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Michael Volle in Frankfurt, am Flügel: Helmut Deutsch.

Liederabend

Hans Sachs singt Mahler

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Der riesengroße Bariton Michael Volle mit einem prächtigen Programm in der Oper Frankfurt.

Der Bariton Michael Volle, Jahrgang 1960, ist die idealtypische Verbindung aus Opern- und Liedsänger, und dass man schon den Eindruck haben konnte, Hans Sachs persönlich gäbe ein Konzert, machte es nur reizvoller. Es ist mehr Glätte und Geschmeidigkeit, wohl auch mehr Flinkheit möglich, aber nicht mehr Authentizität und Unmittelbarkeit, abgesehen davon war die Raumwirkung der hierfür fast überdimensionierten, trotzdem immens kultivierten, nuancierenden Stimme überwältigend.

Überwältigend auch die Lässigkeit im Auftreten, eine unheimliche Bühnenpräsenz, gemütlich und aufmerksam zugleich. Für solche Persönlichkeiten sind die Opernbühne und die Opernregie erfunden worden, bevor sie ahnen konnten, dass sie dereinst solche Protagonisten zur Verfügung haben würden. Aber auch Gustav Mahlers Titel „Um Mitternacht“ kann praktisch keine stimmigere Umsetzung erleben, keine plausiblere Steigerung von nachtschwarzer Depression zu – herrlich haltloser, menschgemachter, mitreißender – frommer Augenblicksekstase. Das Geschichtenerzählen wird der Opernsänger im Konzert nicht los, warum sollte er auch.

Beim Liederabend in der Oper Frankfurt, begleitet von seinem langjährigen Konzertpartner Helmut Deutsch, sang Volle symmetrisch Franz Schubert, mit dem er begann und endete, und Gustav Mahler. Wären Schuberts „Drei italienischen Gesänge“ als Rausschmeißer nicht derartige Knaller mit Finale in schönster Buffo-Manier gewesen, hätten die Mahler-Lieder – fünf Rückert-Lieder und der fahrende Geselle – vielleicht doch obsiegt. Volle kann ihrer mystifizierenden, flirrenden Seite ebenso viel abgewinnen wie ihrer scheinbaren, mit dunkler Munterkeit ausgestellten Naivität. Himmlische Unwucht lässt er walten, wenn er einen linden Duft atmet, impressionistisch vom Klavier umflossen. In „Liebst du um Schönheit“ wird er erneut zum Erzähler, ohne in Rollenprosa zu verfallen – wie gesagt: wenn Volle überhaupt eine Rolle einnimmt, singt hier Hans Sachs.

Überhaupt zeigt Volle bei aller Neugier und rasanten Zugewandtheit zu jedem einzelnen Titel kein größeres Interesse an Ausdrucksextremen. Hier werden keine Grenzen ausgetestet, keine Tiefen ausgelotet, hier wird Kunstlied gesungen. Kerniger die Schubert-Lieder, zunächst ein Meeres- und Binnenseefahrtsblock, in dem Goethes „Meeres Stille“ greifbar war, ohne dass Volle auf einen feinsten Vibratorest verzichtet hätte.

Mit dem so ganz anders gearteten Kollegen Christian Gerhaher verband Volle die in seinem Falle sogar recht intensive Nutzung der auf einem Pult bereitliegenden Noten. Drei Zugaben, Mahler – „Selbstgefühl“ als regelrechte Posse –, Schubert, Mahler.

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