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„Headlong“ von The Resonators: Sie sind da - und wie

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Von: Hans-Jürgen Linke

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„Headlong“: Frank Gratkowski und sein Quartett The Resonators gehen viele sich gabelnde und überlagende Wege .

Mit einem kleinen Wumms markiert der Bass den Absprung, und am besten tut man, was der Titel des betreffenden Stückes am Anfang des Albums „headlong“ rät: „It is best to dash in headlong“. Man rennt also los und stürzt sich mitten hinein ins Getümmel, vielleicht sogar kopfüber. Da geht die Orientierung, was hier alles geschieht, zwar zumindest für einen kurzen Zeitraum verloren, aber der Augenblick ist von großer Intensität, und außerdem: Es bleibt einem kaum etwas anderes übrig, außer man schüttelt sich kurz und schaltet die Anlage schnell auf Stand-by.

Und was geschieht hier? Alle viere zeigen, dass sie da sind. Und wie! Von Anfang an gibt es keine Missverständnisse: Das Quartett „The Resonators“ ist in der Lage, stattliche Energien locker zu machen und dabei erheblichen Nachdruck zu entwickeln. Und „locker“ heißt hier nicht nur „entfesselt“, sondern zugleich umtriebig, kenntnisreich, geschichtsbewusst. Es ist nicht einfach Lärm, der losgetreten wird. Von Anfang an gibt es, und nicht zu knapp, Absicht, Struktur, Interaktion und hohe Phrasierungskunst. Also enorme Musikalität. Diese Qualitäten schieben sich bald in den Vordergrund oder zumindest neben die Energieverausgabung.

Ins quirlige Wasser

Nach dem ersten Sprung ins heiße, quirlige Wasser geht es auf diesem Album einige Zeit und über mehrere Stücke in etwa dieser Temperatur weiter. Nicht immer auf dem gleichen Energie-Level, das würde ja, selbst bei hohem Level, mit der Zeit langweilig. Aber die Ereignisdichte bleibt pulsierend und konstant, genau wie die aufgeräumte Freiheit des Ausdrucks und die engmaschige Interaktion. All das auf einem differenzierten Niveau, dem man langsam auf die Spur kommt: mit ständigen dramaturgischen Veränderungen, variierten Klang-Konstellationen, enormen, oft feinsinnig vorgenommenen dynamischen Abstufungen. Und Schritt für Schritt werden die Stücke und der Atem, mit dem sie gebaut sind, immer länger.

Für Hörerinnen und Hörer, die gern einen „file under“-Hinweis haben: es handelt sich im Kern um freie, avantgardistische improvisierte Musik, die sehr genau bei artifizieller Rockmusik und bei Noise-Stilistiken zugehört hat, also eine eigensinnige Art von Fusion praktiziert. Sie ist eigensinnig auch in dem Sinn, dass die beiden Melodiker der Band, Bläser und Bandleader Frank Gratkowski und Gitarrist Sebastian Müller, aus verschiedenen Richtungen und Genres in diesen Kontext geraten sind und gemeinsam ihre sich immer wieder gabelnden und überlagernden Wege gehen.

Frank Gratkowski, ein großer Virtuose seines Instrumentariums (hier: Altsaxofon, Klarinette, Flöte), hat hörbar viel mit zeitgenössischer Musik zu tun, phrasiert auf höchst individuelle Weise melodisch, in langen Bögen mit flirrend schnellen Fingersätzen und überraschenden Intervallen. Sebastian Müller arbeitet mit präzise eingesetzter elektronischer Klangbearbeitung, lässt eine Vorliebe für Art Rock und Fusion erkennen und liefert sich angespannte Duo-Kommunikationen mit Gratkowski. Schließlich geht es hier nicht um Friede, Freude, Eierkuchen, sondern ums Weiterkommen. Dazu tragen Reza Askari, Bass, und Thomas Sauerborn, Schlagzeug, intensive Basis-Puls-Arbeiten bei.

Das längste Stück und auch insgesamt das ausgeruhteste ist das letzte. Das Quartett blickt hier gewissermaßen zurück auf die Zeit davor und präsentiert sich wie in einer finalen Sichtung des Erreichten und des eigenen Ausdrucksspektrums: „Infinite Action Space“ ist der Titel dieser knappen finalen Viertelstunde. Nur die Dynamik lässt etwas nach, nicht die raffiniert gebaute Intensität der Musik.

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