützte und wärmte. So vielfältig, ungewöhnlich und positiv „akademisch“ bot sich auch die innere Vielfalt der Stücke dar. Dass Jazz oder eine Seite davon heute eine zweite Klassik ist, spiegelt sich ja auch an den akademischen Bezügen, die sich an den Bandmitgliedern biographisch durchexerzieren ließen.

Semantisch sinnfreie Laute

Zugleich hat sich Jazz zur Verkehrssprache für alle Welt gesteigert, wie die von der Xhosa-Sprache inspirierten, semantisch sinnfreien Klicklaute Louekes zeigten. Loueke entstammt übrigens einer Familie armer Intellektueller in Westafrika.

Den Anfang machte Hancocks „Overture“ (Ouvertüre). Hancock ist ein Pionier-Experimentator in Sachen Elektronik, was sich in den schwingend-oszillierenden E-Klängen des vielteiligen Stücks mit der dem Pop zugewandten Seite Hancocks verband. So viele Einflüsse und Stilelemente: eine wahre Express-Zeitreise.

Den Mittelblock bildeten Wayne Shorters „Footprints“ sowie „Actual Proof“ und das Vocoder-Stück „Come Running To Me“. „Footprints“ brachte Beruhigung und den in stratosphärischen Höhen kreisenden Kondor-Atem nach Miles Davis zurück, den das Gegenhalten der Band ruckend in Schach hielt. Das Hauchen und Wehen im Hall blieb haften. Es folgte „Actual Proof“ vom 1974er-Album „Thrust“ mit perlendem Piano und absurden Höhen am Ende langsamer Crescendi, derweil die Gitarrenhälse das warme Licht der Deckenleuchter zurückblitzten.

Vocoder, naja (bei „Come Running To Me“) – ein Gimmick, der Geschmacksache bleibt. Je mehr Vocoder, umso weniger Band-Dynamik bis zur Duldungsstarre, so zumindest in diesem Konzert. Aber Herbie gefällt’s. Eine Zugabe gab es trotz stehender Ovationen nicht mehr, dafür bot das letzte Stück nach „Come Running“ (ob „Cantaloupe Island“, „Secret Sauce“ oder „Chameleon“, möge der Große Jazz-Enzyklopädist entscheiden) als Superfunk-Finale mit scheppernd-roboterhafter Technik im Keys-Gitarren-Duell allen coolen Witz auf, den das Konzert schon um- und umgewälzt hatte. Ein Hüpfer des 82-jährigen Jungspunds setzte den Schlusspunkt.

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