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Hank Williams Jr.: „Rich White Honky Blues“ – Teufels Lockungen

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Von: Olaf Velte

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Hank Williams Jr., natürlich mit Hut. Foto: Alysse Gafkjen
Hank Williams Jr., natürlich mit Hut. Foto: Alysse Gafkjen © ©ALYSSE GAFKJEN 2022

Hommage an den Hill Country-Blues: Fiesling Hank Williams Jr. mit famoser Begleitband.

In „Call Me Thunderhead“, diesem tiefergelegten Blues-Rock-Eigengewächs, wird der tolle Hecht innerhalb von vier Minuten vorgestellt. Ein Bursche, großgezogen mit Whiskey und Bier, stets Revolver und Gitarre im Anschlag, das wahre Antlitz hinter Bart und Sonnenbrille verborgen. Hank Williams Jr., der Kettenhund des konservativen Amerika, hat sein 57. Studio-Album vorgelegt: „Rich White Honky Blues“.

Das Ganze wäre vernachlässigbar, wenn die Brühe lauwarm und fad auf den Tisch kommen würde. Davon aber kann keine Rede sein. Der wohl einzige Sohn des Übervaters Hank Williams serviert ein zwölfteiliges Tellergericht, dessen scharfe Brocken brühheiß dampfen. Zu verdanken ist diese astreine Electric-Blues-Wucht mit seiner klaren North-Mississippi-Ausrichtung dem Studio- und Label-Eigner Dan Auerbach, der vor kurzem auch bislang ungehörten Son-House-Aufnahmen neue Heimat gegeben hat.

Dass der 73-jährige Williams sein breitbeiniges Fiesling-Image weiterhin pflegen kann, darf dem Großmut der beteiligten Musikerschar ins Poesiealbum geschrieben werden. Eine würdigere Truppe für die drei Tage andauernde Session ist auf unserem Erdball nicht ausfindig zu machen. Allesamt Könner und Analysten des Hill-Country-Blues, allesamt mittendrin im Damals und Heute. Neben den Slide-Meistern Kenny Brown und Dan Auerbach geben sich Bassist Eric Deaton und Schlagzeuger Kinney Kimbrough die Ehre.

Sie waren dabei, als sich die Heroen R.L. Burnside, T-Model Ford, Paul „Wine“ Jones auf der Bühne des von Magier Junior Kimbrough betriebenen Juke Joint einstöpselten und den Mond anheulten. Warum also nicht einem „Rich White Honky“ vom Schlage Hank Jr. – immerhin mit Country-Superstar-Status unterwegs – Geleit geben, gar eine Lektion erteilen? Während der alte Knurrhahn im Nebenzimmer an seiner Zigarre kaut, legen die Jungs schon mal ein pulsierendes, funkelndes Fundament unvergänglicher Grooves.

Das Album

Hank Williams Jr.: Rich White Honky Blues. Easy Eye Sound-Concord / Universal.

Zum Einstieg darf es ein akustischer Folk-Blues von Robert Johnson, zum Ausklang ein frommes, von Lightnin’ Hopkins stammendes „Jesus, Won’t You Come By Here“ sein. Dazwischen tobt sich der 1949 in Louisiana geborene und schon als 14-Jähriger ins Musikgeschäft gedrängte Lüstling mit Verve aus. Alkohol- und Drogenwahnwitz schmücken den Lebenslauf ebenso wie Todessehnsüchte, Unfälle und politische Entgleisungen.

Alles höchst dringlich

Seine gegerbte Stimme gräbt sich erfahrungssatt ins Songmaterial ein, verschafft jeder sexuellen Anspielung höchste Dringlichkeit. Die drei Eigenkompositionen lassen reichlich Raum für biografische Episoden, sprechen zugleich von seinen Lehrherren Bo Diddley, Bobby Blue oder John Lee Hooker.

Die Auswahl der Stücke ist exzellent. R.L. Burnside ist mit seinen schwerhypnotischen Shuffles zwiefach präsent, der große Lightnin’ Hopkins mit „Short Haired Woman“ und „My Starter Won’t Start“. – Immer und immer wieder diese Frauengeschichten, all der würgende Ärger: „And if you keep on whorin’, I’m gonna get my Gatling gun.“ Die wundervolle Band bleibt trotz des ganzen Gejammers aber unbeirrbar am Feuern, verleiht diesen versammelten Genre-Juwelen kernigen Schliff. Verbeugt sich in standesgemäßer Freisinnigkeit zudem vor Jimmy Reed, Muddy Waters, Big Joe Turner.

„Rock me baby / Rock me all night long“ ist eine dieser klassischen Blues-Zeilen, ein Versprechen obendrein. Honky-Tonk-Mann Williams Jr. weiß um die Kraft dieser Botschaften, weiß um des Teufels ewige Lockungen, das eigene Sündenregister. Will er seine warzige Seele tatsächlich befreien, das dunkle Untergeschoss ausfegen? Am Ende klingt es fast demütig: „Down on my knees to pray.“

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