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„Eher trist, aber stimmig“: Andreas Schager in Christian Schmidts „Daphne“-Bühnenbild.

Andreas Schager

„Ich wusste, dass ich das schaffe“

Ein Siegfried ist auch nur zwei Barinkays: Andreas Schager, jetzt an der Oper Frankfurt in „Daphne“ zu hören, über seinen späten und umso spekakuläreren Einstieg ins Heldenfach

Herr Schager, auch Sie haben kürzlich in der Hamburger Elbphilharmonie in Mahlers „Lied von der Erde“ gesungen und waren offenbar weit besser zu hören als Ihr Kollege Jonas Kaufmann wenige Tage vorher. Was war Ihr eigener Eindruck von der Akustik?
Wenn man selbst singt, kann man die Akustik nicht so gut beurteilen wie das Publikum. Ich habe sehr gerne in diesem Saal gesungen. Während der Proben aber konnte ich eine Runde durch den Zuschauerraum drehen und war insgesamt von der glasklaren und ausgeglichenen Akustik begeistert.

Was hört der Tenor denn, während er singt?
Bei diesen riesig besetzten romantischen Werken ist der Orchesterklang für die Beteiligten gewaltig. Einem Sänger, der sehr viel gibt, kann es bei großen Fortissimo-Ausbrüchen trotzdem passieren, dass er für den Moment praktisch nur noch sich selbst hört. Der Dirigent braucht Fingerspitzengefühl, um alles zusammenzuführen und auch abzufangen.

Sie haben allerdings auch eine außergewöhnlich große Stimme. Was war das für ein Weg dorthin?
„Learning by doing“, würde ich in meinem Fall sagen und bei mir waren das vor allem die zehn Jahre als Operettensänger auf Tournee. Galeerenjahre, sage ich im Spaß dazu, aber da ist auch etwas dran. Man sitzt in Bussen, fährt stundenlang zur nächsten Aufführung, singt, fährt stundenlang zurück, am nächsten Tag geht das Spielchen von vorne los. Manchmal hat man eine Doppelvorstellung. In dieser Zeit habe ich bis zu zwanzigmal hintereinander jeden Tag zum Beispiel den Barinkay gesungen ...

... im „Zigeunerbaron“...
Viele Operettenpartien sind „Riesenkisten“. Barinkay ist eine heldische Partie, und sogar der Adam in Zellers „Vogelhändler“ wird als „Heldenbuffo“ bezeichnet. Das heißt, dass man da eine ganz starke Stimme braucht, eine hervorragende Artikulation, einen sehr guten Zusammenklang mit dem Orchester. Man muss reden, man muss singen, man muss tanzen. Man lernt, sich auf der Bühne sehr frei und organisch zu bewegen. Rückblickend waren das sehr, sehr wichtige Jahre für mich, in denen sich auch meine Stimme zu dem entwickelt hat, was sie heute ist.

Dürfte es nicht mehr Tenöre geben, die in solchen Jahren ihre Stimme ruinieren?
Ich sag mal, das ist die natürliche Auslese. Das klingt hart, aber es ist so. Wichtig ist dabei aus meiner Sicht die Einstellung, die man zu diesem Beruf hat. Stimme haben viele, aber ohne die richtige Einstellung hätte jedenfalls mir das nichts geholfen.

Was ist die richtige Einstellung?
Ich bin ja auf einem Bauernhof groß geworden. Naturgemäß kann man da nicht zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden. Die Arbeit muss gemacht werden, die Kühe melden sich nicht an, wenn ein Kälbchen kommt und so weiter. Man lernt früh, dass man vom Leben spricht und nicht von Arbeit und Freizeit. Für den Sängerberuf ist das ganz wichtig.

Weil?
Weil die meisten Vorstellungen am Wochenende sind, und weil man, wenn man frei arbeitet, viel unterwegs ist. Da gibt es keine Acht-Stunden-Tage. Dazu muss das ganze Umfeld mitziehen, die Familie, die Freunde. Das sind die Dinge hinter der Stimme. Die Stimme ist sozusagen die Spitze, aber alles rundherum ist die Basis.

Was wollten Sie als Kind werden?
Verschiedenes, Skispringer ...

Was man als Österreicher so werden will.
Genau. Natürlich war auch Bauer ein Berufswunsch, und irgendwann wollte ich sogar Priester werden. Wahrscheinlich, weil diese Inszenierungen der Kirche mich damals schon instinktiv angesprochen haben.

Das Jahr 2013 brachte dann die Wendung.
Ja, es ging dann wirklich unheimlich schnell. Die Chancen, die mir das Leben zugeworfen hat, sind spät gekommen, aber dann in dichter Abfolge. Dass ich mit zehnminütiger Vorbereitungszeit einen Siegfried an der Staatsoper in Berlin unter Daniel Barenboim singen konnte, war ein großes Glück. Diese Geschichte war natürlich ein gefundenes Fressen für die Presse, und so kam es, dass mein Name vielen bald ein Begriff war.

Aber Sie müssen sich für diese Gelegenheit bereits präpariert haben.
Sie sagen es, wobei das bei mir auch relativ spät begann. 2009, da war ich 38, bekam ich zum ersten Mal im Leben eine Wagner-Rolle. Vorher hatte ich überhaupt keine Berührung mit Wagner gehabt. Bei den Festspielen Erl setzte mich Gustav Kuhn als David in den „Meistersingern“ ein, das ist ja eine ziemlich operettenhafte Partie. Schon während ich sie studierte, wurde mir klar, dass Wagners Musik meiner Stimme außergewöhnlich gut liegt. Ich wurde auch nicht stimmlich müde, wenn ich das sang.

Und dann ging es schon zum Siegfried?
Es gab noch ein paar Zwischenschritte, Rienzi in Meiningen, Florestan in Bozen. Karl Heinz Steffens engagierte mich dann in Halle für beide Siegfriede. Er war es auch, der mich Daniel Barenboim empfahl und dann ging alles sehr schnell.

Rienzi, Florestan, das waren von vornherein berüchtigt anstrengende Rollen.
Aber das „heldische“ Fach war mir eben nicht so fremd. Ein Barinkay und erst recht eine Doppelvorstellung vom „Zigeunerbaron“ sind weitaus anstrengender als ein Florestan. Und von der Länge her kommen zwei Barinkays auf einen Siegfried. Barinkays Tessitura ist genau da, wo Siegfrieds liegt. Darum konnte ich das erste Siegfried-Angebot gleich annehmen. Ich wusste, das schaffe ich.

Berühmt sind Ihre fünfzig Liegestütze vor jedem „Siegfried“-Akt. Machen Sie das noch?
Nein, ich muss gestehen, das mache ich nicht mehr. Ich schau auf meine Sportlichkeit und mache auch Liegestütze, aber nicht mehr 150 während einer „Siegfried“-Aufführung. Ein Grund dafür war, dass ich am Anfang in dieser Rolle einen riesigen Energieüberschuss hatte. Der Siegfried zehrt ja nicht nur, er gibt auch wahnsinnig viel Energie. Nach einem Tristan oder Siegfried oder einem Parsifal denke ich am Ende immer: So und jetzt gleich noch mal von vorne. Die Liegestütze dienten auch dazu, ein bisschen runterzukommen.

Tenor und Sport hängen irgendwie doch miteinander zusammen, oder?
Unbedingt, ein sportliches gesundes Leben gibt die nötige Energie, aber auch die nötige Glaubwürdigkeit für solche Heldenrollen.

Sie sprechen wenig darüber, verfügen aber über eine ausgezeichnete Technik. Wer hilft Ihnen da?
Ich hatte immer das Glück, sehr, sehr gute Leute um mich zu haben. Nachdem mir Daniel Barenboim eine musikalische Heimat an seinem Haus gab, konnte ich aus dem Vollen schöpfen. Er und sein gesamtes musikalischen Umfeld halfen mir da sehr: Hervorragende Korrepetitoren, ausgezeichnete Musiker. Es ist für mich außerdem wichtig, mich selbst zu kontrollieren. Mit dem Handy geht das ganz einfach, Sie nehmen hier ja auch damit auf. Ich lege es bei der Probe irgendwo hinten hin und mache eine Aufnahme. So kann ich mich ständig überprüfen.

Haben Sie Angst davor, manchmal zu laut zu sein, die Partner niederzusingen?
Auf der Bühne steht das Miteinander im Vordergrund. Ich mache mir keine Gedanken über die Töne, die ich jetzt produziere, sondern ich gehe ausschließlich von der Emotion aus. Jede Emotion auf der Bühne erzeugt die richtige Bewegung und erzeugt den richtigen Klang. Verzweiflung, Angst, Freude, das hören Sie an der Stimme, darauf verlasse ich mich. Die Rollen, die ich singe, sind extrem, Siegfried ebenso wie hier in Frankfurt der Apollo in „Daphne“. Extreme Rollen, extreme Emotionen. Wenn man sich traut, diesen Emotionen freien Lauf zu lassen, dann zieht die Stimme mit. Ich drücke nicht drauf, ich „mache“ das nicht irgendwie.

Weil Sie eine hervorragende Technik haben.
Klar, eine gute Technik ist die Grundlage. Dumme Leute sagen, Operngesang sei Geschrei. Die sollen mal zehn Minuten im Fußballstadion schreien, dann werden sie stockheiser sein. Ich wäre es auch.

Wie wichtig ist für Sie die Inszenierung, wie finden Sie sich da rein?
Bei der Inszenierung ist es ein bisschen wie bei der Akustik. Davon erlebt das Publikum mehr als wir auf der Bühne. Für uns Sänger sind es die Grundgegebenheiten, die passen müssen, damit wir uns wohl fühlen. Wenn die Bühne nach oben geschlossen ist, wie hier in der „Daphne“, kann der Ton reflektieren. Das gibt ein gutes Gefühl beim Singen. Wir wollen den Dirigenten gut sehen, mit den Kollegen auf der Bühne gut kommunizieren können. Das sind für uns die Anker, die wichtigen Punkte. Und wenn eine Inszenierung die Psychologie, die Atmosphäre und die Ästhetik eines Werkes unterstreicht, dann merken wir das selbstverständlich auch, und es wird ein großer Abend. Ich halte nichts davon, wenn Regisseure immer alles brechen wollen. Wofür gehe ich denn dann in die Oper?

Sie wollen es schon einigermaßen plausibel haben?
Die Emotionen müssen stimmen. Unser „Daphne“-Bild zum Beispiel ist ja eher trist, aber es ist stimmig mit Blick auf die Emotionen und die Musik.

Wie reagieren Sie, wenn es in einer Inszenierung aus Ihrer Sicht nicht stimmt?
Dann mache ich es nicht. Ich diskutiere es aber sehr gerne aus. Selbstverständlich versuche ich auch alles. Und ich mache, sage ich mal, jeden Blödsinn mit, wenn es dienlich ist. Wenn aber nicht, muss ich etwas sagen. Letztendlich ist es meine Verantwortung, ich stehe damit auf der Bühne, verkörpere diese Figur.

In einer Wiederaufnahme wie jetzt ist das schwierig. Alles steht fest.
Einerseits, aber andererseits versuche ich immer, es neu entstehen zu lassen. Je nachdem, wer die Akteure sind, ist es ohnehin immer wieder eine neue Chemie auf der Bühne. Und dem Publikum ist es egal, ob ein Sänger zwei Meter links oder rechts steht. Es ist ihm aber nicht egal, wenn etwas nicht stimmt. Dafür muss man als Sänger ein Gespür entwickeln, sich quasi selbst zuschauen, während man probt. Das kommt mit den Jahren.

Sie sind im Sommer wieder in Bayreuth. Immer noch etwas Besonderes?
Unbedingt. Außerdem ist es schön für mich, auch die Kollegen zu treffen, die ich sonst das ganze Jahr über nicht sehe. Gerade die Tenöre. Wenn ich da bin, sind die anderen Tenöre ja woanders. Und die Wagnerwelt ist so klein, gerade, was die Sänger betrifft.

Rivalisieren Tenöre untereinander?
Erstaunlich wenig.

Aber verglichen wird doch schon.
Aber das machen nicht die Tenöre, das machen Sie.

Stimmt.
Und das ist auch völlig legitim. Jeder hat seine Favoriten.

In Ihrem Fach singen Sie praktisch alles, was man singen kann. Was soll jetzt noch kommen?
Den Lohengrin habe ich jetzt zum ersten Mal singen dürfen, im Wagner-Bereich fehlt aber noch der Stolzing.

Wurden Sie noch nicht gefragt?
O doch, oft. Aber ich singe die großen Rollen erst seit ein paar Jahren. Das muss man schließlich auch alles lernen, das ist eine Zeitfrage. Stolzing will ich schon noch machen. Und dann kommt zum Beispiel auch, ich darf noch nicht sagen, wann und wo, ein Otello. Da freue ich mich sehr drauf. Natürlich habe ich viel Lust und sehr viele Anfragen. Die Sache ist: Wenn man gerade einer der drei Siegfriede ist und davon immer noch der jüngste, gehen Angebote sehr weit in die Zukunft. Jedes Haus, das einen Ring stemmen will, muss sehr früh planen und braucht also in fünf oder sechs Jahren in allererster Linie ...

... einen Siegfried und eine Brünnhilde.
Genau, und dann schauen die Häuser sich auf dem Markt um, sehen die „üblichen Verdächtigen“ und überlegen sich, wie diese Stimmen in fünf oder sechs Jahren klingen werden. So kommt es, dass sich der Kalender eines Siegfrieds rasch füllt.

Bis wann sind Sie ausgebucht?
Was Produktionen betrifft, bis 2023, würde ich sagen, 2024 wird jetzt auch eng. Konzerte kann man auch kurzfristig noch reinlegen.

Sie sind bekannt dafür, keine Verträge zu brechen.
„Treuer als er hielt keiner Verträge“, singt Brünnhilde. Es stimmt, mein erstes Angebot für die Mailänder Scala habe ich abgelehnt, weil ich einen Vertrag in Meiningen hatte. Vielleicht hat das mit meiner bäuerlichen Herkunft zu tun. Ein Handschlag zählt.

Interview: Judith von Sternburg

Zur Person

Andreas Schager, als Andreas Schagerl 1971 in Rohrbach an der Gölsen in Niederösterreich geboren, studierte Gesang in Wien und war im Operettenfach tätig. An den Beginn seiner Karriere als Heldentenor gehörte ein aufsehenerregendes Einspringen als Siegfried an der Staatsoper Berlin im Schiller Theater. Auch bekam der Sänger den offenbar guten Ratschlag, das „l“ im Nachnamen wegzulassen, um als unbeschriebenes Blatt vorsingen zu können. In diesem Spätsommer debütiert er als Siegfried an der Met in New York.

In Frankfurt ist Schager als Apollo in der Wiederaufnahme von Claus Guths Inszenierung von Richard Strauss’ „Daphne“ zu erleben, GMD Sebastian Weigle dirigiert, Jane Archibald singt die Titelpartie. Premiere war 2010, jetzt gibt es Vorstellungen am 1., 8., 10., 16., 20. Februar. www.oper-frankfurt.de

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