Emily Wells.
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Emily Wells.

Emily Wells in Frankfurt

Hauch, Hall und Juchzer

Pop als musikalische Inszenierung: die New Yorker Sängerin und Songwriterin Emily Wells im Frankfurter Mousonturm.

Von Stefan Michalzik

Im Kern sind es vom Folk geprägte Melodien, die Emily Wells singt. Anfänglich, Ende der neunziger Jahre, hat die New Yorker Sängerin und Songwriterin sie noch in der herkömmlichen Art zur akustischen Gitarre vorgetragen. Das klang passabel, aufhorchen ließ es nicht. Inzwischen setzt sie ihre Songs mit anderen Mitteln in Szene. Der Aufbau zu ihrem solistischen Konzert im vollbesetzten Lokal des Frankfurter Mousonturms ist praktisch der eines um Synthesizer, Drumcomputer und Mischpult erweiterten Schlagzeugsets, zudem spielt die 34-jährige immer wieder Linien auf der Violine.

Das Szenario mag einen dazu verführen, voller Bewunderung zu bestaunen, wie toll und mit welcher beiläufigen Leichtigkeit sie das macht. Es ist eine theatralische Art, in der sie ihre Songs arrangiert, die von Sehnsucht, Verlorenheit und Freundschaft handeln. Der Eindruck von der Musik ist der paradoxe einer kargen Dichte. Sie ist von einer verhangenen, spannungsvoll-leisen Art, mit einzelnen dramatischen Schlägen auf Trommel oder Becken. Die theatralische Instrumentierung stellt ein interessantes Verhältnis der Spannung zu den wirkungsvoll simplen, fast naiven Melodien her. Meist sind die Beats schleppend, fast schon könnte man Wells als eine One-Woman-Band des TripHops charakterisieren. Einzelnen Nummern wiederum ist ein gewisser HipHop-Flow oder ein unterschwelliger Housebeat eigen. Mal legt Wells per Live-Sampling mehrere Schichten des Violinspiels übereinander, mitunter lässt das repetitive Moment eine gewisse Nähe zum musikalischen Minimalismus erkennen.

Die nicht besonders hochgewachsene Musikerin mit dem lose herabhängenden schwarzen Haar ist von Erscheinung milde burschikos; das klischierte Etikett von der „Elfe“, das ihre etwas überirdisch anmutende Musik nahelegen könnte, passt nicht auf die Person. Ihre Stimme handhabt sie meist in einer Manier entgegen dem Rat des Gesangslehrers, für die Björk einst eine Pionierin gewesen ist, samt Hauch, Hall und Juchzern.

Alles ist selbstgemacht, das nahezu allein eingespielte und produzierte jüngste Album „Promise“, auf das ein Gutteil des Repertoires zurückgeht, ist auf dem eigenen Label Thesis & Instinct erschienen, die effektvoll geloopten Videobilder im Hintergrund mit Szenen aus Tanzfilmen hat Wells selber geschnitten. Ihre Liebe, das erklärt sie in einer Ansage, gilt Pina Bausch, deren Stimme hat sie für zwei Songs gesampelt. Pop ist in erster Linie musikalische Inszenierung – darauf versteht sich Wells in einer bemerkenswerten Art.

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