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Harry Styles – Eine Pop-Ikone im Superheldenkostüm

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Von: Christina Mohr

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Wenn der Name Programm ist: Harry Styles. Foto: Sony Music
Wenn der Name Programm ist: Harry Styles. © Sony Music

Popstar und Fashion-Ikone Harry Styles legt mit „Harry’s House“ ein zärtliches Album vor.

Gab man am vergangenen Freitag den Namen Harry Styles in die Google-Suchmaschine ein, zeigte diese als Erstes nicht etwa Rezensionen des gerade erschienenen neuen Albums an, sondern die Info, dass Styles seinen verlorenen Gucci-Ring zurückbekommen hatte. Fans hatten sich wochenlang dafür ins Zeug gelegt, dass der von einem Löwenkopf gezierte Ring wieder bei seinem Besitzer landete.

Diese Nachricht bedeutet keineswegs, dass Styles’ neues Album der Rede nicht wert ist (dazu später). Sie belegt die familiäre Care-Beziehung zwischen Harry und seinen Fans, vor allem aber Styles’ Status als Fashion-Ikone. Dass Popstars zu Aushängeschildern für Haute-Couture-Designer werden, hat Tradition, man denke nur an Madonna und Jean-Paul Gaultiers Kegel-BH oder Grace Jones in Kreationen von Azzedine Alaia und Issey Miyake. Pop und Mode sind untrennbar miteinander, ja, verwoben.

Harry Styles als erster Mann auf „Vogue“-Cover

Mit dem 1994 in Redditch, Worcestershire, geborenen Harry Edward Styles erfährt diese bewährte Kombination eine beispiellose Frischzellenkur: Der von Guccis Creative Director Alessandro Michele als „junger griechischer Gott mit der Aura von James Dean und Mick Jagger“ angeschwärmte Styles tritt in den extravagantesten Outfits auf, zierte als erster Mann das Cover der „Vogue“ und machte Werbung für den genderneutralen Gucci-Duft „Mémoire d’une Odeur“. Wenn man so will, begann Harrys Erwachsenendasein mit der Gucci-Connection: Es gibt ein Foto mit seiner Boyband One Direction aus dem Jahr 2015, auf dem Styles einen geblümten Gucci-Anzug trägt. Kurz darauf entschlossen sich die Mitglieder von One Direction zu einer bislang nicht beendeten Pause, um ihre Soloprojekte in Angriff zu nehmen. Seither widmen sich unzählige Tumblr- und Instagram-Accounts Harrys Style, man kann sogar Aufklebesets seiner Tattoos erwerben.

Das Album

Harry Styles: Harry’s House, Erskine / Columbia

Die Frage, weshalb er Damenkleider, Nagellack und Perlenohrringe trägt, pariert der trotz aller gestreuten Ambiguität ziemlich heterosexuelle Musiker (seine aktuelle Beziehung zu Schauspielerin Olivia Wilde ist ein Topthema der Yellow Press) damit, dass er sich von strengen Einteilungen in Männer- und Frauengarderobe nicht einengen ließe. Er orientiere sich an seinen Vorbildern Freddie Mercury, David Bowie und Prince, die „wahre Showtypen“ gewesen seien. Mode könne das Superhelden-Outfit sein, in dem alles möglich ist.

Vor ein paar Tagen in New York. Foto: Imago Images
Harry Styles vor ein paar Tagen in New York. © Zuma Wire / Imago Images

Stylist Harry Lambert erzählt gern davon, wie schwer es war, seinen Schützling zum Tragen von Schlaghosen zu überreden – als das geschafft war, sei Styles in jeder Hinsicht viel mutiger geworden. Wie weit es Harry Styles als durch Mode befreiter Popstar gebracht hat, konnte man Mitte April beim Coachella-Festival in Kalifornien sehen: Er begann seinen Auftritt in einem riesigen Straußenfedermantel, den er schon im ersten Song von sich warf und eine hautenge Pailletten-Latzhose präsentierte, in der er als glitzernder Rock-Superheld – kongenial begleitet von seiner fast komplett weiblich besetzten Band – durch eine spektakuläre Show tanzte, die als Höhepunkt des Festivals und Styles’ bisheriger Karriere gilt.

Verglichen mit dem Over-the-top-Auftritt bei Coachella ist „Harry’s House“ ein fast schon zurückhaltendes, warmes, freundliches (im Sinne von humanistisch) und zärtliches Album geworden. Angesichts der beeindruckenden Personalliste, die unter anderem Ben Harper, Pino Palladino und Quincy Jones als Gastmusiker und -komponisten aufführt, und des vermutlich dicken Produktionsbudgets umso erstaunlicher. Auf seinem „Harry Styles“ betitelten Debüt (2017) begann er, seine Solostimme herauszuarbeiten, das zwei Jahre später erschienene „Fine Line“ mit Hits wie „Golden“ und „Adore You“ ließ klar den künftigen Superstar erkennen.

Auf „Harry’s House“, der Titel ist eine Referenz auf Joni Mitchells Song „Harry’s House/Centerpiece“, zeigt Styles als Sänger eine Eigenschaft, die so manch anderem Performer seiner Preisklasse fehlt: sich selbst zurücknehmen, um den Song strahlen zu lassen. Harry ist kein despotischer Hausherr, sondern ein höflicher Gastgeber, der seine Stimme mit Bedacht einsetzt. Prince-artige Kiekser hier und da: ja, gerne. Übertriebenes Geschrei: eher nicht. Nur im melancholischen „As It Was“ (traurige Lieder sind ja immer am schönsten), das sich wie The Weeknds „Blinding Lights“ an der Synthiemelodie vom A-ha-Superhit „Take On Me“ bedient, schmettert Harry ein bisschen. Häufig kommt Styles den Hörerinnen und Hörern ganz nah, flüstert ins Mikrofon, was eine ganz vertraute, intime Stimmung begünstigt.

Die Texte, in denen feucht werdende Körperteile ebenso beschworen werden wie idyllische Frühstücksszenarien („maple syrup / pancakes for two“) und beiläufiges Drogennehmen, tun ein übriges. Es wirkt fast rührend, wenn er im soften „Just Keep Driving“ schlichte Freizeitgestaltung vorschlägt, als bewege man sich in denselben bescheidenen Verhältnissen. Die luftig-leichten Arrangements geben den Instrumenten viel Raum; mit Producer und Longtime-Companion Thomas Hull alias Kid Harpoon arbeitete Styles an einem vage nostalgischen Sound, der jedoch nicht allzu offensiv retro daherkommt: Im Opener „Music For a Sushi Restaurant“ und „Daydreaming“ werden funky Bläsersätze gezündet, das geschmeidige „Grapejuice“ – nach „Kiwi“ und „Watermelon Sugar“ offenbar die Weiterführung der Obstreihe – zitiert Westcoast-Yacht-Rock.

Oft werden die Hooks nur von den Instrumenten getragen, nach bester britischer Popmanier steht über allem die durchkomponierte, eingängige Melodie. Nach einigen in Los Angeles verbrachten Jahren zog Styles nämlich wieder nach Hause, also nach England, was sich in seinem hybriden Best-of-both-Worlds-Popentwurf durchaus spiegelt.

Dass Styles zuweilen in kitschige Gefilde abdriftet („If I were a bluebird / I’d fly to you“), sieht man ihm nach, denn viel wichtiger ist das vorbehaltlose Empowerment, das aus Songs wie „Matilda“, „Little Freak“ und „Boyfriends“ strömt: Es ist möglich, sich aus toxischen Verbindungen zu lösen, seien sie familiär oder amourös – kommt in Harry’s Haus, hier sind alle willkommen. Aber zieht euch was Hübsches an! (Christina Mohr)

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