1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Heiner Goebbels zum 70. Geburtstag: Quer laufen und immer neu ansetzen

Erstellt:

Von: Hans-Jürgen Linke

Kommentare

Heiner Goebbels. Foto: Andreas Arnold
Heiner Goebbels. Foto: Andreas Arnold © Andreas Arnold

Wahrscheinlich ist er am allerehesten Komponist – wenn man nicht Musik als einzigen Arbeitsgegenstand des Komponisten ansieht. Ein Glückwunsch zum 70. Geburtstag von Heiner Goebbels.

Wie wäre es zum 70. Geburtstag am heutigen Dienstag mit etwas Chronologie: Geboren, ausgebildet, öffentlich auffällig geworden mit, wichtige Stationen und Werke, Ehrungen, Preise, im Ausblick Aktuelles? Ach, kann jeder. Vielleicht wäre eine Frage angemessener, etwa: Was für ein Künstler ist Heiner Goebbels eigentlich? Ist er Komponist, Bühnenmusiker, Hörspielautor, Bildender Künstler, Regisseur, Theaterwissenschaftler?

In der Entwicklungs-Chronologie ist er alles, nacheinander oder auch zugleich, ohne dass ein Schwerpunkt den anderen nachhaltig verdrängt hätte. Heiner Goebbels ist ein Künstler, der das Denken und Arbeiten in Sparten und Segmenten hinter sich gelassen hat. Schon 1984, als er für das Hörstück „Verkommenes Ufer“ den Karl-Sczuka-Preis erhielt, sagte Laudator Helmut Heißenbüttel: „Erst wer mit ganzer Aufmerksamkeit dem zuhört, was hier demonstriert wird, kann erkennen, dass der Fortgang der Künste nicht in neuen Ismen oder Stilkonzepten liegt, sondern in kombinatorischen Verfahren, die die volle Breite des Verfügbaren benutzen, die quer laufen und immer wieder neu ansetzen zu einer Summe, die für sich selbst steht.“ Ein präziser und weitsichtiger Blick auf ein enormes künstlerisches Potential, das sich in den seither vergangenen 38 Jahren weiträumig und tiefgründig entfaltet hat und längst nicht zu einem erkennbaren Ende gekommen ist.

Hierarchisierung ist totalitär

Das hängt auch damit zusammen, dass Heiner Goebbels’ Arbeit sich nicht auf konventionell-schlüssige Ziele hin zuspitzt. Das wäre eher Ausdruck eines hierarchischen Verhältnisses der Künste untereinander, und „alle Hierarchisierung aber ist ihrem Wesen nach totalitär, so auch in der Kunst.“ Schrieb Heiner Goebbels 1997 in einem Text zum Bühnenwerk „Die Wiederholung“, der zugleich eine Auseinandersetzung mit dem (totalitären) Begriff des Gesamtkunstwerks ist.

Die Wegmarken, Werke, Stationen in seinem künstlerischen Leben seit den Anfängen beim Sogenannten Linksradikalen Blasorchester sind Entwicklungsstufen, die von Aktualitäten, von politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, der Rezeption von Literatur, Philosophie, Musik – kurz, von stets neuem, oft auch älterem und nie auf Sparten begrenztem Material angeregt sind. Wer ihn als Komponisten wahrnimmt, verkennt vielleicht, dass Musik bei ihm keinen Vorrang beansprucht vor der Sprache und beide nicht die Bilderwelten, in denen sie stattfinden, unterwerfen wollen.

In den letzten Jahren macht sich mit zunehmender Intensität ein Moment von Selbstreflexion bemerkbar, wie etwa das aktuelle Orchesterwerk „A House of Call“ zeigt. Und so produzieren seine Arbeiten bei jenen, die nach einem linearen Narrativ suchen – und wer täte das, als Ergebnis landläufiger kultureller Lernprozesse, nicht! – eine gewisse Ratlosigkeit. Eine Ratlosigkeit, die Fragen offen hält, die manchmal konfrontativ wirkt und oft poetisch.

Wahrscheinlich ist Heiner Goebbels doch am allerehesten Komponist – wenn man nicht Musik als einzigen Arbeitsgegenstand des Komponisten ansieht. Es ist ein Glück, dass es eine Institution wie das Theater gibt, das in seinen besten Momenten ein Zusammengehen verschiedener Künste ermöglicht. Gleichwohl ist der deutsche Stadttheater- und Konzert-Repertoire-Betrieb kein idealer Aufführungsort für ihn. Heiner Goebbels’ Arbeiten sind weniger in Routine-Umgebungen und ihren Nischen zu Hause als international und in besonderen Spiel-Räumen.

Aktuelle CD: Heiner Goebbels, A House of Call. My Imaginary Notebook. Ensemble Modern Orchestra, Leitung: Vimbayi Kaziboni. ECM / Universal.

Auch interessant

Kommentare