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Haydns „Jahreszeiten“ im Kloster Eberbach: Regenguss und Flockenlast

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Von: Judith von Sternburg

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Der Bachchor Mainz mit dem Dirigenten Andreas Spering.
Der Bachchor Mainz mit dem Dirigenten Andreas Spering. © Ansgar Klostermann/RMF

Haydns „Jahreszeiten“ mit dem Bachchor Mainz in Kloster Eberbach.

Die Verlässlichkeit der Zeitläufte, die Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ vermittelt, hat in diesen Tagen eine markerschütternde Wirkung, und wenn es in Haydns Frühling nur die schwärmenden Bienen sind, und der Regenguss, der die Furchen tränkt, und in seinem Herbst die reiche Ernte, die in seinem Sommer reifen konnte, bevor in seinem Winter die ungeheure Flockenlast die Täler füllt. Bruthitze und Gewitter gibt es schon auch, aber sie sind nicht gemeingefährlich. Wir erinnern uns noch daran.

Dann wieder ist Kunst immer auch ein Gegenprogramm zu den Verhältnissen, und als „Die Jahreszeiten“ 1801 uraufgeführt wurden, war die Welt anders, aber nicht besser (und doch, denkt man, könnte sie nun ernsthaft zugrunde gehen, und sofort kommt wieder einer und sagt: das dachten die Menschen damals auch). Wenn Haydn und sein Texter Gottfried van Swieten ausführlich die Sonne rühmen, so rühmen sie jedenfalls die auch seinerzeit stets gefährdete Aufklärung.

So viele Ideen

Ein großer Moment in diesem spannenden, fein ziselierten, zutiefst ideenreichen Werk, das nicht so oft zu erleben ist – die recht atemberaubende Länge mag eine Rolle dabei spielen, das Staunen aber überwog beim Rheingau Musik Festival. Hier war der Bachchor Mainz in der Basilika von Kloster Eberbach zu Gast, dazu das Bachorchester Mainz, beide geleitet nicht, wie es sich gehört, von Ralf Otto, sondern von Andreas Spering, der für den Erkrankten kurzfristig hatte einspringen können.

Das muss starke Folgen für alle Beteiligten gehabt haben, zu hören war gleichwohl eine immens lebendige Darbietung. Chor und Orchester traten durchaus in großer Formation an, zeigten sich aber behände, der Chor dabei mit wunderbar homogenem, kultiviertem Großklang (und engelhaft gleißenden Sopranstimmen), beweglich wie ein einziger Körper. Das Lautmalerische in Haydns Musik, vom gurgelnden Bächlein über surrende Spinnräder und großes Halali (mit vorzüglichen Hörnern) bis zur fahl eingefrorenen Winterwelt, kam zur Geltung. Und wie der Bass Hans Christoph Begemann der runden Nuss, die im Herbst vom Baum fällt, ihre Schönheit gab und diese zugleich milde ironisierte, demonstrierte, wie sehr hier alles auf das Detail ausgerichtet war. Denn exzellent ebenso die Soli, neben Begemann der präzise Tenor Georg Poplutz und die ausdrucksstarke Sopranistin Valentina Farcas.

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