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Die drei von half alive.

half alive

half alive: Cool in Strickjacke

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Das junge US-Trio half alive beeindruckt mit dem pfiffigen und originellen Debütalbum „now, not yet“.

Track Nummer 4 des Debütalbums einer Gruppe namens half alive heißt „The Notion“, die Idee oder Auffassung: Eine Frauenstimme (das Model Liz Ord) spricht über ihre Überraschung, als sie erfuhr, dass die drei von half alive – und offenbar auch die Menschen in ihrem engeren Umkreis – gläubig sind. Die Hörerin ihrerseits ist überrascht, dass drei jungen US-amerikanischen Musikern dieses indirekt eingeflochtene Bekenntnis offenbar so wichtig war, dass sie es zwischen die elf anderen Tracks ihres Debütalbums gepackt haben. Es macht die drei jungen Männer keineswegs unsympathisch, hängt aber doch, 37 Sekunden lang, als kleiner, seltsamer Fremdkörper zwischen Songs, die direkt zum Fußwippen verführen, die frisch, pfiffig und überwiegend leichtfüßig sind.

Der Bassist kam spät hinzu, war gleich kompatibel

Half alive (eigentlich schreiben sie sich noch mit einem rätselhaften Punkt zwischen half und alive), das sind der hellstimmige, muntere Sänger Josh Taylor, der nie stur vorandreschende, sondern intrikate Schlagzeuger Brett Kramer und der Bassist J Tyler Johnson. Taylor und Kramer trafen sich 2015 bei einem siebenmonatigen Songschreibkurs und beschlossen wohl, bis zum Ende des Kurses zusammen genau 50 Songs zu schreiben. Davon scheint der ein oder andere in das Debütalbum eingegangen zu sein. Bassist Johnson kam erst Ende 2018 dazu. Man wollte bei Konzerten größere Musikanteile live und handgemacht spielen können, heißt es. Johnsons Stil und Naturell waren sofort kompatibel, wie es scheint.

Der Titel des Albums lautet „now, not yet“ und ist damit – „jetzt, noch nicht“ – genauso kryptisch wie manche der Textzeilen. Die sollen nämlich offen sein für diverse Interpretationen der Hörer, gibt Josh Taylor an. Die meisten Songs handeln aber irgendwie von der Zukunft eines jungen Menschen, die ihn besorgt, aufgeregt, hoffnungsvoll macht. In „OK OK“ ist es okay, zu sein, wie man ist. Josh Taylor klingt hier, als würde er beim Singen mal lächeln, mal mit den Schultern zucken. In „Runaway“ zwitschert er geradezu „I don’t need to run away“. Auch gut. „Wandel ist in Bewegung zu finden“, heißt es dort außerdem, das ist ein Gemeinplatz, aber mit der Musik von half alive wirkt noch jede Zeile lässig und macht irgendwie gute Laune. Und ohnehin wurmen sich die Refrains zügig ins Ohr.

Die Bezeichnungen Pop, Rock, Funk, Disco, Elektropop usw. umschwirren dieses Album. Wichtig ist aber eigentlich nur, dass es direkt ins Blut geht, ohne dass ihm ein Zuckerschock folgt. Es wirkt überwiegend heiter, ist manchmal augenzwinkernd, manchmal ernsthaft, aber nicht schwermütig. Taylors Zehen hängen über dem Abgrund (in „Trust“), aber das hält ihn nicht davon ab, auch durch dieses Lied zu schlendern.

Apropos schlendern: Die Choreografen Aidan Carberry und Jordan Johnson vom JA Collective haben den Videos von half alive einen durch und durch zeitgenössischen, selbstironischen Anstrich verpasst. Die drei Musiker sehen aus wie Nerds, tragen auch mal Pullover und Strickjacken, wie sie ihre Großväter getragen haben könnten, aber wenn diese schmalen Jüngelchen tanzen, wirken sie geradezu cool. Da werden quicke Arm- und Handbewegungen zusammengefrickelt, kleine Kontaktimprovisationen eingefügt, da wird wild gesprungen, hüftgeschwungen.

Kein Wunder, dass es anfangs die Videos waren, die half alive zu einem Bekanntheitsschub verhalfen, dann ein Auftritt bei US-TV-Talker Jimmy Kimmel. Gleichzeitig sind sie nicht nur die Petersilie auf den Songs, sie passen wie angegossen zur leichten, originellen Musik. Es wird sich lohnen, diese drei jungen Männer zukünftig im Blick und im Ohr zu behalten.

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