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Beethoven, die Lebendmaske von Franz Klein. Hanns-Josef Ortheil: Sie wurde, um meine Mutter nicht zu erschrecken, in einem Geheimfach deponiert.
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Beethoven, die Lebendmaske von Franz Klein. Hanns-Josef Ortheil: Sie wurde, um meine Mutter nicht zu erschrecken, in einem Geheimfach deponiert.

Beethoven 250

Als kreiste man beethovenabhängig im Universum

  • vonHanns-Josef Ortheil
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Musik wie ein Schock: Hanns-Josef Ortheil befragt Hanns-Josef Ortheil zu einer lebenslangen Verzauberung.

Wann haben Sie Beethoven kennengelernt? Als kleiner Bub in den Fünfzigerjahren. Mit meiner Mutter hörte ich damals Musik im Radio: Haydn, Mozart und Juliette Greco. Bei Beethoven überfiel meine Mutter ein Gruseln. So bekam ich seine Klaviersonaten und Symphonien erst in Konzerten mit meinem Vater zu hören. Nach jedem Konzert war ich wie hypnotisiert, die Musik ging mir nicht mehr aus dem Kopf, es war jedes Mal wie ein Schock.

Haben Sie seine Stücke auch auf dem Klavier gespielt? Noch lange nicht, meine Lehrerinnen meinten, Beethoven sei nichts für klavierübende Kinder. Ich übte Czerny, spielte Sonatinen von Mozart und Schumanns „Album für die Jugend“ – das war weder dunkel noch gefährlich.

Und damit gaben Sie sich zufrieden? Keinen Moment. Ich hatte den Beethoven-Virus eingefangen und wollte alles über ihn wissen. In meinem Vater hatte ich einen ebenfalls infizierten Begleiter. Von Köln aus fuhren wir oft nach Bonn und streunten zusammen durch Beethovens Geburtshaus. Das war eine wunderbare Genie-Puppenstube: Noten, Bilder und vor allem Instrumente und Gegenstände aus Beethovens Leben. Da konkretisierten sich die Eindrücke und entwarfen eine Gestalt.

Hanns-Josef Ortheil.

Und wie sah die aus? Unheimlich! Ein kräftiger, muskulöser junger Mann mit dunklem Teint, der Violine, Bratsche und Orgel spielte, erste Kompositionen schrieb und täglich stundenlang über das Klavier herfiel. Und das nicht nur übend, sondern auch improvisierend. Das mochten seine Lehrer gar nicht, ich verstand aber gut, wie verlockend gerade das Improvisieren war. Es bedeutete Freiheit – gegenüber dem Übestress und dem Gehorsam, sich an fremde Noten zu halten.

Haben Sie auch improvisiert? Und wie! Nach dem Üben wurde improvisiert. Die gesamte Tastatur wollte bedient werden – das waren kleine Orgien mit waghalsigen Fingerläufen und verrückten Akkorden, heute denke ich, es war eine Art Free Jazz, ohne dass ich jemals Jazz gehört hatte.

Beethoven kam Ihnen näher? Es war wie eine Verzauberung. Den stärksten Anteil daran hatte die Lebendmaske Beethovens, die der Bildhauer Franz Klein ihm abgenommen hatte. Das Gesicht wird eingegipst, Luft erhält man nur noch durch zwei Röhren in den Nasenlöchern. Mein Vater schenkte mir eine Kopie, sie wurde, um meine Mutter nicht zu erschrecken, in einem Geheimfach deponiert. Alle paar Tage nahm ich sie heimlich heraus und hielt dieses bitterernste, brütend schwere Gesicht mit den geschlossenen Augen in den Händen.

zur Person

Hanns-Josef Ortheil, 1951 in Köln geboren, hat als Schriftsteller schon häufig über Musik geschrieben, zuletzt etwa in dem Insel-Band „Wie ich Klavierspielen lernte“. Aus der existenziellen Bedeutung, die Beethoven für ihn hat, machte er kein Hehl, sparte ihn zwischen Texten über Mozart, Bach oder Schumann aber bisher aus. Der promovierte Literaturwissenschaftler, der bis zu seinem 20. Lebensjahr den Plan verfolgte, professioneller Pianist zu werden, hat neben Essays und Sachbüchern zahlreiche Romane und autobiografische Erkundungen vorgelegt. In seinem Hausverlag Luchterhand erschien zuletzt der Hemingway-Roman „Der von den Löwen träumte“. „Mein Beethoven“ heißt die fünfteilige Radioreihe, in der Ortheil seiner Beziehung zum Jubilar nachgeht.

Hat die Maske Sie verfolgt? Ich begann, von Beethoven zu träumen, und sah einen vitalen, energiegeladenen Mann, der in der freien Natur brummend und entrückt unterwegs war und immer ein Skizzenbuch dabeihatte. So hatte ich ihn in einem Spielfim wie ein Besessener agieren gesehen. In seinen Wohnungen dagegen sah es chaotisch aus – wie in einer Wohngemeinschaft mit Gespenstern.

Haben Sie diese Wohnungen auch aufgesucht? Ja, nach Bonn war Wien dran! In den Ferien fuhr ich mit meinem Vater hin. Wir entwarfen einen Beethoven-Parcours durch die ganze Stadt, über dreißigmal soll er umgezogen sein. Leider waren die Wohnungen bis auf wenige Ausnahmen nicht zu besichtigen. So kauften wir in den Trafiks der Stadt lauter Postkarten mit Ansichten seiner Zimmer und Porträts, die Zeitgenossen gemalt hatten. Deren Berichte lasen wir, und meine Träume wurden noch intensiver. Es gab eine Standardszene: Ich saß an einem Flügel, Beethoven stand am Fenster und schaute hinaus. Wir schwiegen beide. Ich war sein Schüler und sollte etwas spielen, aber ich wusste nicht, was ...

Eine Urszene der Überforderung …Damals spielte ich lediglich einige seiner angeblich einfachen Variationen, etwa die über ein Schweizerlied. Sie waren Studien des Improvisierens, und ich mochte sie sehr – aber ich nahm an, ich würde den Meister mit derart einfachen Stücken verärgern.

Er hat nie etwas gesagt? Schließlich doch. Ich hatte den Bericht eines Schülers gelesen, der zum Unterricht erschienen war. Beethoven hatte gesagt: „Wir wollen heute nicht Unterricht nehmen, wir wollen lieber zusammen spazieren gehen …“ Etwas Ähnliches sagte er dann auch zu mir. Wir verließen seine Wohnung und gingen spazieren. In Wien gab es einen berühmten Beethoven-Gang, draußen, vor den früheren Toren der Stadt. In Nussdorf und Heiligenstadt. Den ging ich mit meinem Vater und starrte unterwegs auf die Postkarten, die den Spaziergänger Beethoven mit seinem berühmten Spazierstock und den Händen auf dem Rücken zeigten. Es war grandios, großes Kino.

Sie hätten ein Drehbuch schreiben können ... Ja, sofort! In Wien begriff ich erst, dass es nicht nur den komponierenden, sondern auch den extrem schreibenden Beethoven gegeben hatte: Briefe, Tagebücher, Notizhefte – und vor allem, die Sensation: die Konversationshefte! Als er ertaubte, hatte er sich auf diese Weise mit den Freunden verständigt. Die Konversation wurde schriftlich geführt, so dass wir die früheren Unterhaltungen bis ins letzte Detail verfolgen können. Welche gesellschaftliche Themen besprochen, wie Konzerte vorbereitet wurden, sogar, was gegessen und getrunken wurde, wissen wir, als wären wir dabei gewesen.

Kümmerte Beethoven sich auch darum? Er notierte sogar viele Details aus Kochbüchern und gab seinen Haushälterinnen konkrete Anweisungen, was gekocht werden sollte. Rindfleisch mit Sauerampfer, Geflügel jeder Art, Wild, Karpfen und Hecht, weiße Rüben, viel Grünes. In einem Wiener Antiquariat kauften mein Vater und ich eines der Kochbücher aus dieser Zeit, mit, wie es hieß, 1619 Kochregeln für Fleisch- und Festtage. Damals lernte ich die österreichische Küche kennen: Kaspressknödelsuppe, Fisoleneintopf, Krautfleckerln – ich notierte das Vokabular wie das einer Fremdsprache.

Hat Beethoven Sie auch in diesem Jubiläumsjahr verfolgt? Ihm zu Ehren war ich zu Anfang des Jahres wieder in seinem neu eingerichteten Geburtshaus. In Bonn habe ich mir vor den bitteren Corona-Tagen auch die große Ausstellung in der Bundeskunsthalle angeschaut. Während des Jahres habe ich fast all seine Stücke wieder gehört. Weniger die bekannten, eher die selten oder gar nicht gespielten.

Die gibt es? Beethovens Gesamtwerk wirkt heute wie ein großes, ungeheuer reiches und verblüffendes Labor. Es gibt die Stücke, denen er eine Opuszahl gab und damit in seinen Kanon aufnahm – und es gibt die vielen Kompositionen ohne eine solche Zahl, die gleichsam Ableger oder Zulieferer zu den zentralen Werken waren. Diese Stücke bieten die starken Überraschungen und zeigen den experimentierenden Beethoven. Lieder, Militär- und Tanzmusiken, Bagatellen, Variationen oder etwas für vier Posaunen oder zwei Flöten – fantastisch skurril!

Sie sind Beethoven also treu geblieben? Treue war ihm besonders wichtig. Treue, Aufrichtigkeit, Offenheit und Zuwendung. Wen er in sein Herz geschlossen hatte, dem widmete er sich ganz und gar. Viele seiner Briefe sind ekstatische Deklamationen von Freundschaft und Liebe, besonders die, die er Freundinnen schrieb. Er war ein bedingungslos Liebender, der aber wusste, dass seine Lieben an Standesunterschieden scheiterten.

Hat er darunter gelitten? Er benennt dieses Leiden, ich bin mir aber nicht sicher, ob er sich nicht schon früh als einen letztlich allein lebenden, nur der Musik dienenden Komponisten entworfen hatte. Er spricht oft von diesem Dienst, mit heftigem Pathos. Er fühlte sich der großen Kunst verpflichtet, und er verstand sich als leidenschaftlichen Enthusiasten, der die Empfindungen seiner Zuhörer an extreme Grenzen führen wollte.

Kann man sagen, dass Beethoven Sie geprägt hat? Die Hörerlebnisse waren die stärksten meines Lebens. Bis heute ist das so. Wenn ich einmal eine Weile abstinent war, gerate ich beim erneuten Hören wieder in die bekannten Dunkelzonen. Als befände man sich in planetarisch weit gedachten Räumen und Landschaften, als kreiste man, isoliert und beethovenabhängig, im Sternenuniversum. Der Übergang in der „Waldsteinsonate“ vom zweiten zum dritten Satz, oder wenn die Streicher im vierten Satz der 9. Symphonie zum ersten Mal die Melodie von „Freude, schöner Götterfunken“ intonieren – mein Gott, das bewegt mich so stark, dass ich sprachlos werde.

Darüber haben Sie bisher aber nie geschrieben, oder? Nein, wegen einer starken Scheu habe ich vieles notiert, aber nicht veröffentlicht. Meine Notizen ergäben bestimmt ein Buch, in dem ich von meinen Hörerlebnissen und „meinem Beethoven“ berichten würde. Das wäre die Erzählung einer intensiven Annäherung, von den Kinderzeiten bis jetzt.

Bis Freitag sind auf SWR2 morgens Ausschnitte aus dieser Erzählung zu hören ... Ulla Zierau, die Redakteurin, hat mich zu Beginn des Jahres eingeladen, diese Serie zu gestalten. Ich habe sofort zugesagt. Jetzt oder nie!, habe ich mir gesagt, in echt Beethoven’schem Ton, als ginge es um alles oder nichts.

Letzte Frage: Erinnern Sie sich noch an eine Ihrer Beethoven-Interpretationen auf dem Klavier? O ja! Es war ein Konzertauftritt mit einer seiner letzten Sonaten, der in As-Dur, opus 110. Ich war siebzehn, als ich das gespielt habe. Die Sonate endet mit einer Großen Fuge. Hinterher saß ich in der Garderobe und kämpfte gegen die Tränen. Es war die verrückteste Verausgabung, die ich je erlebt habe.

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