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Seeed gleich zweimal in der ausverkauften Jahrhunderthalle in Frankfurt-Hoechst

Der Scheinwerfer beschreibt einen leeren Kreis auf den Bühnenboden zwischen Pierre Baigorry und Frank A. Dellé, da, wo Demba Nabé stehen müsste, der dritte Sänger von Seeed. Seine Stimme erklingt vom Band in einer mellowen Version des Reggae-Songs „You & I“. Demba Nabé ist im Mai 2018 gestorben, aber trotzdem sehr präsent beim Tourauftakt von Seeed in Frankfurts Jahrhunderthalle. Das Konzert beginnt mit „Ticket“, dem Song vom neuen Album „Bam Bam“, der Nabé gewidmet ist. Er war der Schräge mit der warmen Stimme im Sängertrio der Band.

„FC Bayern des Deutsch-Dancehall“ musste Seeed sich gerade von der „Süddeutschen“ nennen lassen, die dann wohl der Shabba Ranks unter den Münchener Tageszeitungen ist. Aber klar, elf Freunde sollten sie sein, wäre Nabé noch da, und erfolgreich sind sie auch: Komplett ausverkauft war die Tour binnen weniger Tage. Die zwischenzeitliche Solo-Karriere von Baigorry unter seinem Alias Peter Fox dürfte dazu viel beigetragen haben.

Angefangen hat Seeed vor rund 20 Jahren als deutsche Antwort auf jamaikanische Sound-Systems. Wer hätte gedacht, dass relaxte Riddims, saftige Bläsersätze und Sprechgesang (Toasting) auf Deutsch so gut zusammenpassen würden, dass das vierte Album „Seeed“ 2012 umgehend an die Spitze der Albumcharts stürmen und sich 47 Wochen darin halten würde.

Kurz vor Tourstart hat Seeed das fünfte Studioalbum „Bam Bam“ veröffentlicht, fast schon sowas wie ein Spätwerk mit ausgereiftem stilistischen Spektrum von Afro-Trap bis HipHop und manchmal nachdenklichen Texten wie in „Komm in mein Haus“: „Egal woher du kommst, an welchen Gott du glaubst / Gibst du die Welt nicht auf, dann komm in mein Haus, hey / Atme tief ein, atme tief aus / Öffne dein Herz, mach die Augen auf / Komm in mein Haus.“

Die neuen Songs spielen eine große Rolle beim Tourauftakt. Nura rappt ihren ziemlich banalen Gastbeitrag als genervte Freundin in „Sie ist geladen“ von der Großleinwand. In „Lass das Licht an“ thematisieren Seeed und Deichkind gemeinsam die Freuden des Sexuallebens jenseits der 40: „Es tanzt der weiche Wal.“ „G€ld“ parodiert Blingbling und Gangstarapprotz, „Love & Courvoisier“ die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Die meisten Nummern bleiben kurz und knackig, und so ist auch viel Platz für ältere Songs wie die „Dancehall Caballeros“, das Brett „Molotov“, „Schwinger“ und „Augenbling“. Auch der Riddim „Waterpumpee“, mit dem Seeed sogar im Heimatland von Reggae und Rasta bekannt wurde, die „Music Monks“ und das „Ding“ sind dabei. Dazwischen die Peter-Fox-Hits „Schwarz zu Blau“, „Schüttel deinen Speck“ und „Alles Neu“ sowie das Black-Cover „Wonderful Life“.

Die Show dazu ist ordentlich, aber nicht überbordend. Eine Frankfurter Tanztruppe fegt als Gäste über die Bühne. Baigorry und Dellé, manchmal auch die zwei Background-Sänger zeigen die eine oder andere Choreographie, der Rest ist Sound. Das zündet, die volle Halle hüpft. „Immer bei Dir“, die Berlin-Hymne „Dickes B“ und der Guten-Morgen-Song „Aufstehn“ sind die Zugaben: „Babe wach auf ich zähl bis 10 / Das Leben will einen ausgebn / und das will ich sehn.“

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