Musikhochschule

„Happy New Ears“ in Frankfurt: Nicht immer nur nach vorne sehen

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Der Avantgardist Brian Ferneyhough bei den Happy New Ears in der Frankfurter Musikhochschule.

Zurück zu den Anfängen, das früh Liegengelassene wieder hervorholen. Mehr als ein Hauch Retrospektivität lag über der jüngsten Ausgabe der Reihe „Happy New Ears“, die an neuem, höchst bezeichnendem Ort stattfand. Einer Stätte, die für die Anfänge der Neuen Musik bedeutsam war – dem alten Sendesaal von Radio Frankfurt. Der heute der Große Saal der Musikhochschule ist. Ein Ort, wo alles, was in den 20er und 30er Jahren in Sachen zeitgenössischer Musik Gewicht hatte, präsent war. Jetzt haben die Werkstattkonzerte des Ensemble Modern hier neben dem Frankfurter Opernhaus und dem Bockenheimer Depot einen weiteren Ort ihrer Wahrnehmung gefunden.

Den trefflichsten überhaupt, denn im Rahmen einer der Ausbildung von Musikern und Komponisten gewidmeten Institution ist der zu öffnende Sinn der Happy New Ears besser aufgehoben als in einer Einrichtung musiktheatraler Repräsentanz, wo sie zudem immer mehr zu den „elder few ears“ zu werden schienen. Viel Musik studierende Jugend war jetzt im Auditorium ihrer Hochschule anwesend, um einer mittlerweile 76-jährigen Zentralfigur der musikalischen Avantgarde zu lauschen: Brian Ferneyhough. Genau am richtigen Ort gerade er: Ferneyhough, in Coventry geboren, war jahrzehntelang als Lehrender wirkmächtig und das nicht zuletzt als Dauer-Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen bis auf den heutigen Tag ist.

Komplexismus war der Stilbegriff, der seine Ästhetik und die der Schar seiner Adepten und Adoranten rubrizierte. Eigentlich ein Ferneyhoughismus, denn an Dichte und Vielgestalt in detailliertester Weise bei fast verstörender Aufführungs-Schwierigkeit konnte es keiner seiner Kollegen mit ihm aufnehmen.

Ein panoptisches Spähen

Jetzt war ein fast resignativer Ton im Gespräch mit Moderator Stefan Fricke zu vernehmen. Je älter man werde, umso mehr wende man sich frühen Ideen zu, erkenne Wege, die nicht verfolgt wurden und aus Unbedarftheit liegen gebliebene Sachen. Ein Avantgardist, der die einfältige Stoßrichtung nur nach vorne aufgibt und ein panoptisches Spähen und Verfolgen zu betreiben scheint.

Sehr gut passte dazu die Aufführung eines Bläserquintetts, „Gerhard Variations“ von 1965, als der spätere Meister-Vorgeher noch nicht entschieden in seiner Spur war. Ein bewegter, intervallisch dominierter Konstruktivismus, der sich auf eine kleine Töne-Anzahl eines Werks des Kollegen Roberto Gerhard (1896-1970) bezog. Markant und lebhaft von den Bläsersolisten des Ensemble Modern aufgeführt.

Mit dem Dirigenten Daniel Cohen, der seit einem Jahr Generalmusikdirektor des Staatstheaters Darmstadt ist, kam eine souverän ausgeführte Darstellung von „Contraccolpi“ von 2014/15 zustande: „Gegenschläge“, wo Schneidendes und Fließendes sich in ihren „kontradiktorischen Tendenzen“ zusehends als miteinander vereinbar erweisen sollen. Wenn da mal nicht ein Revisionismus des Komplexismus am Werk ist!

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