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Die Variante für Grufties: LaFee, 18 Jahre alt.

LaFee

Heavy Metal für kleine Mädchen

Mit schmutzigen Worten protzen und auf Wolke sieben Kinder kriegen: LaFees neues Album "Ring frei". Von Thomas Winkler

Von THOMAS WINKLER

Wer das Neueste über Teenager erfahren will, der muss Bravo lesen. Im Zentralorgan für den interessierten Teenie vermeldete kürzlich der 18-jährige Sangesstar LaFee im Interview, unlängst bei einer After-Show-Party die amerikanische Berufskollegin Katy Perry geküsst zu haben. Ihre dabei gewonnene Erkenntnis: "Wow! Katy küsst wirklich gut!" Die Erkenntnis für den Leser: Die lesbische Liebe ist mittlerweile verankert im Mainstream der Gesellschaft.

Mainzelmännchens Musiker

Wer noch mehr über LaFee erfahren will, der muss wohl oder übel "Ring frei" hören, ihr neues Album. Und sich enttäuschen lassen: Denn dabei erfährt man vornehmlich, wie sich Bob Arnz vorstellt, was der durchschnittliche bundesdeutsche Teenager der Welt mitzuteilen hat. Auch das dritte Album entstand unter der Regie des Produzenten, der als eine Hälfte von Two For Music für musikalische Ergüsse von Containerbewohnern bei "Big Brother", oder Songs von Nino de Angelo oder den Mainzelmännchen ("Mützenalarm") verantwortlich zeichnete.

Arnz entdeckte Christina Klein als 13-Jährige und formte sie unter dem Markennamen LaFee, mit schweren Rammstein-Gitarren und leichten Düsterrock-Anklängen, zum erfolgreichsten Produkt aus seiner Manufaktur. Die beiden ersten Alben der "neuen Galionsfigur böser Mädchen" (FAZ) stiegen in Deutschland und Österreich bis auf Platz Eins der Charts, drei Echos durfte sich Klein schon ins Jugendzimmer stellen.

Ihr geschickt platziertes Image als "Racheengel aller Teenager" (taz) bedient LaFee auch im dritten Anlauf: Es geht zwar nicht mehr so ordinär zu wie früher, aber es finden sich in den Texten noch eine "dumme Bratze", ein "Flachwichser" und ein "stinkreicher Penner". Liebe ist schon mal "Scheiße", Protagonisten machen "die Beine breit" oder "pissen ans Bein". Unverblümtes bildet erfolgreich die Erfahrungswelt der Zielgruppe ab, deren Mehrheit noch auf das Eintreten der Geschlechtsreife wartet. Zugleich spiegelt sich bisweilen auch ihr verbales Vermögen, und so textete Arnz seinem Schützling, der mittlerweile den Hauptschulabschluss geschafft hat, wieder manch gequälten Schüttelreim aufs Schandmaul: "Sie ist overdressed/ Ich hasse sie wie die Pest", muss Klein nun knödeln, oder auch "Lieber Gott, sag mir was wird/ Wenn jede Hoffnung stirbt".

Allerdings sind auch einige Anflüge von Adoleszenz zu registrieren, so wenn sich "auf Wolke Sieben fliegen" reimt auf "Kinder kriegen". Oder wenn im schwer autobiografischen "Danke" die Verdienste der Eltern, eines LKW-Fahrers und einer Imbissbesitzerin aus Stolberg bei Aachen, für die Karriere des Töchterchens gewürdigt werden: "Ohne Euch hätte ich es nie geschafft".

Sorgsam abgehangene Riffs

Doch damit solche Entwicklungen nicht allzu unangenehm auffallen, lässt Arnz alle möglichen Feinheiten von erfahrenen Studio-Muckern mit routiniertem Hardrock aus sorgsam abgehangenen E-Gitarren-Riffs und schwülstiger Orgel zuschrubben. Mit Heavy Metal für kleine Mädchen, dosierte Provokation und Aggression inklusive, wird die bislang erfolgreich avisierte präpubertäre Zielgruppe auch dieses Mal wieder angesteuert.

Der Trick von Arnz ist es allerdings, dass er sein Produkt LaFee so geschickt konstruiert hat, dass neben dem offensichtlichen Publikum ein zusätzlicher Konsumentenpool erschlossen werden konnte. Vor allem das eine oder andere Schweinerock-Solo und immer mal wieder eine Ballade mit schwermütigem Klavier sorgen dafür, dass sich die Zielgruppenerzeuger zuhause fühlen dürfen. Die wollen schließlich, ja müssen sogar wissen, was die so denken, ihre Heranwachsenden, die sie eben am Eingang der Konzerthalle abgeliefert haben.

LaFee: "Ring frei" (EMI).

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